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Die heilsame Identitätskrise der Schweizer

Martin Suter, Auslandschweizer und Bürger eines "selbstkritischen Landes". Regine Mosimann/Diogenes Verlag

Der Schweizer Erfolgsautor Martin Suter denkt für swissinfo in Wien anlässlich der Präsentation seines neuen Romans "Der letzte Weynfeldt" über sein Heimatland nach und hinterfragt dabei das Schweiz–Bild gehörig.

Der erfolgreiche Schweizer Autor Martin Suter interessiert sich seit Jahren nicht mehr für Fussball und achtet darauf, während der EM weit weg vom Geschehen zu sein.

Das Diktat der Sponsoren in den Fanmeilen, sagt er, grenze zuweilen an Freiheitsberaubung. Suter lebt mehrheitlich in Guatemala und auf Ibiza.

swissinfo: In Ihren Romanen leiden die Protagonisten an Identitätverlust durch Gedächtnisstörungen wie Alzheimer in «Small World», einem halluzinogenen Pilz–Trip in «Die dunkle Seite des Mondes» oder einer Amnesie in «Ein perfekter Freund». Haben Sie da indirekt etwas typisch Schweizerisches verarbeitet? Es heisst die Schweiz stecke seit Jahren in einer schweren Identitätskrise, aus der sie ohne Vergangenheitsbewältigung nicht herauskommt. So wurden urschweizerische Werte wie die Neutralität oder das Milizsystem verteidigt, statt hinterfragt.

M.S.: Stimmt alles nicht so ganz. Die Schweiz hat sich, spät aber doch, an die Vergangenheitsbewältigung gemacht und das vielleicht gründlicher als Österreich. Die Neutralität wird immer wieder hinterfragt und immer wieder aufgeweicht. Und die Schweiz hat schon in den achtziger Jahren in einer Volksabstimmung beinahe die Armee abgeschafft.

Es stimmt, dass die Schweiz seit eben dieser Vergangenheitsbewältigung, der knappen Ablehnung des EU–Beitritts, des Swissair -Groundings und der Bankenkrise in eine heilsame Identitätskrise geraten ist. Aber damit wird sie fertig werden.

swissinfo: «Unsere Armee verteidigt keine Grenze sondern einen randvoll gefüllten Tresor.» erklärt Klara Obermüller in ihrem Schweiz-Buch «Wir sind eigenartig ohne Zweifel». Im zweiten Weltkrieg hatten sowohl Hitler als auch die Alliierten ihre Depots in der Schweiz, was die Schweiz de facto zum sichersten Land der Welt machte. Die Schweizer Banken sind heute zwar vermehrt um Transparenz bemüht und zahlreiche Millionen zweifelhafter Herkunft werden eingefroren. Wäre die Schweiz ärmer oder glücklicher ohne all das Geld?

M.S.: Ich glaube, dass wir «ohne Zweifel» sind, ist eine überholte These. Die Schweizer sind voller Zweifel, ihr Selbstbewusstsein ist gehörig angeknackst. Im übrigen glaube ich nicht, dass unsere Armee in der Lage ist, irgendetwas zu verteidigen, das von entschlossenen Feinden angegriffen wird. Weder Grenzen noch Tresore.

swissinfo: Isoliert von und mitten in Europa behauptet sich der Kleinstaat Schweiz. Er tut übrigens das, was viele Österreicher sich noch immer wünschen, speziell was die Eigenbestimmung betrifft. Stichworte: EU–Diktat und die Neutralität. Droht der Schweiz eine Isolation?

M.S.: Ich bin ziemlich sicher, dass die Schweiz früher oder später zur EU gehören wird.

swissinfo: Unter der schützenden eidgenössischen Käseglocke gedeiht eine «unheimliche Heimeligkeit». Man kann sich des Gefühles nicht erwehren, dass es unter der ruhigen Oberfläche gewaltig brodelt. Was ist ihr Schweiz-Bild?

M.S.: Die Schweiz ist ein sehr modernes Land mit einem sehr gut funktionierenden politischen System, das es zum Beispiel schafft, Regierungsmitglieder, die ihm zu dominant sind, aus der Regierung zu schmeissen. Die grosse Mehrheit der Schweizer sind vernünftige, weltoffene und tolerante Leute.

swissinfo: Die Schweiz ist – das Schweizer- und Hochdeutsch mitgerechnet – ein fünfsprachiges Land. Sehen Sie als Autor in dieser Sprachenvielfalt einen Gewinn oder eher eine Gefahr?

M.S.: Sie ist zweifellos ein Gewinn. Sie fördert die Toleranz und Weltoffenheit. Und was das Hochdeutsch der Deutschschweizer Schriftsteller angeht: Das Schweizerdeutsch macht den Gebrauch des Hochdeutschen bewusster.

swissinfo: Wie würden Sie die in Rolf Lyssys Film «Die Schweizermacher» gestellte Frage beantworten, «Wenn Wilhelm Tell heute leben würde, wen würde er erschiessen»?

M.S.: Sich selbst.

swissinfo: Was bedeutet «Schweizer sein» für Sie?

M.S.: Bürger eines ziemlich selbstkritischen Landes mit einem sehr überzeugenden politischen System, einer perfekten Infrastruktur und einer bezaubernden Landschaft zu sein.

swissinfo: Haben Sie manchmal Heimweh?

M.S.: Nein, wir sind ja immer wieder mal in der Schweiz.

swissinfo-Interview: Karin Wolfsbauer, Wien

Der Schriftsteller, Kolumnist (Business Class-Geschichten) und Drehbuchautor Martin Suter ist 1948 in Zürich geboren.

Bis 1991 verdiente er sein Geld auch als Werbetexter und Creative Director, dann entschied er sich ausschliesslich fürs Schreiben.

Alle Romane wurden auch international große Erfolge. 1997 erschien Martin Suters erster Roman «Small World». Es folgten «Die dunkle Seite des Mondes», «Ein perfekter Freund», «Lila, Lila» und «Der letzte Weynfeldt».

Für «Der Teufel von Mailand» erhielt er 2007 den Friedrich-Glauser-Preis. Martin Suter lebt mit seiner Familie in Spanien und Guatemala.

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