Rotkreuz blickt in Solferino in die Zukunft
Aus der ganzen Welt kamen sie angereist ans Treffen im norditalienischen Solferino: die Tausenden von jungen Freiwilligen des Roten Kreuzes. Dort diskutierten sie, wie sie ihre Arbeit noch besser machen könnten.
Die dritte Veranstaltung der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften unter dem Motto «Jugend in Bewegung» fällt mit dem Jahrestag der Schlacht von Solferino zusammen, die zur Gründung des Roten Kreuzes geführt hatte.
Die Jugendleiter von mehr als 150 Ländern unterhalten sich über ihre Erfahrungen und lernen mehr über eine Reihe humanitärer Herausforderungen in den Bereichen Ernährungssicherheit, Klimawandel und HIV/Aids. Ausserdem gibt es Hinweise, wie man das eigene Verhalten ändern könnte.
Nach dem fünftägigen Treffen sollen die Freiwilligen in ihre Länder zurückkehren und ihre Kolleginnen und Kollegen informieren.
Das Treffen verabschiedet auch eine formelle Erklärung, welche die jungen Leiter der internationalen Gemeinschaft im Juli der Schweizer Regierung und den Rotkreuz-Führern in Genf präsentieren werden.
Laut Roberta Zuchegna, Jugendkoordinatorin beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und den Rotkreuzgesellschaften, besteht das langfristige Ziel, die Rotkreuz-Anliegen an die jungen Menschen heranzutragen.
Schätzungsweise 50 Prozent der 100 Millionen Rotkreuz- und Rothalbmond-Freiwilligen sind junge Menschen. Damit handelt es sich um das weltgrösste humanitäre Netzwerk für Menschen unter 30. In Afrika beträgt deren Anteil gar 80 Prozent.
Verborgene Probleme
«Dieses Camp ist unglaublich», sagte Carine Fleury vom Schweizerischen Roten Kreuz. «Es ist wirklich global, sehr gut organisiert, und die Jugendlichen sind stark motiviert.»
Fleury ist Mitglied des 15-köpfigen Schweizer Teams, das an Workshops, Schulungen und anderen Aktivitäten auf dem rund 200’000 m2 grossen Areal teilnimmt.
Während den Workshops berichten die Teilnehmenden über ihre Erfahrungen im humanitären Bereich. Was haben da die Schweizer zu bieten?
«Die Schweiz ist ein reiches Land, aber auch hier gibt es verschiedene verborgene Probleme», sagt Wim Nellestein von der Genfer Rotkreuz-Sektion, der 300 junge Freiwillige angehören.
«Es ist eine Herausforderung zu sagen: ‚Nein, es gibt Menschen in der Schweiz, denen es nicht sehr gut geht, die an den Rand gedrängt werden, die keine Stimme haben‘. Gerade Migranten und Flüchtlinge leben oft in sehr prekären Verhältnissen», sagte er.
Blutauffrischung
Unter den rund 40’000 Freiwilligen, die sich in der Schweiz beim Roten Kreuz engagieren, sind gegenwärtig nur 6000 Jugendliche aus 14 Kantonen.
Die Rotkreuz-Jugendleiter versuchen, die Dynamik des Solferino-Lagers zu nutzen, um neue Mitglieder zu gewinnen, damit die mittlerweile in die Jahre gekommene Institut aufgefrischt wird.
«Wir finden beim Schweizerischen Roten Kreuz Gehör, könnten aber noch besser integriert sein», sagt Fleury. «Es ist eine alte Organisation, und es gibt in der Führung einige Ältere, die Angst haben, ihre Position an jüngere Menschen zu verlieren».
Und entgegen der landläufigen Meinung seien junge Menschen motiviert, sich zu engagnieren und anderen Menschen zu helfen, fügt sie hinzu.
«Ich glaube, es gibt ein neues Interesse für reale Werte. Man sagt immer, junge Menschen tun nichts oder sitzen faul herum. Aber ich spüre ihren Willen, sich einzusetzen», sagt sie.
Lernerfahrung
Ein weiteres aktives Rotkreuzmitglied an den Workshops ist Segirinya Hannington, Vorsitzender des nationalen Jugendrates des ugandischen Roten Kreuzes.
Seine nationale Gesellschaft hat rund 200’000 Freiwillige, die helfen, die zahlreichen humanitären Herausforderungen wie Armut oder Gesundheit zu meistern, erklärt Hannington.
«Junge Menschen können etwas verändern, wenn sie sich in Think Tanks zusammenfinden und Ideen entwickeln. Als erstes müssen sie sich selbst ändern. So lassen sich andere ^von ihnen inspirieren und beginnen zu handeln», sagt er.
Für Hannington wurde der Besuch in Solferino zu einem «wahrgewordenen Traum». Er sei durch andere nationale Gesellschaften wie die israelische Magen David Adom inspiriert worden, die «grossartige Arbeit im Bereich Erste Hilfe» leiste oder auch die Blutspende- und Gemeinschaftsaktionen des pakistanischen Roten Halbmonds.
Moshe Danenberg Ohayon, ein Rettungssanitäter der Magen David Adom-Gesellschaft, erklärt, er habe bei einem Workshop zum Thema Gewaltlosigkeit viel gelernt.
«Ich komme aus einer konfliktbeladenen Gegend, was eine eine grosse Herausforderung ist», sagt er gegenüber swissinfo. «Am ersten Tag war ich sehr misstrauisch, habe dann aber herausgefunden, dass wenn man sich respektvoll zeigt, die Menschen aus sich herauskommen und ihre Erfahrungen teilen.»
Er habe sich mit Kollegen des ägyptischen und libanesischen und des palästinensischen Halbmondes unterhalten. «Wenn wir im Ausland sind, ausserhalb der gewohnten Umgebung, sind wir viel freier und können offener auf einander zugehen.»
Danenberg Ohayon nahm bei den jungen Leuten eine enorme Stärke wahr, die sie auch ausnutzen sollten: «Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich versuchen, meinen Leuten klarzumachen, dass sie stark sind. Sie können tun, was sie für gut halten. Im Gegensatz zu den Erwachsenen sind ihnen keine Grenzen gesetzt.»
Simon Bradley, Solferino, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Etienne Strebel)
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das 1863 in Genf gegründet wurde, ist in 80 Ländern tätig.
Es hilft Opfern von Krieg und interner Gewalt und agiert als neutraler Vermittler in Konflikten. Das IKRK-Hauptquartier ist in Genf.
Zudem gibt es 186 nationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften. Sie bilden das Rückgrat der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung.
Jede nationale Gesellschaft beschäftigt Freiwillige und Angestellte.
Die nationalen Gesellschaften sind in der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften zusammengefasst, welche 1919 in Paris gegründet wurde.
Die Föderation hat ihren Hauptsitz ebenfalls in Genf und beschäftigt weltweit 1300 Personen.
Rund um den Globus sind etwa 100 Millionen Mitarbeitende, Mitglieder und Freiwillige für das Rote Kreuz und den Roten Halbmond im Einsatz.
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