Gotthard: Akribische Suche
Die Experten haben die Untersuchungen im Gotthard-Tunnel aufgenommen. Spezialisten arbeiten in der "roten Zone" - also am Ort des Unfalls, der mindestens elf Todesopfer gefordert hat.
Nach einer letzten Kontrolle der Luftqualität untersuchen die Spezialisten der DVI – Disaster Victims Identification – die Reste der verkohlten Fahrzeuge. Sie suchen allfällige weitere Opfer. Zwölf Fahrzeuge stehen noch im eigentlichen Unfallbereich. Ausserdem wollen die Fachleute die genaue Unglücks-Ursache ermitteln, was zwei bis drei Wochen dauern kann.
Bis der Tunnel vollständig geräumt ist, wird es mehrere Tage dauern. Damit der Tunnel überhaupt betreten werden kann, musste die Tunneldecke stabilisiert werden. Die Arbeiten dazu waren am Samstag gegen Abend beendet worden. Am Sonntag hatten die Arbeit geruht, damit sich die Helfer erholen konnten.
Gedenkgottesdienst für die Opfer
Am Sonntag hatten gegen 400 Personen in einem Gottesdienst der Unfallopfer gedacht. Nach dem Zusammenstoss zweier Lastwagen war im 16,3 km langen Gotthard-Tunnel ein Feuer ausgebrochen. Elf Menschen starben, 30 werden noch vermisst.
Der Brand mit seiner massiven Hitzeentwicklung hat die Tunnel-Konstruktion stark beschädigt. Die Tessiner Behörden gehen davon aus, dass der Tunnel während mehrerer Monate für den Verkehr gesperrt bleibt.
Den Schwerverkehr regulieren
Nach der Brandkatastrophe im Gotthard-Tunnel sucht sich der Schwerverkehr auf der Nord-Süd-Achse neue Wege. Der Tessiner Baudirektor Marco Borradori fordert deshalb eine Regulierung des Schwerverkehrs in Europa. Nicht die Sicherheit im Gotthardtunnel sei das Hauptproblem, sondern das zu grosse Verkehrsvolumen.
Der Bundesrat müsse sich bei der EU für eine europäische Lösung des Schwerverkehr-Problems einsetzen. Gemäss Regierungsrat Borradori wäre zum Beispiel eine Limitierung denkbar (siehe Link). Die EU hingegen fordert ein Entgegenkommen in Sachen 40-Tönner. Die Schweiz solle das 40-Tönner-Kontingent vorübergehend erhöhen.
Angst vor wirtschaftlichen Verlusten
Seit der Katastrophe im Tunnel fehlt eine wichtige Verbindung ins Tessin von Norden her. Doch Engpässe in der Lebensmittel-Versorgung seien wegen der Schliessung des Gotthardtunnels bisher nicht zu spüren, sagte Finanz- und Wirtschaftsdirektorin Marina Masoni in einem Interview der «SonntagsZeitung». Diversen Betrieben fehle es aber an Ersatzteilen und Rohmaterial. Die wirtschaftlichen Schäden liessen sich noch nicht beziffern.
Der Kanton habe zudem eine Task Force eingesetzt. Sicher werde auch der Bund helfen müssen, weil das Tessin ohne Gotthard-Verbindung isoliert sei.
Kein Katastrophen-Szenario verbreiten
«Der Gotthard ist nicht New York», sagte der Direktor des Fremdenverkehrs-Verbands Ticino Tourismo, Giuseppe Stinca. Das Tessin sei nicht isoliert, und es müsse vermieden werden, dass ein Katastrophen-Szenario über die Erreichbarkeit des Tessins verbreitet werde. Neben den Verbindungen über die Alpenpässe gebe es ausgebaute Bahnangebote und Crossair-Flüge. Hinzu komme, dass der Personenwagen-Verkehr ins Tessin ohne Schwerverkehr flüssiger vorankomme.
swissinfo und Agenturen
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