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Schweizer Architekt in Ungarn: «Ich wollte ein Land, das anders ist als die Schweiz»

Alain Weber
Alain Weber wollte in einem Land leben und arbeiten, das so ganz anders ist als die Schweiz. SWI swissinfo.ch

Die Lust auf Neues und die Liebe brachten ihn nach Budapest. Dort entwirft der selbständige Architekt Alain Weber nun Häuser für Kund:innen aus Ungarn, Deutschland und der Schweiz.

Wer sich in einem fremden Land selbständig machen will, sollte die neue Landessprache möglichst bereits vor dem Umzug lernen. Das ist einer der Ratschläge, die Alain Weber anderen Schweizer Auswanderungswilligen mit auf den Weg gibt. Ihm selbst waren seine ungarischen Sprachkenntnisse eine grosse Hilfe, als er 2016 von Bern nach Budapest zog.

Den jungen Architekten reizte das Abenteuer. «Ich hatte das Gefühl, die Schweiz nach 30 Jahren sehr gut zu kennen. Ich wollte einfach mal etwas Neues und andere Kulturen kennenlernen.»

Unsere Serie porträtiert Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland Unternehmen gründen und aufbauen. Anhand ihrer persönlichen Werdegänge zeigen wir, warum sie ihre Projekte jenseits der Landesgrenzen realisieren, welche Rahmenbedingungen sie dort vorfinden und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.

Anhand ihrer Lebenswege zeigt diese Serie zudem, wie die Fünfte Schweiz zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Ausstrahlung der Schweiz beiträgt.

Er wurde im Engadin geboren, zog mit acht Jahren mit seiner Familie nach Bern und dann zum Studium nach Zürich. Nach seinem Master-Diplom arbeitete er drei Jahre lang als angestellter Architekt in Thun und Bern.

In dieser Zeit lernte er 2013 seine damalige Frau, eine Ungarin, kennen und begann, als die Beziehung fester wurde, ungarisch zu lernen. So hatte er bereits eine gute sprachliche Grundlage, als sie wenige Jahre später in ihre Heimat zurückkehren wollte. Die Aussicht auf einen Neustart gefiel ihm.

«Also habe ich gesagt: Okay, dann gehen wir und versuchen es.» Ungarn besass für ihn anders als Deutschland und Österreich die Fremdheit, die ihn reizte. «Ich wollte ein Land, das anders ist als die Schweiz», erinnert er sich im Gespräch mit Swissinfo.

Nach dem Umzug des Paares nach Budapest suchte sich Alain Weber zunächst eine Anstellung in einem ungarischen Planungsbüro. Für seine spätere Selbständigkeit sei dies ein wichtiger Schritt und eine wertvolle Zeit gewesen, sagt er.

Im täglichen Umgang mit seinen Kolleg:innen lernte er die ungarischen Fachbegriffe und die Eigenheiten des ungarischen Baurechts. Drei Jahre lang arbeitete er im Team eines grossen Architekturbüros in Budapest, wirkte an Infrastrukturplanungen für Bahnhöfe und Metrostationen mit.

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Zulassungsprüfung trotz Schweizer Diplom

 «Diese Zeit als Angestellter hat mir extrem geholfen, auch wenn es zuweilen hart war», sagt er. Direkt in Ungarn in die Selbständigkeit zu starten, schien damals ein zu grosser Schritt.  Auf diesen musste er auch aus einem anderen Grund etwas warten: Trotz seines Diploms, das er 2012 an der ETH Zürich gemacht hatte, musste der Architekt in Ungarn eine umfangreiche Zulassungsprüfung in der Landessprache ablegen.

Der Grund: «In der Schweiz ist Architekt kein geschützter Berufstitel, in Ungarn hingegen schon.» Wer sich als Schweizer:in im Ausland als Architekt:in selbständig arbeiten will, muss daher, wenn es das Land verlangt, erneut seine Fachkenntnisse beweisen. Nur als Mitglied der Architektenkammer und entsprechender Zulassungsnummer in Ungarn, kann man zum Beispiel dort eine Baueingabe tätigen.

Auch wenn es viele Monate intensiven Lernens bedeutete, war für Alain Weber klar, dass er seine Zulassung erwerben und sobald wie möglich sein eigenes Büro gründen wollteExterner Link. «Ich verdiene als Selbständiger in Ungarn besser als in der Festanstellung.»

Doch weit wichtiger, so betont er, war für ihn die Aussicht auf selbstbestimmtes Arbeiten. «Die Freiheit ist meine grösste Motivation. Es ist nichts für mich, den ganzen Tag mit vielen anderen in einem Grossraumbüro zu sitzen.»

Also machte er sich 2020 selbständig. Das sei ein recht einfacher Vorgang gewesen, erinnert er sich. «Man kann in Ungarn innerhalb weniger Stunden eine Einzelfirma gründen, eine GmbH innerhalb eines Tages.» Die Buchhaltung sei hingegen recht komplex, weshalb ein:e externe:r Buchhalter:in vorgeschrieben sei. «Es ist sehr bürokratisch, aber es funktioniert alles.»

Und doch ist nicht alles rosig: Die Steuerlast und die Mehrwertsteuer, die in Ungarn beim EU-Spitzenwert von 27 Prozent liegt, empfindet er als hoch.

Planen mit überschaubarem Budget

Der Schritt in die eigene Firma hat sich für ihn gelohnt. Derzeit arbeitet er an acht Projekten. Seine Kund:innen seien wie er selbst bodenständig, sagt er. Viele kommen aus Deutschland, Österreich, oder der Schweiz. Sie schätzen, dass sie in Ungarn auf Deutsch mit ihrem Architekten Planungen vorantreiben und umsetzen können.

«Die Zusammenarbeit mit deutschsprachigen Kunden ist meine Nische», sagt er. Viele ziehen aus finanziellen oder politischen Gründen nach Ungarn. Sie wollen mit einem überschaubaren Budget ein Haus planen und bauen, manche ein bestehendes Gebäude umbauen oder erweitern. «Ich suche eine gute Lösung für alle. Die kann durchaus im Einfachen liegen.»

Luxus ist nicht seine Priorität, und schon des Budgets wegen auch nicht das der meisten Auftraggebenden. Mit einem zweiten Standbein ist Weber von Budapest aus für Schweizer Büros tätig und unterstützt sie in der Planungsphase.

Er hat sich dem ungarischen Markt angepasst, mit all seinen Unterschieden zu seiner Schweizer Heimat. «Die Baueingaben sind hier viel detaillierter als in der Schweiz», sagt er. Dass er sie genaustens kennt, kommt den ausländischen Kund:innen zugute und vermeidet unnötige Probleme mit den zuständigen Behörden.

Auch die Qualitätsansprüche unterscheiden sich. Während Schweizer:innen höchsten Wert auf Qualität legten und bereit seien, dafür entsprechend mehr zu investieren, werde in Ungarn meist die günstigste Lösung bevorzugt. «Hier herrscht eher eine Sparmentalität», auch, weil viele sich die beste Lösung schlicht nicht leisten könnten. Darunter leide dann auch schon mal die Ausführung vor Ort.

Schon häufiger hat Weber erlebt, dass Arbeiten nachgebessert und Badezimmer zum Beispiel komplett neu gefliest werden müssen. Für ihn ist dies immer wieder ein Ärgernis. «Da hätte man besser von Beginn an mehr Geld in Hand nehmen sollen.»

Im Team mit Freiberufler:innen statt mit Angestellten

In der Planungsqualität sieht er indes keinen Unterschied zur Schweiz. Die Architekten-Ausbildung in Ungarn sei extrem gut. Probleme gebe es eher in der handwerklichen Ausführung.

Selbständig zu sein bedeutet auch, sich von schwankenden Auftragslagen nicht entmutigen zu lassen, sondern sich flexibel der Lage anzupassen. Es gab ein Jahr, da hatte Weber ein Büro mit vier Angestellten. Nun bevorzugt er es, je nach Auftragsvolumen mit einem Team aus freiberuflichen Kolleg:innen zusammenzuarbeiten.

Software und Pläne sind zentral auf einem Server abgelegt, die alle von ihren Arbeitsplätzen aus flexibel einsehen und bearbeiten können. Der Schweizer ist viel unterwegs, um sich mit seinen Kund:innen zu treffen und arbeitet ansonsten von zuhause aus. So kann er auch die Betreuung seiner Tochter flexibler in seinen Tag integrieren. Für ihn ist dies eine perfekte Situation, auch weil er die Fixkosten für ein Büro und Angestellte spart.

Mittlerweile fühlt er sich äusserst wohl in Budapest, geniesst die faszinierende Grossstadt und das grüne Umland gleichermassen. «Ich bin eher ein Stadtmensch, auch wenn ich auf fast 2000 Metern Höhe im Engadin komplett in der Natur geboren bin.» Die Schweizer Mentalität und Berge vermisst er momentan nicht. Ungarn ist zu seiner neuen Heimat geworden.

Editiert von Balz Rigendinger/me

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