Schiessen in der Schweiz: Eine Tradition hat ihre Spuren im Boden hinterlassen
Das Schiessen ist eine tief verwurzelte Tradition in der Schweiz. Über Generationen hinweg waren Schiessstände Teil der Schweizer Gemeinden. Heute haben viele stillgelegte Anlagen ein kostspieliges Erbe hinterlassen: Tausende kontaminierte Flächen, die saniert werden müssen.
Sonntagnachmittag. Im Schiessstand sind alle bereit. Die ersten Schüsse durchbrechen die Stille und hallen von den Bergen wider.
In einem Tunnel und geschützt durch einen Erdwall senken ein paar Jungen die Scheiben, suchen das Einschussloch, decken es mit einem Kleber ab und heben sie wieder hoch, um dem Schützen mit einer Kelle den getroffenen Punkt anzuzeigen. Wir befinden uns in den neunziger Jahren im Puschlav, einem italienischsprachigen Tal in Graubünden.
Damals war es üblich, am Morgen die 10-Uhr-Messe zu besuchen. Anschliessend traf man sich um 13 Uhr auf dem Schiessstand. Wie in vielen Schweizer Dörfern war der Sonntag dem Gebet und der Landesverteidigung gewidmet. Die Männer übten sich im Schiessen, wie sie es während des Militärdiensts gelernt hatten.
Wer zu jung war, um das Gewehr zu schultern, notierte die Punkte und verdiente ein paar Franken. Damit wurde dann das Töffli vollbetankt, um durch die Strassen des Tals zu fahren.
Eine in Europa einzigartige Tradition
«Das Schiessen ist tief in der Geschichte der Schweiz verwurzelt», sagt Historiker Cedric Zbinden. «Die Stärke dieser Tradition liegt in ihren zwei Seelen: Auf der einen Seite gibt es die Schützengesellschaften, die als Treffpunkt und Ort sozialer Zusammenkunft dienen. Auf der anderen Seite gibt es die Milizarmee, die diese Praxis jahrzehntelang unterstützte und dazu beitrug, sie in fast jeder Ecke des Landes zu verankern.»
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Die Schweizer Tradition ist in Europa fast einzigartig. «Schützenvereine gibt es auch in Deutschland, den Niederlanden und in Österreich, aber in keinem dieser Länder haben sie die gleiche soziale Verankerung», so Zbinden. In Deutschland beispielsweise verboten die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl die Schützenvereine als auch den Waffenbesitz. Erst nach der Gründung der Bundesrepublik wurden sie wieder erlaubt.
«In den Niederlanden sind die Vereine weniger verbreitet und die Waffengesetzgebung ist restriktiver: Schiessen ist daher keine so tief verwurzelte Gewohnheit.»
Der Bürger-Soldat auf dem Schiessstand
1848, mit der Gründung des Bundesstaates und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, erlangt das Schiessen grosse Bedeutung in der Schweizer Gesellschaft. «Drei der ersten sieben Bundesräte waren Präsidenten des damaligen Schweizerischen Schützenvereins, der 1824 gegründet wurde», sagt Zbinden. «Lange Zeit war dieses Amt eines der prestigeträchtigsten des Landes.»
Die Schiesspflicht ausserhalb des Militärdiensts geht hingegen auf das Jahr 1874 zurück. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts legt das Eidgenössische Militärdepartement fest, dass jeder Soldat aktives Mitglied einer Schützengesellschaft sein muss. «Von da an wurde das Schiessen auch integraler Bestandteil der militärischen Vorbereitung. Dies verstärkte das Gefühl der Bedrohung, das die Schweizer Bevölkerung während der beiden Weltkriege begleitete», so Zbinden.
Es wird noch geschossen, aber immer weniger
1986 erreicht die Zahl der Mitglieder der Schützengesellschaften mit fast 590’000 Mitgliedern ihren Höhepunkt, was etwas weniger als einem von zehn Schweizern entspricht. Ab den 1970er- und 80er-Jahren bekommt das Bild des Bürger-Soldaten erste Risse.
«Mit dem Ende des Kalten Krieges sehen viele das Schiessen nicht mehr als integralen Bestandteil der Landesverteidigung», sagt Zbinden. Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich auch in der Mitgliederzahl in den Schützengesellschaften wider.
Nach der Entscheidung des Bundesrats im Jahr 1996, die Pflichtmitgliedschaft in einer Schützengesellschaft aufzuheben, verzeichnet die Zahl der aktiven Mitglieder einen konstanten Rückgang. 1997 waren es knapp unter 230’000, letztes Jahr zählte man rund 130’000, aufgeteilt auf etwa 2’500 Vereine, die dem Schweizer Schiesssportverband angeschlossen sind.
Laut Zbinden widerspiegelt diese Entwicklung auch die veränderten Freizeitgewohnheiten vor allem bei den jüngeren Generationen und, allgemeiner, den Bedeutungsverlust von Vereinsaktivitäten im Alltag.
Unerwünschtes und kostspieliges Erbe
Im Lauf der Zeit wurden überall in der Schweiz Schiessstände errichtet. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen und den neuen gesetzlichen Vorschriften in den Bereichen Sicherheit, Lärmemissionen und Umweltschutz wurden viele Anlagen stillgelegt.
So auch im Puschlav, wo bis Mitte der 1990er-Jahre vier davon für das Schiessen auf 300 Meter Distanz gezählt wurden. Wie für viele Schweizer Gemeinden haben sich auch für Poschiavo die Schiessstände in ein kostspieliges und unerwünschtes Erbe verwandelt.
Das Hauptproblem sind die Kugelfänge und die umliegenden Flächen. Jahrzehnte der Schiesstätigkeit haben im Boden Schwermetalle hinterlassen, vor allem Blei und in geringerem Mass Antimon.
«Das Schadstoffpotenzial kann mehrere Tonnen pro Standort erreichen», sagt Lars Schudel, Geograf und Projektverantwortlicher im Bereich Altlasten des Unternehmens Ecosens. «Die Sanierung dieser Flächen ist ein komplexer und wirtschaftlich aufwendiger Vorgang: Für einen einzelnen Schiessstand können die Kosten mehrere Hunderttausend Franken erreichen.»
Was bedeutet das konkret? Die Sanierung eines Schiessstandes in der Gemeinde Poschiavo kostete rund 430’000 Franken, wovon 290’000 von Kanton und Bund übernommen wurden. Die restlichen 140’000 Franken gingen zulasten der Gemeindekasse.
«Die Sanierung besteht zunächst in der Entfernung des kontaminierten Bodens», sagt Schudel. «Die Erde wird schichtweise abgetragen, bis die Konzentrationen von Blei und Antimon die vorgeschriebenen Werte einhalten. Das Ziel der Sanierung variiert je nach Bodenschutz, der Nähe zu Grundwasserleitern, Gewässern oder anderen sensiblen Elementen sowie der geplanten Nutzung des Gebiets nach der Sanierung.»
Gemäss den kantonalen Katastern der belasteten Standorte sind rund 4000 Flächen, auf denen früher geschossen wurde, kontaminiert. Bis 2025 wurden 1200 Standorte saniert; bis Ende 2045 müssen die Massnahmen abgeschlossen sein, auch weil die Bundesbeiträge für die Sanierungen auslaufen.
In Poschiavo hallen die Schüsse nicht mehr von den Bergen wider. Ihr Echo ruht im Boden und erzählt von der anderen Seite der Tradition: von einem Umweltproblem.
Eine alte Tradition neu beleben
Um Nachwuchs zu gewinnen, versucht der Schweizer Schiesssportverband (SSV), den Schiesssport wiederzubeleben. Er setzt dabei auf dynamischere Formate wie den Target Sprint: eine Kombination aus einem Mittelstreckenlauf – in der Regel über 400 Meter – und Schnellschiessen mit dem Luftgewehr. Nach Ansicht des Verbandes kann diese Disziplin den Schiesssport für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene attraktiver machen.
Zudem hat der FST die «Swiss Shooting Roadshow»Externer Link ins Leben gerufen: einen Anhänger mit vier Laseranlagen, der 2024 und 2025 zehn Schweizer Städte besuchte. An stark frequentierten Orten konnten Jugendliche und Erwachsene unter fachkundiger Anleitung in einer sicheren Umgebung und ohne echte Munition das Sportschiessen ausprobieren.
Editiert von Zeno Zoccatelli, Übertragung aus dem Italienischen: Janine Gloor
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