Herr Bundespräsident, ich habe Angst
Die dramatischen Ereignisse der letzten Monate haben die Schweizer Bevölkerung gezeichnet. Das zeigen Briefe an den Bundespräsidenten.
Der 11. September, die Swissair-Krise, das Massaker in Zug, der Gotthardtunnel-Brand, der Crossair-Absturz bei Zürich-Kloten: Das alles hat alle Menschen in der Schweiz berührt. Und viele davon hat dies veranlasst, Bundespräsident Moritz Leuenberger – als oberstem Exponenten der Institutionen unseres Landes – einen Brief zu schreiben.
Täglich manchmal bis zu 1000 Briefe sind im Bundeshaus eingetroffen – offenbar ein Zeichen dafür, wie besorgt viele Bürgerinnen und Bürger in diesem Land sind. Zwar erhält ein Bundesrat immer Reaktionen der Öffentlichkeit; aber in «normalen» Zeiten sind dies vielleicht nicht mehr als hundert. Nicht einmal der überaus populäre Adolf Ogi hatte jemals derart viele Schreiben erhalten wie Bundespräsident Leuenberger.
Gradmesser der Befindlichkeit
Die Briefe an Leuenberger seien eine Art «Befindlichkeits-Gradmesser», verlautet aus dem Umfeld von Moritz Leuenberger. Viele Bürgerinnen und Bürger hätten das Bedürfnis, dem Bundespräsidenten ihre Ängste und Sorgen, aber auch ihre Vorschläge und Empfehlungen mitzuteilen.
«Der Schmerz, die leidenden Personen, die Konfrontation mit dem Tod – es ist schwierig, dazu die passenden Worte zu finden», schreibt zum Beispiel Beatrice W.
Natürlich gebe es keine einheitliche Antwort auf dieses tiefe Unbehagen der Leute, meint Bundespräsident Moritz Leuenberger gegenüber swissinfo. Er könne nicht alle Probleme lösen. Aber es sei wichtig, einen direkten Draht zur Bevölkerung zu haben. «Für mich ist wichtig, dass alle eine Antwort erhalten, auch wenn infolge der Briefwelle in den letzten Monaten eine individuelle Beantwortung nicht mehr möglich ist.»
Vier Leute beschäftigen sich im Sekretariat des Bundespräsidenten mit der Korrespondenz. Die Verantwortliche dieses Dienstes, Barbara Ritschard, erklärt, Bundesrat Leuenberger lese persönlich rund 80 Prozent aller Antworten und füge Korrekturen und Ergänzungen bei.
Mehr Frauen
Es gibt zwar keine genaue Statistik über die Korrespondenz, doch seien die Mehrheit der Absender Frauen. Die Briefe stammten aus allen Sprach-Regionen. Auch käme immer mehr elektronische Post. Viele ältere Menschen äusserten ihr Unbehagen gegenüber einer sich immer schneller verändernden Welt.
Die Beantwortung der Briefe sei ein riesiger Aufwand, doch der Kontakt mit der Bevölkerung sei ihm wichtig, betont Leuenberger nochmals: «Nicht alle identifizieren sich mit meinen Positionen; aber es ist tröstlich, dass so viele Leute sich Gedanken über dramatische Ereignisse wie jene der letzten Monate machen.» Das seien auch brennende politische Fragen.
Die Antwort auf die Dramen
In vielen Briefen wird gefragt, welche Rolle die Schweiz im Kampf gegen den Terrorismus spielen soll. Der Bundespräsident antwortet darauf, die Schweiz wolle zwar «die Verbrechen bestrafen», doch setze sich der Bundesrat gleichzeitig für friedliche Lösungen der internationalen Probleme ein.
In anderen Briefen werden sofortige Massnahmen zur Lösung der Verkehrsprobleme gewünscht, die zur Gotthard-Katastrophe geführt haben. Auch Fragen nach der Rolle des Staates in der Swissair-Krise tauchen auf. Am Tag des Swissair-«Groundings» haben sich Hunderte von direkt Betroffenen an Moritz Leuenberger gewandt und ihn aufgefordert, alles zur Rettung der Swissair zu unternehmen.
Mit der Swissair sei ein nationaler Mythos zusammengebrochen, sagt Barbara Ritschard. Und der Crossair-Absturz habe dies noch zementiert. Viele hätten gefragt, welche wirtschaftlichen Folgen dies alles für das ganze Land habe – Fragen, auf welche die Politik antworten müsse.
Druck und Drohungen
In einigen Fällen wird auch «die harte Hand» der Regierung verlangt, um ein Unrecht gegenüber einem Bürger zu korrigieren. «Und dann seid ihr erstaunt über die Ereignisse in Zug», schreibt ein verärgerter Mann und weist auf die «Unfähigkeit des schweizerischen Justizwesens» hin.
In diesem Fall könne der Bundespräsident nicht intervenieren. Die Autoren solcher Briefe überschätzten seine Kompetenzen, heisst es in seinem Sekretariat. Doch müsse man jene Leute mehr denn je ernst nehmen, die von den Institutionen enttäuscht seien.
«Aber es handelt sich dabei um Einzelfälle. Autorinnen und Autoren der meisten Briefe drücken ihre Solidarität mit dem Bundespräsidenten aus, viele danken ihm für seine Präsenz an den Katastrophen-Orten und sprechen ihm Mut zu in dieser schwierigen Zeit.»
Moralische Autorität
Die Bürgerinnen und Bürger suchten nach einer moralischen Autorität, an die sie sich wenden können, sagt Ethik-Professor Alberto Bondolfi gegenüber swissinfo. «Die Möglichkeit, dem Bundespräsidenten zu schreiben, untermauert die eigene Präsenz gegenüber dem Staat. Die Briefe zeigen den Willen, in irgendeiner Weise zu reagieren.»
Trotz allem repräsentiere die Schweizer Regierung mit ihrer Konkordanz-Formel einen grossen Teil der Bevölkerung und erlaube so eine Identifizierung, sagt Professor Bondolfi. Dazu habe die Regierung auch eine Führungsfunktion.
«Es ist wahr», bestätigt Bundesrat Leuenberger gegenüber swissinfo, «ich versuche wie jeder andere einem moralischen Ideal zu entsprechen». Deshalb fühle er sich persönlich verpflichtet, Antworten auf die Herausforderungen des Lebens zu finden – «für mich und die Schweizer Bevölkerung».
Daniele Papacella
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