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Brienz gräbt sich aus dem Schlamm

Ursula und Marcel Santschi dürfen ihr mit Schlamm umflutetes Haus weiterhin nicht betreten. swissinfo.ch

Der Brienzer See, das blaugrüne Juwel im Berner Oberland, hat seinen Glanz verloren. Die sonst klaren Farben tendieren ins Braune.

Dieser Inhalt wurde am 31. August 2005 - 09:03 publiziert

Aber erst bei Brienz wird das Ausmass der Zerstörung sichtbar: Die tiefen Spuren zweier Stein- und Schlammlawinen durchs Dorf zerstören die Postkartenidylle endgültig.

Es ist 23:30 Uhr, Montag, 22. August 2005: Die Sirene ertönt – alle Brienzer Feuerwehrpflichtigen müssen einrücken. Ursula Santschi verständigt ihre Schwiegereltern, damit diese sie und ihre beiden Kinder mit dem Auto abholen.

"Und dann kam der Bach: Es flogen Steine. Unser Haus begann zu zittern. Ich übergab der Schwiegermutter meine Kleinste und holte Stephanie. Unser Auto war wahrscheinlich das letzte, das über die Schwandenbrücke kam", erzählt Ursula Santschi die dramatischsten Minuten ihres Lebens.

Ehemann Marcel war als Feuerwehrmann im Einsatz. Man begann das Gebiet um den Glyssibach zu evakuieren. Zwei Stunden nach der ersten kam dann die zweite Welle.

"Es war unglaublich", sagt Marcel Santschi gegenüber swissinfo. "Ein Wumm, und innerhalb einer, zwei Sekunden waren das Bachbett und einige Meter daneben mit riesigen Steinen und einer Schlammwand von bis zu acht Metern Höhe gefüllt."

Traurige Bilanz

Zwei Frauen werden getötet, 8 Häuser sind vollständig zerstört, 13 weitere Gebäude schwer beschädigt.

"Am Morgen sagte mir mein Mann am Telefon, er sei noch nicht beim Haus gewesen. Ich sollte mich jedoch auf das Schlimmste gefasst machen, unsere beiden Nachbarhäuser seien nicht mehr da," erzählt Ursula Santschi, welche die Nacht auf dem Brünigpass verbracht hatte.

Der Situation mit Fassung begegnen

Die beiden erzählen ruhig, aber nicht teilnahmslos, was ihnen widerfahren ist. Deutlich zu spüren ist aber, dass sie froh und dankbar sind, als Familie unversehrt zusammengeblieben zu sein.

"Wenn man zu Bett geht, wenn man sich entspannt, das ist die schlimmste Zeit. Tagsüber ist man mit den Kindern beschäftigt, da darf man seine Nervosität und die angespannte Stimmung nicht zeigen", so Ursula Santschi.

Man müsse jetzt halt stark sein, meint sie weiter. Und: "Wir dürfen uns nicht hintersinnen. Es ist halt so, die Natur wollte es so."

Seit einer Woche lebt die Familie nun in einem Ein-Zimmer-Studio im Haus von Marcel Santschis Eltern.

Ungewisse Zukunft

Wie es weitergeht, weiss niemand so genau. "Unser Haus steht noch, steckt aber fast drei Meter in einer Schlammschicht", sagt Marcel Santschi. "Wir wissen nicht, ob es sich verschoben hat. Das obere Stockwerk jedenfalls sieht noch intakt aus."

Seit einer Woche möchten sie sich die Schäden genauer ansehen. Aber das geht nicht. Der Schlamm ist so zäh und tief, dass jedermann sofort darin versinken würde.

So müssen sie warten, bis ihr Haus an der Reihe ist. Und das könnte noch eine Weile dauern, obwohl Lastwagen vom ersten Tageslicht an bis zum Einnachten im Dreiminuten-Takt Schlamm und Schutt aus dem Dorf karren.

Gewaltige Solidarität

Santschis sind begeistert von der grossen Solidarität im Dorf. "Man hilft sich gegenseitig so gut man kann," erklärt Marcel Santschi. Bei seinem Einsatz in der Feuerwehr wurden von der Bevölkerung immer wieder Getränke und Süssigkeiten angeboten.

"Eine Frau im Zivilschutzzentrum meinte, sie hätte in etwa dieselbe Kleidergrösse wie ich, ob sie aushelfen könnte", fährt seine Frau weiter. Auch Windeln und Kleider für die beiden Mädchen seien blitzschnell organisiert gewesen.

"Man hilft einander, da fragt kein Mensch, wieviel Lohn er pro Stunde erhalte", fügt Marcel Santschi hinzu.

Die beiden sind auch voll des Lobes für die Arbeit des Gemeindeführungsstabes: "Die Organisation in der Zvilschutzanlage war sensationell - Ärzte und Seelsorger waren sofort zur Stelle."

Gegenseitiges Verständnis

Bei einem so grossen Schadenereignis kann nicht jedes Problem auf Anhieb gelöst werden. Fehlentscheide sind möglich. "Die meisten Leute haben volles Verständnis, die sind froh, dass es so gut läuft," sagt Ursula Santschi.

Bis sie ihr Haus inspizieren dürfen, bleibt den Santschis noch Zeit. "Ich will einfach für meine Familie da sein. Wir wollen auch einmal nach Interlaken fahren - weg von diesem Schutt hier," sagt Marcel Santschi.

"Ausserdem haben wir jetzt endlich Gelegenheit, miteinander zu sprechen, unsere Situation zu überdenken und ein klein wenig in die Zukunft zu blicken", so seine Frau.

swissinfo, Etienne Strebel, Brienz

Fakten

Peter Flück, Gemeindepräsident der Berner Oberländer-Gemeinde Brienz koordiniert mit seinem Gemeindeführungsstab rund 250 Helfer aus Zivilschutz, Armee und Feuerwehr sowie private Helfer.

Von morgens bis abends verlassen mit Schlamm und Geschiebe beladene Lastwagen die Gemeinde im Dreiminutentakt .

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