The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Positive Signale

Appelle beendeten die 14. Welt-Aids-Konferenz in Barcelona. swissinfo.ch

Ein Schritt vorwärts: Das ist aus Schweizer Sicht die Bilanz der 14. Welt-Aids-Konferenz in Barcelona, die am Freitag zu Ende ging.

Mit dem Ruf nach billigen Medikamenten, mehr Geld für den Kampf gegen Aids und dem Ende der Ausgrenzung von Betroffenen ist die Welt-Aids-Konferenz abgeschlossen worden.

Nelson Mandela und Bill Clinton forderten die Welt zum entschlossenen Kampf gegen Aids auf. Die ehemaligen Präsidenten Südafrikas und der USA verlangten vor etwa 7000 Teilnehmern insbesondere ein entschiedenes Handeln der politischen Führer, damit die Zahl der Aids-Opfer künftig nicht auf 100 Millionen steige.

Auf der politischen Agenda

Ruth Rutmann, Geschäftsleiterin der Aids-Hilfe Schweiz und Mitglied der Schweizer Delegation in Barcelona, zieht eine positive Bilanz aus der 14. Welt-Aids-Konferenz. Vor allem deshalb, weil Barcelona eine eminent politische Konferenz gewesen sei. Dies sei an der letzten Welt-Aids-Konferenz vor zwei Jahren im südafrikanischen Durban noch nicht der Fall gewesen, betont Ruth Rutmann gegenüber swissinfo. Dort habe man viel problem-orientierter diskutiert, und jetzt sei das Thema Aids wirklich wieder auf der politischen Agenda. Das müsse so bleiben.

«Das heisst natürlich, dass wir vermehrt Anstrengungen unternehmen, damit jetzt wirklich die menschlichen und finanziellen Ressourcen bereit gestellt werden, dass wir uns weiter anstrengen in der Forschung, sei es die Impfung, die Mikrobiozide, neue Behandlungs-Möglichkeiten.» Es müsse jetzt die Aufgabe des Westens sein, die finanziellen Mittel bereit zu stellen, sagt Ruth Rutmann.

Vielerorts sei gesagt worden, es sei die Aufgabe der Länder oder Regierungen aus dem Süden, sich an den Verhandlungstisch mit den Pharma-Konzernen zu setzen und einen Deal auszuhandeln, um zu guten Medikamenten zu kommen. «Mein Eindruck ist, dass die Pharma-Konzerne dazu bereit sind. Einzelne Verhandlungen wurden schon geführt, und das mit Erfolg: Die karibischen Länder haben mit acht Pharma-Firmen eine entsprechende Vereinbarung getroffen. Das ist der richtige Weg.»

Präsentes BAG

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) war in Barcelona mit mehreren Themen präsent. Laut Susanne Matuschek, Leiterin Sektion Aids im BAG, war das Feedback zu den Schweizer Präsentationen «ausgezeichnet». So habe man viele Rückmeldungen aus Europa erhalten zu einem neuen Präventions-Projekt für Migranten aus der Sub-Sahara-Region.

Auch das Thema «Internet als Plattform für STOP-AIDS-Kampagnen» sei auf grosses Interesse gestossen. Das Internet gilt unter Experten als ideales Medium, um Jugendliche aufs Thema Aids anzusprechen. So hat die Lancierung des Spiels «Catch the sperm» Millionen von Menschen auf die Website gelockt (siehe Link).

NGOs haben wenig Hoffnung

Auch diese 14. Aids-Konferenz wird nach Meinung regierungs-unabhängiger Organisationen (NGOs) keine Wende im Kampf gegen die Immunschwäche-Epidemie bringen. Vielmehr habe die Konferenz gezeigt, wie schnell die Epidemie voranschreite.

«Es gibt keine guten Nachrichten», klagt die Belgierin Sandra van den Eynde von «Change», einer Vereinigung europäischer NGOs. Aids verschwinde aus dem Blickfeld der Politiker. Das trage dazu bei, dass sich viele Menschen in Europa der Gefahren von Aids nicht mehr bewusst seien, sagt sie.

Mit der Kritik der NGOs kann Ruth Rutmann nicht viel anfangen: «Es ist genau die Aufgabe der NGOs, dafür zu sorgen, dass Aids nicht aus dem Blickfeld der Politiker verschwindet». Und die NGOs im Aids-Bereich seien starke Organisationen, nicht nur in westlichen Ländern. Die Erfolge in der Aids-Bekämpfung in Brasilien sei nicht einfach das Verdienst der Regierung; diese habe erst auf massiven Druck der NGOs gehandelt. Und jetzt klappe es in Brasilien sowohl in der Prävention als auch in der Verfügbarkeit von Medikamenten. Brasilien gelte als Beispiel dafür, wie es Länder des Südens eigentlich machen sollten.

Preisgünstige Medikamente

An der Konferenz sei auch über Impfungen informiert worden. «Da sind wir noch sehr weit weg von einer Lösung», so Ruth Rutmann zu swissinfo. Der Schweizer Pharma-Konzern Roche präsentierte in Barcelona zwei klinische Studien eines neuen Wirkstoffes gegen das Aids verursachende HI-Virus, den Fusionshemmer «T-20». Für die Geschäftsleiterin der Aids-Hilfe Schweiz gehört «T-20» zu einer neuen Generation von Medikamenten. Daran werde nun intensiv gearbeitet. «Es ist wieder ein Lichtblick am Horizont» sagt sie.

Wirtschafts-Analysten gehen indessen davon aus, dass der Preis für das neue Mittel etwa 10’000 bis 12’000 Dollar (über 15’000 Franken) pro Person und Jahr betragen wird. Fast unerschwingliche Kosten für Entwicklungsländer.

Deshalb sehen sich die NGO in ihrer Hauptforderung an dem Treffen in Barcelona bestätigt: Die Aids-Kranken in den Entwicklungsländern brauchen dringend billige Medikamente. Dort leben weit mehr als drei Viertel der weltweit schätzungsweise 40 Millionen HIV-Infizierten. Dort hat die Immunschwäche bisher rund 20 Millionen Menschen getötet.

Wenn es in den reichen Ländern Amerikas und Westeuropas keine Aids-Kranken gäbe, würde kein Pharmakonzern nur ein einziges Mittel dagegen entwickeln, egal, wie viele Aids-Tote es in Asien oder Afrika gebe. Diese Ansicht vertritt eine Sprecherin der Hilfsorganisation «Médecins sans frontières».

Etwas zynisch fügt der neue Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft, Joep Lange, hinzu: «Wenn wir kalte Coca-Cola und Bier in die entlegendsten Regionen Afrikas bringen können, sollte es nicht unmöglich sein, dasselbe mit Medikamenten zu tun.»

Und ein Sprecher einer amerikanischen NGO erklärte mit Blick auf die nächste Welt-Aids-Konferenz 2004 in Bangkok, man werde dann wieder präsent sein und prüfen, ob alle Versprechen der UNO, der Regierungschefs, von Pharma-Herstellern und anderen Grossunternehmen eingehalten worden seien.

Und die Schweiz?

Der Stand der Aids-Epidemie in der Schweiz ist nicht vergleichbar mit jenem in den Drittwelt-Ländern. «Das heisst aber nicht, dass für uns das Problem gelöst ist. Wir sehen, dass auch in der Schweiz die Infektionsraten steigen. Das Schutzverhalten sinkt, das Risikoverhalten steigt», so Ruth Rutmann.

Vor allem sei das Problem in der Schweiz nicht gelöst, «weil wir ja keine Insel sind». Wir seien in Kontakt mit südlichen oder westlichen oder nördlichen Ländern, da finde ein Austausch statt.

Jetzt müsse die Schweiz handeln. Dazu brauche es Druck auf die politischen und wirtschaftlichen Führer des Landes. Von der Schweiz müssten auch die Finanzen bereit gestellt werden für den Anti-Aids-Kampf. «Diese Pflicht haben wir noch nicht erfüllt», so die Geschäftsleiterin der Aids-Hilfe Schweiz zu swissinfo.

Jean-Michel Berthoud

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft