Trainingslager für Jungpolitiker
Jugendliche aus verschiedenen Teilen der Schweiz treffen sich übers Wochenende in La Chaux-de-Fonds zur 9. Jugendparlament-Konferenz - und üben das Politisieren.
In der Schweiz gibt es derzeit rund 50 kommunale und kantonale Jugendparlamente. Auf nationaler Ebene steht ein Parlament jugendlicher Politikerinnen und Politiker bisher aus.
Jugendparlamente seien eine gute Sache, sagt Leo Brücker, Präsident der eidgenössischen Kommission für Jugendfragen gegenüber swissinfo. «Jugendparlamente sind wichtige Foren, um Erwachsene, Kinder und Jugendliche für Partizipations-Fragen zu sensibilisieren. Sie sind zudem eine attraktive Form für Kinder und Jugendliche, um erstmals in der Politik zu ’schnuppern‘.»
Chance zum Austausch
Die vom 26. bis 28. Oktober stattfindende Jugendparlament-Konferenz in La Chaux-de-Fonds, zu der rund 80 Jugendliche aus verschiedenen Teilen der Schweiz erwartet werden, bietet keinen Ersatz für das fehlende nationale Jugendparlament. Immerhin ist die Veranstaltung aber eine Chance zu gegenseitigem Austausch unter politisch engagierten Jugendlichen.
Organisiert wird die dreitägige Konferenz vom Dachverband Schweizer Jugendparlamente (DSJ) und ist nicht mit der eidgenössischen Jugendsession zu verwechseln, die jährlich unter der Bundeshauskuppel stattfindet.
Weiterbildung und Diskussion
«Wir bieten Weiterbildungs-Möglichkeiten und Diskussions-Gruppen an, damit ein echter Austausch stattfinden kann», sagt die 20-jährige DSJ-Koordinatorin Adrienne Mattmüller gegenüber swissinfo.
In Workshops und Diskussionsgruppen üben die Jungparlamentarierinnen und -parlamentarier, sich auf der politischen Bühne professionell zu bewegen. Die Anliegen, welche die Jugendlichen brennen, seien recht breit, erklärt Mattmüller. «Es sind einerseits konkrete Projekte wie die Errichtung eines Skater-Parks oder die Einführung eines Nachtbusses. Es können aber auch politische Themen sein: etwa das Stimm- und Wahlrecht 16 oder die Hanflegalisierung.»
Das am Mittwoch in Bern vor den Medien präsentierte Konferenz-Programm kann sich sehen lassen. Da geht es etwa um die «Durchführung eines Projektes von A bis Z», den «Kontakt mit Behörden», den Umgang mit den Medien oder die «Herausgabe einer Jugendparlaments-Zeitung».
Daneben stehen aber auch politische Themen auf der Traktandenliste: Wie soll der Staatskunde-Unterricht in der Schule gestaltet werden? Wie wird sich die Schweiz im 21. Jahrhundert entwickeln? Und: Feiert der Nationalismus in der Schweiz eine unheilvolle Auferstehung?
Auch Prominenz wird in La Chaux-de-Fonds nicht fehlen: Bundesrätin Ruth Dreifuss und Expo.02-Chefin Nelly Wenger haben ebenso ihre Aufwartung versprochen wie François Nordmann, Repräsentant der Schweiz bei den internationalen Organisationen in Genf.
Dem Behörden-Goodwill ausgeliefert
Die von Jugendparlamenten ausgehende Wirkung ist beschränkt. «Generell muss man sagen, dass wir nicht sehr ernst genommen werden. Von ein paar löblichen Ausnahmen abgesehen haben die Jugendparlamente keine direkten Rechte. Wir sind auf den Goodwill der Behörden angewiesen», erklärt Mattmüller.
Und mit dem Goodwill sei es eben so eine Sache. «Wenn die Jugendparlamente Geld für ihre Budgets wollen, stossen sie bei den Behörden oft auf Skepsis.» Wenn dann aber wieder einmal Wahlkampf herrscht, seien die Politiker schnell versucht, sich mit den Federn der Jugendparlamente zu schmücken: «Da brüstet sich ein Regierungsrat, er habe einen Nachtbus ins Leben gerufen, dabei stand eine jahrelange Knochenarbeit der Jugendlichen dahinter,» empört sich Mattmüller.
Die Angst der Erwachsenen
Ähnlich sieht dies der Jugendkommissions-Präsident Leo Brücker. Noch immer begegne die so genannte «Erwachsenen-Politik» den politischen Anliegen Jugendlicher mit gemischten Gefühlen. «Viele Erwachsene haben wenig Erfahrung darin, in Projekten mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten. Sie haben Angst davor, Macht abzugeben.» Zudem würden die jugendlichen Ansprechpartner verhältnismässig schnell wechseln. Dies erschwere die Zusammenarbeit zusätzlich.
Trotzdem gibt sich Brücker für die Zukunft des jugendlichen Parlamentarismus optimistisch: «Die ‚Erwachsenen-Politik‘ hat erkannt, dass Jugendliche in ihren Parlamenten sehr wertvolle Beiträge leisten können.»
Allzu weit sei man allerdings noch nicht gekommen. «Es ist ein Prozess, der noch lange dauern wird – und der hoffentlich an Dynamik gewinnt.»
Felix Münger
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