Noch einmal etwas Mutiges tun
Die Grüne Partei der Schweiz hat ein Kopräsidium. Die Delegierten wählten am Samstag Ruth Genner (ZH) und Patrice Mugny (GE) an die Spitze der Partei. Sie treten die Nachfolge von Ruedi Baumann (BE) an.
In seiner Abschiedsrede als Präsident forderte Baumann neues Engagement und neue Ideen. swissinfo unterhielt sich mit dem scheidenden Parteipräsidenten, der sich sich jetzt in Frankreich niedergelassen hat. Dort führt er einen Bio-Landwirtschafts-Betrieb und ist somit Auslandschweizer.
Herr Baumann, welche Bilanz ziehen Sie nach vier Jahren als Präsident der Grünen Partei der Schweiz (GPS)? Und welche Perspektiven gibt es heute für die Grünen?
Natürlich ist man als Parteipräsident mit dem Erreichten nie zufrieden. Aber immerhin: Ich verlasse nach vier Jahren eine intakte Grüne Partei; intakt nicht zuletzt auch mit den Finanzen, denn vor vier Jahren waren die Grünen stark verschuldet. Inzwischen haben wir wieder schwarze Zahlen erreicht.
Auch politisch sind Erfolge da: Die grossen Auseinandersetzungen zwischen Pro- und Anti-Europäern in unserer Partei haben sich gelegt. Die GPS hat in verschiedenen Volksabstimmungen in den letzten Jahren Offenheit bezüglich Europa und der UNO bewiesen. Daneben haben wir mit unserer Initiative Flexibilisierung des Rentenalters einen sensationellen Erfolg erzielt: eine Ja-Mehrheit in der Romandie und ein gutes Resultat in der Deutschschweiz.
Nach dem tragischen Unfall im Gotthard-Tunnel hat sich der Kampf zwischen Anhängern einer zweiten Strassenröhre und Anhängern der Eisenbahn zugespitzt. Auch im Mont-Blanc-Tunnel ereignete sich eine Katastrophe. Welche Analyse machen Sie?
Ich bin überzeugt, dass diese Probleme nicht mit zusätzlichen Tunnels und Strassenbauten zu lösen sind. Auch in Frankreich wehren sich die Grünen sehr stark gegen die Wiedereröffnung des Mont-Blanc-Tunnels. In der Schweiz würde eine zweite Gotthard-Tunnelröhre mindestens 17 Jahre Bauzeit beanspruchen.
Die ökologische Verkehrspolitik der Schweiz sollte weitergeführt werden: nämlich Güter und Laster auf die Bahn; alle Bahn-Kapazitäten nutzen und ausbauen.
Sie waren lange in der Schweizer Agrarpolitik tätig. Sie sind selber Bauer und spezialisiert auf die Bio-Landwirtschaft. Welche Zukunft hat ein junger Bauer heute in unserem Land?
Leider ist es in der Schweiz so, dass ein Bauer wegen des hohen Preisniveaus kein Land mehr kaufen kann. Bauer in der Schweiz werden kann nur noch, wer privilegiert ist und den elterlichen Hof übernehmen kann. Auch Pachtland ist praktisch nicht mehr bezahlbar. Das hat mich auch bewogen, für meinen jüngeren Sohn in Frankreich eine neue Existenz aufzubauen. Dort ist das Land noch günstiger zu haben.
Bezüglich Bio-Landbau hat die Schweiz ansehnliche Fortschritte gemacht; wir zählen zur Zeit etwa 10% Bio-Betriebe. Aber man sollte da nicht nachlassen und nicht zurückfallen. Wir haben unsere Leader-Position, die wir vor Jahren inne hatten, inzwischen verloren. Frankreich hat in diesem Bereich mit 1 bis 2% Bio-Bauern noch einen grossen Rückstand. Ich stelle aber fest, dass jetzt Anstrengungen in Richtung Bio-Landwirtschaft unternommen werden, auch vom Staat.
Herr Baumann, warum sind Sie ausgewandert?
Massgebend waren ausschliesslich berufliche Gründe. Ich wollte eine neue berufliche Perspektive. Wenn ich jetzt als 53-Jähriger aus der Politik aussteige, muss ich beruflich versuchen, meine Brötchen zu verdienen. Und da haben gerade grüne Politiker nicht allzu viele Alternativen. Wir sind nicht in Verwaltungsräten und werden nicht mit entsprechenden Angeboten überhäuft. Überdies bin ich jetzt in einem Alter, in dem man noch einmal etwas Mutiges tun sollte.
Sie haben nicht ausgeschlossen, dass Sie im Herbst 2003 nochmals für den Nationalrat – die Grosse Kammer des Schweizer Parlamentes – kandidieren. Würden Sie das dann als Vertreter der Auslandschweizer tun?
Ich kann mich ja nicht gut selber zum Vertreter der Auslandschweizerinnen und -schweizer erklären. Aber immerhin stelle ich fest, dass ich schon jetzt sehr viele Kontakte habe durch meine bisherige Tätigkeit im Nationalrat und offenbar einen gewissen Bekanntheitsgrad.
Ich habe sehr viele Reaktionen von Auslandschweizerinnen und -schweizern, insbesondere in Frankreich, erlebt. Allerdings bin ich nicht engagiert in der Auslandschweizer-Organisation (ASO). Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ich überlege mir diese Kandidatur. Und da ich Mitglied der Aussenpolitischen Kommission bin habe ich das Gefühl, dass diese Sicht von aussen zumindest dem Schweizer Parlament nicht schaden würde.
Interview: Mariano Masserini
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