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Wie der Irankrieg Schweizer Konsument:innen trifft

Ein Tanklastwagen für Flugbenzin betankt ein Flugzeug
Die Preise für Flugbenzin haben sich seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten in etwa verdoppelt, was zu einem Anstieg der Flugpreise geführt hat. Keystone / Silva Schnurrenberger

Zwei Monate Krieg im Iran haben einen globalen Energieschock mit weitgehenden Folgen ausgelöst: Textilfabriken in Indien mussten schliessen, in Teilen Europas bleiben Flugzeuge am Boden und in Südostasien wird Energie rationiert. Auch in der Schweiz macht sich die Krise zunehmend bemerkbar.

In der Schweiz sind die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts, der am 28. Februar begann, eher indirekt und schrittweise als abrupt spürbar. Dennoch geraten Schweizer Haushalte durch steigende Energiekosten und höhere Flugpreise zunehmend unter Druck.

Die Schweiz importiert rund zwei Drittel ihres Energiebedarfs und ist damit stark anfällig für globale Preisschwankungen, Lieferunterbrüche und Inflationsdruck.

Welche Haushaltsausgaben sind am stärksten gestiegen?

Treibstoff, Heizöl und Flugreisen sind am stärksten von den Preisanstiegen betroffen, sagt Alexander Rathke, Leiter Konjunkturprognosen an der KOF Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH).

«Diese Kategorien reagieren rasch auf geopolitische Spannungen, weil sie eng mit den Energiemärkten und der internationalen Logistik verknüpft sind», sagt er gegenüber Swissinfo.

Die Treibstoffversorgung in der Schweiz ist weiterhin gewährleistet, doch die Preise sind stark gestiegenExterner Link. Ende April kostete Diesel im Durchschnitt 2,14 Schweizer Franken pro Liter – 16% mehr als Ende Februar –, während bleifreies Benzin 95 um rund 10% auf 1,87 Schweizer Franken pro Liter stieg.

Auch Heizöl, das in rund 35% der Schweizer Gebäude eingesetztExterner Link wird, ist deutlich teurer geworden. Die Preise sprangen von rund 100 Franken auf 150 Franken pro 100 Liter, bevor sie bis Ende April auf 135 Franken sanken.

Auch Gas, mit dem in der Schweiz jedes sechste Wohngebäude beheiztExterner Link wird, ist teurer geworden. Die europäischen Referenzpreise des niederländischen TTF sind seit Kriegsbeginn um fast 30% gestiegen. Sie dienen als Referenz für die Schweizer Gaspreise.

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Wird es genug Kerosin für die Sommerferien geben?

Diese Frage wird in der Schweiz derzeit häufig gestelltExterner Link. Die Preise für Flugtreibstoff haben sich seit Beginn des Konflikts in etwa verdoppelt und treiben die Flugpreise in die Höhe.

Mitte April warnte Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), Europa habe möglicherweise nur noch Kerosinvorräte für «etwa sechs Wochen».

Die Schweizer Behörden betonen, die Lage sei unter Kontrolle. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) sagt, die Kerosinversorgung an Schweizer Flughäfen sei bis Ende Mai 2026 gesichert; bei Bedarf stünden Pflichtlager zur VerfügungExterner Link (siehe Infobox). Die aktuellen Vorräte an Flugtreibstoff würden für 71 Tage reichen. Das liegt unter der gesetzlichen Sollvorgabe von 90 Tagen.

Die Versorgung der Schweiz mit Benzin, Diesel, Heizöl und Flugtreibstoff sei bis Ende Mai 2026 gesichert, teilte das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) am 29. April mitExterner Link. Für den kommenden Monat werden jedoch geringere Lieferungen nach Europa erwartet.

Sollte es zu schweren Engpässen kommen, kann die Regierung auf Pflichtlager zurückgreifenExterner Link, die von der Privatwirtschaft unter Bundesaufsicht verwaltet werden: Die nationalen Reserven an Benzin, Diesel und Heizöl sind auf viereinhalb Monate ausgelegt, während die Kerosinvorräte in der Regel drei Monate abdecken.

Über die Freigabe von Reserven hinaus könnten die Behörden die Bevölkerung aufrufen, Energie zu sparen, effizienter zu fahren, auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen oder Tempolimiten zu senken, um den Treibstoffverbrauch zu drosseln.

Wirken sich die Preissprünge bei fossilen Brennstoffen bald auf die Heizkosten aus?

Laut Behörden schlagen sich höhere Treibstoffpreise nicht zwingend sofort in höheren Heizkosten nieder. «Das hängt vom jeweiligen Versorger ab; manche sind für 2026 besser abgesichert als andere», sagt Gilles Verdan, Leiter des Gasversorgers Gaznat. Er weist darauf hin, dass einige Anbieter ihre Lieferverträge für dieses Jahr bereits vor Kriegsbeginn abgeschlossen hatten.

Migrol hingegen kündigt an, die gestiegenen Heizölpreise weiterzugeben. «Heizöl wird auf den Weltmärkten gehandelt, und die Preise sind extrem volatil», sagt Marketingdirektorin Diana Eisenberg.

Der frühere LNG-Broker Jean Christian Heintz rechnet damit, dass die vollen Auswirkungen nach drei bis sechs Monaten spürbar werden, wenn die Preisanpassungen nach und nach in den Abrechnungszyklen ankommen.

«Die Anpassung der Öl- und Gaspreise erfolgt nicht im gleichen Tempo wie die Rechnungsstellung. Alles hängt dann von den Vereinbarungen mit den Lieferanten und vom Energiemix ab, den sie anbieten», sagt er gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Warum blieb die Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bisher relativ verschont?

Rathke zufolge sind Schweizer Haushalte aus mehreren Gründen weniger stark betroffen als jene in vielen anderen europäischen Ländern.

«Erstens macht Energie einen kleineren Anteil am Schweizer Haushaltskonsum aus als in vielen anderen Ländern. Zweitens werden die Haushaltsstrompreise in der Schweiz in der Regel für das Jahr im Voraus festgesetzt, was die Weitergabe von Marktschwankungen verzögert», sagt er.

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Zudem wirkt der starke Schweizer Franken als wichtiger Puffer, besonders bei Energierohstoffen, die in US-Dollar gehandelt werden.

«Der Franken ist heute auch deutlich stärker als während des Ölpreisanstiegs 2022, was die Auswirkungen auf Schweizer Konsument:innen abfedert», sagt er gegenüber Swissinfo.

Während des Energieschocks 2022, der auf Russlands Invasion in die Ukraine folgte, lag der Schweizer Franken im Durchschnitt bei etwa 0,96 Franken pro US-Dollar und erreichte kurzzeitig Parität mit der US-Währung. 2026 wird der US-Dollar bei rund 0,79 Franken gehandelt. Damit ist der Schweizer Franken gegenüber dem US-Dollar rund 20% stärker als 2022.

Wie steht es um die Inflation?

Wie Daten des Bundes vom 2. April zeigenExterner Link, stieg die Schweizer Inflation im März – ausgelöst durch die kriegsbedingt höheren Treibstoffkosten –  auf den höchsten Stand seit einem Jahr (0,3%), verglichen mit März 2025.

Gegenüber dem Vormonat stiegen die Preise in der Schweiz um 0,2%. Erdölprodukte verteuerten sich gegenüber dem Vorjahr um 5,3%; auch Flugreisen und Pauschalreisen wurden teurer.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) rechnet damit, dass die jährliche Inflation 2026 im Schnitt 0,5% betragen wird, nach zuvor 0,2%. Im internationalen Vergleich ist das weiterhin tief. In der Eurozone hingegen sprang die Inflation im März auf 2,5% – der stärkste Anstieg seit 2022.

Die Schweiz hat sich verpflichtet, fossile Energien schrittweise abzubauen und den Übergang zu erneuerbaren Energiequellen voranzutreiben.

An der letzten Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP30) forderten über 80 Länder – darunter die Schweiz – einen klaren Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

Gleichzeitig ist die Schweiz nach wie vor stark von Öl- und Gasimporten abhängig, besonders für den Verkehr und die Gebäudeheizung.

In dieser Serie wird die Energieabhängigkeit der Schweiz analysiert und ihr ambivalentes Verhältnis zu fossilen Energiequellen im internationalen Kontext beleuchtet.

Verändert der Konflikt das Konsumverhalten?

Die Konsumstimmung hat sich im März und April 2026 deutlich verschlechtert und erreichte den tiefsten Stand seit Anfang 2024.

Gleichzeitig haben höhere Treibstoffkosten das Interesse an Elektrofahrzeugen angekurbelt: Suchanfragen und Verkaufszahlen von E-Autos sind deutlich gestiegen, auf bestimmten Plattformen etwa um 40% in den ersten Monaten 2026.

Der Krieg wirkt sich auch auf das Reiseverhalten der Schweizer:innen ausExterner Link. Reiseunternehmen berichten, dass viele Menschen Ferienbuchungen aufschieben oder statt Langstreckenflügen über den Nahen Osten nach Asien und Ozeanien lieber europäische Reiseziele wählen.

In diesem Video erklären wir, woher das Erdöl und das Gas für die Schweiz stammen:

Welche Risiken drohen der Schweizer Wirtschaft?

Die grössten Risiken für die Schweiz sind eine anhaltende Unsicherheit und ein schwächeres Wachstum in Europa.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat seine Wachstumsprognose für 2026 kürzlich auf 1% gesenkt, gegenüber 1,1% im Dezember.

Ökonom:innen von BAK Economics schätzenExterner Link, dass anhaltende Ölpreise von über 100 Dollar das Schweizer BIP um bis zu 0,3 Prozentpunkte schmälern könnten. Das entspräche einem Wertschöpfungsverlust von 2,5 Milliarden Schweizer Franken.

Die Krise könnte die Haushaltskosten nach ihren Berechnungen um rund 1700 Franken pro Jahr erhöhen. Wie stark jemand betroffen ist, hängt jedoch stark von den individuellen Verhältnissen ab – etwa davon, ob jemand ein Dieselauto oder ein Velo fährt oder in einem grossen Haus mit Ölheizung oder in einer kleinen Wohnung mit Elektroheizung wohnt.

Cyril Brunner, Klimaforscher an der ETH Zürich, geht von einer noch höheren zusätzlichen jährlichen Energierechnung aus: rund fünf Milliarden Schweizer Franken. Den grössten Anteil daran hätte Flugtreibstoff (1,4 Mrd. Fr.), gefolgt von Heizöl. Das entspräche den zusätzlichen Kosten für fossile Brennstoffe, die Konsument:innen nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 zu tragen hatten.

Machen sich Schweizer Konsument:innen Sorgen um die Auswirkungen des Kriegs?

Eine Online-Umfrage des Schweizer Radio und Fernsehens SRFExterner Link zeigt, dass fast drei Viertel (72%) der Befragten die wirtschaftlichen Folgen fürchten. Am meisten sorgen sie sich darüber, dass höhere Energie- und Transportkosten die Inflation anheizen und soziale Ungleichheiten verschärfen könnten.

In einem Online-Kommentar auf SRF schrieb eine Person unter dem Namen «Black Mamba»: « Leider ist zu erwarten, dass nicht nur die Benzinkosten steigen werden, sondern auch die Preise für zahlreiche andere Güter und Waren. Wie so oft stellt eine Erhöhung von 10 oder 20 Rappen bei einem Grundbedarfsgut, die zu einer Reduktion der Ausgaben um 300–400 CHF pro Monat führt, für Personen mit hohen Einkommen keine grosse Schwierigkeit dar. Anders sieht es hingegen für die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen aus, wie beispielsweise ältere Menschen, Personen mit niedrigem Einkommen und Arbeitslose.»

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Demgegenüber geben 27% der Befragten an, sich nicht allzu grosse Sorgen zu machen, und verweisen darauf, dass die Weltwirtschaft gegenüber Kriegen und Krisen widerstandsfähig sei.

«Penseur Curieux» schrieb auf SRF: «Seit 2011 gab es etliche Kriege (sowie Covid) und dies hat unser tiefgreifendes Wirtschaftssystem nie wirklich getroffen. Wir hatten oft Angst, aber die Wirtschaft ist danach immer wieder in Schwung gekommen.»

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Redigiert von Virginie Mangin/gw, Übertragung aus dem Englischen: Michael Heger/raf

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