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«Es braucht eine massive Aktion der Hungerhilfe»

Jean Ziegler, UNO-Sonderbeauftragter für Ernährung, hat Afghanistan und Pakistan zu Beginn des Jahres besucht. Keystone

Der Genfer Sozialdemokrat Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für Ernährung, warnt vor einer Hungerkatastrophe in Afghanistan. Er hat die Region im Januar bereist und zu Handen der UNO-Generalversammlung einen Bericht eingereicht. In einem Interview äussert er sich zur aktuellen Lage.

Jean Ziegler, stehen die Menschen in Afghanistan vor einer Hungerkatastrophe?

Die Lage ist absolut katastrophal. Es braucht eine ganz massive Aktion der Hungerhilfe. Es gibt eine unglaubliche Trockenheit, die seit Monaten andauert und die Ernten sowie etwa zwei Drittel des Viehbestands vernichtet hat. Die Nahrungsmittel-Situation ist schrecklich innerhalb des Landes und vor allem auch in den riesigen Flüchtingslagern in Pakistan bei Peshawar und Quetta sowie in der zentralasiatischen Republik Tadschikistan.

Sollte es nun zu einem militärischen Schlag der USA gegen Afghanistan kommen, wie wären die Auswirkungen in Afghanistan?

Das wäre die endgültige Apokalypse. Wenn die afghanische Zivilbevölkerung, die seit über 20 Jahren im Krieg lebt, jetzt noch eine militärische amerikanische Invasion oder massive Bombardements ertragen müsste, würde von der wenigen Infrastruktur und der wenigen Wirtschaft, die es noch gibt, und die die Menschen am Leben erhält, gar nichts mehr übrig bleiben. Ich glaube, ein Angriff auf Afghanistan wäre nicht ein Angriff auf die Taliban, es wäre ganz primär ein Angriff auf die schwer geplagte, völlig unterernährte, verelendete Zivilbevölkerung.

Welche Auswirkungen hätte ein militärischer Schlag der USA auf die Nachbarstaaten?

Ganz sicher würde dies die riesige islamische Republik Pakistan nicht überleben. Käme es mit Hilfe der pakistanischen Militärdiktatur zu einer amerikanischen Invasion, gäbe es einen internen Aufstand von Seiten der Taliban-Anhänger. Ich glaube nicht, dass Pakistan diese Situation institutionell, politisch und wirtschaftliche meistern könnte. Pakistan würde im Chaos zerfallen, es käme auch hier zur Hungerkatastrophe. Pakistan ist zwar eine effiziente Militärmacht, aber wirtschaftlich steht es auf ganz tönernen Füssen. Ich glaube, dass die sofortige Konsequenz einer kriegerischen Verwicklung Pakistans eine Hungersnot in der ganzen Region wäre.

Wie sieht es in den übrigen Nachbarstaaten aus?

Im Iran ist die Situation ein wenig besser, weil Iran – das ist zynisch gesagt – die Grenzen schon viel früher geschlossen hat. In Tadschikistan und in Usbekistan ist die Lage auch etwas besser, weil die Trockenheit diese zwei Republiken nicht verwüstet hat. Aber im Hochland von Peshawar ist die Erde braun und steinig. Es hat ausgetrocknete Brunnen, verendete Tiere, keine medizinische Versorung, Cholera. Dort muss die UNO ganz massiv und rapide tätig werden.

Die UNO unterstützt unter gewissen Bedingungen einen Vergeltungsschlag der USA, was sagen Sie dazu?

Als Privatperson sage ich dazu: Die UNO hat eine primäre Funktion in dieser Situation, das ist die Hilfe an die Zivilbevölkerung, die noch in Afghanistan lebt, auf der Flucht ist oder sich in den Flüchtlingslagern aufhält. Diese afghanische Bevölkerung hat ein Recht gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft, ein Recht auf Hilfe in extremster Not.

Was muss nun passieren an konkreter Hilfe?

Es müssten eigentliche Luft- und Seebrücken für die Nahrungsmittel-Zufuhr gebaut werden, wie es die Vereinten Nationen in Nordkorea und im Süd-Sudan gemacht haben, wo dies die einzige Möglichkeit für die Ernährung der Mehrheit der Bevölkerung ist. Dasselbe muss für Afghanistan passieren. Es muss eine internationale Mobilisierung stattfinden, damit die Kinder nicht mehr verhungern, nicht mehr zu Grunde gehen an der Cholera, an vergiftetem Wasser und nicht mehr sterben an den Mangel-Krankheiten.

Gibt es ihrer Ansicht nach noch andere Möglichkeiten der Hilfe?

Für Iran, Pakistan und Tadschikistan, dort wo die grossen Flüchtlingslager sind, aber insbesondere für die Region Peshawar in Westpakistan, müsste eine UNO-Sonderhilfeaktion gemacht werden. Diese Flüchtlinge sollten in den schon längst überfüllten Lagern wieder ein menschenwürdiges Leben finden und vor allem einfach überleben können. Es ist ein Katastrophensituation.

Kathrin Boss Brawand

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