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Expo-Skepsis in Yverdon

Olivier Kernen setzte sich anscheinend zu sehr für die expo.02 ein. Keystone

Nur wenige Monate vor Eröffnung der Landes-Ausstellung hat die Bevölkerung der Expo-Stadt Yverdon ihren "Expo-philen" Bürgermeister abgewählt.

Nächstes Jahr muss sich der Sozialdemokrat Olivier Kernen, der während 8 Jahren vollamtlich Syndic (Bürgermeister) von Yverdon war, nach einem neuen Job umsehen. Die ehemalige Arbeiterhochburg entschied sich am 11. November für einen mehrheitlich bürgerlichen Gemeinderat. Er sei «serein» (gelassen), aber er bedaure, gewisse Dinge nicht zu Ende führen zu können, kommentiert Kernen seine Niederlage.

Kernens schmachvolle Niederlage – er landete auf dem zweitletzten Platz – finden selbst seine politischen Gegner ungerechet. «Er war ein guter Botschafter der Stadt», erklärt der freisinnige Gemeinderat Paul-Arthur Treyvaud. Doch in Sachen Expo habe Kernen wohl «die nötige Distanz» gefehlt.

Skepsis und Unmut

Die Yverdonnois stehen der Expo relativ skeptisch gegenüber. Dies sieht auch SP-Präsidentin Silvia Giorgiatti als Hauptgrund für Kernens Abwahl. «Die Leute fühlen sich nicht einbezogen», sagt sie. Die Bevölkerung sehe bis jetzt vor allem die Belastungen, welche das Expo-Massenpublikum in die Stadt bringt, so etwa mehr Verkehr.

Man befürchte, «die Rechnung zu bezahlen und nichts davon zu haben», fasst Giorgiatti das Unbehagen zusammen. Für FDP-Mann Treyvaud hinterlässt die Expo der Stadt zuwenig an bleibender Infrastruktur. Das Motto der Landesausstellung, möglichst keine Spuren zu hinterlassen, sei eine «unglaubliche Verschwendung».

Zwar profitiere Yverdon von Impulsen der Expo, etwa mit dem Ausbau des Bahnhofplatzes oder Verbesserungen an den Seeanlagen. Diese Investitionen habe die Gemeinde jedoch selbst berappt.

Wirtschaftlicher Abschwung

Die fehlende Aufbruchstimmung hat in Yverdon aber auch handfeste wirtschaftliche Gründe. Die Arbeitsplätze in der ehemaligen Industriestadt geraten immer mehr unter Druck. Hart getroffen wird Yverdon von der Restrukturierung des Rollmaterialservice der SBB.

In der SBB-Hauptwerkstätte werden bis ins Jahr 2005 140 der 390 Stellen gestrichen. Der Abbau soll zwar ohne Entlassungen erfolgen, der Frust über die Ohnmacht der Behörden gegen diesen Entscheid aus Bern sitzt in Yverdon aber tief. Die Quittung folgte an der Urne. «Wir haben diese Frage unterschätzt», räumt die SP-Präsidentin selbstkritisch ein.

Bedroht sind in Yverdon zudem rund 100 Arbeitsplätze der 4M Technologies, die in finanzielle Schieflage geraten ist. Die Herstellerin von Speichermedien hat jedoch dank einer Nachlassstundung eine sechsmonatige Verschnaufpause bis im nächsten Frühling erhalten.

Gelangweilte Jugend

In die Schlagzeilen geriet Yverdon diesen Sommer auch wegen gewaltsamer Zusammenstösse von Jugendlichen an Yverdons Stränden. Das Thema sei von den Medien hochgefahren worden, findet Silvia Giorgiatti.

Auch für PdA-Gemeinderätin Hélène Grand ist das Phänomen in Yverdon nicht ausgeprägter als anderswo. «Es fehlt aber an Jugend-Treffpunkten.» Paul-Arthur Treyvaud spürt hingegen eine zunehmende Verunsicherung in der Bevölkerung, auch wenn dieses subjektive Gefühl die reale Gefährdung wohlmöglich übersteige.

swissinfo und Agenturen

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