The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Debatten
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Energie in der Schweiz: Die milliardenschwere Rechnung des Nahostkonflikts

ein Lkw, der an einer Tankstelle vorbeifährt
Der Dieselpreis in der Schweiz hat nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran die 2-Franken-Marke pro Liter überschritten. Keystone / Urs Flueeler

Der globale Anstieg der Ölpreise infolge des Konflikts im Nahen Osten macht fossile Energien teurer. Für die Schweiz könnten die zusätzlichen Energiekosten laut einem Forscher auf fast fünf Milliarden Franken pro Jahr steigen.

Die militärische Eskalation im Persischen Golf treibt die Preise für Treibstoffe und fossile Energien in die Höhe. Die Energiekrise hat auch für die Haushalte und die Wirtschaft in der Schweiz spürbare Folgen.

Wer mit dem Auto unterwegs ist oder sein Haus mit fossilen Energien heizt, bekommt die Auswirkungen des Kriegs im Nahen Osten direkt zu spüren: Diesel hat die Marke von zwei Franken pro LiterExterner Link überschritten – so hoch war der Preis zuletzt 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine – und Benzin ist seit Anfang März um mehr als 20 Rappen teurer geworden.

Besonders stark gestiegen sind die Preise für Kerosin, das sich seit Beginn der militärischen Operationen mehr als verdoppelt hat, sowie für Heizöl, das von 100 auf 150 Franken pro 100 Liter geklettert ist.

Die Schweiz importiert zwar kein Öl direkt aus dem Persischen Golf. Sie ist jedoch von den Folgen des Preisanstiegs auf den Energiemärkten betroffen, wie wir hier erläutern:

Mehr

Wenn die Preise für Benzin, Diesel, Heizöl, Kerosin und Erdgas ein Jahr lang auf dem Stand vom 23. März blieben, würden die zusätzlichen Energiekosten für die Konsument:innen in der Schweiz 4,9 Milliarden Franken betragen, schreibt der ETH-Forscher Cyril Brunner auf seinem LinkedIn-Profil.

Er kam auf diese Zahl, indem er die Preissteigerungen berücksichtigte und die Ausgaben auf ein Jahr hochrechnete, wie er dem Tages-AnzeigerExterner Link erklärte.

Im Durchschnitt entspräche dies laut Brunner 1200 Franken pro Haushalt. Von den 4,9 Milliarden Franken würden 570 Millionen in der Schweiz bleiben, während 4,3 Milliarden ins Ausland an die Unternehmen fliessen würden, die Öl und Gas liefern. Zum Vergleich: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine war die Importrechnung für fossile Energien um rund drei Milliarden Franken gestiegen.

Für Brunner zeigen die Zahlen die Verwundbarkeit auf, die durch diese Abhängigkeit entsteht. «Eine Schweiz mit weniger Abhängigkeit von fossilen Energien wäre weniger anfällig für solche geopolitischen Krisen.»

Die Schweiz bezieht sämtliche fossilen Energieträger aus dem Ausland, da sie über keine eigenen Ressourcen verfügt. Erdölprodukte und Gas decken mehr als die Hälfte des nationalen Energiebedarfs, wie diese Grafik zeigt:

Externer Inhalt

Mehr öffentliche Verkehrsmittel bei Benzinpreisen über zwei Franken

Die Schweiz gehört zu den Ländern, in denen Strom- und Gasrechnungen das Haushaltsbudget vergleichsweise wenig belasten. Dasselbe gilt für Erdölprodukte. Dennoch reagiert die Bevölkerung laut Vincent Kaufmann, Professor für Stadtsoziologie und Mobilitätsanalyse an der ETH Lausanne, sehr sensibel auf die Preise für Benzin und Diesel.

Ein Preisanstieg an den Tankstellen trifft vor allem Menschen mit begrenztem Budget, erklärte Kaufmann gegenüber der Zeitung La LibertéExterner Link. «In diesen Gruppen beobachten wir Veränderungen im Verhalten. So nimmt beispielsweise das Carsharing zu.»

Sollte der Benzinpreis über zwei Franken steigen und dieses Niveau sechs Monate lang halten, könnten einige Menschen laut Kaufmann auf das Auto verzichten und auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. «Das gilt insbesondere für kurze Strecken, wo Tarifverbünde die Kosten senken.»

Die Schweiz hat sich verpflichtet, fossile Energien schrittweise abzubauen und den Übergang zu erneuerbaren Energiequellen voranzutreiben.

An der letzten Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP30) forderten über 80 Länder – darunter die Schweiz – einen klaren Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

Gleichzeitig ist die Schweiz nach wie vor stark von Öl- und Gasimporten abhängig, besonders für den Verkehr und die Gebäudeheizung.

In dieser Serie wird die Energieabhängigkeit der Schweiz analysiert und ihr ambivalentes Verhältnis zu fossilen Energiequellen im internationalen Kontext beleuchtet.

Die Schweiz hat sich an niedrige Benzinpreise gewöhnt

Der Touring Club Schweiz (TCS) relativiert die Auswirkungen der steigenden Treibstoffpreise. Das Niveau entspreche wieder demjenigen von vor mehr als zehn Jahren, sagte Moreno Volpi, Mitglied der Geschäftsleitung des TCS, in einem InterviewExterner Link mit dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS.

«In Wirklichkeit haben sich die Konsumentinnen und Konsumenten in den letzten zwei Jahren an relativ tiefe Preise gewöhnt, weil diese bei etwa 1,50 Franken pro Liter lagen. Heute befinden wir uns wieder auf einem Niveau, das wir zwischen 2010 und 2015 gesehen haben», sagte er und erinnerte daran, dass der Preis nach Beginn des Ukrainekriegs zeitweise auch 2,20 Franken erreicht hatte.

Entscheidend sei heute jedoch weniger das erreichte Preisniveau als vielmehr die Geschwindigkeit, mit der die Preise gestiegen sind, so Volpi.

grafik energiepreise
SWI swissinfo.ch

Der Krieg bremst die Schweizer Wirtschaft

Die zusätzlichen Ausgaben für Autofahrten, das Heizen von Gebäuden und Flugreisen sind nicht die einzigen Kosten des Kriegs. Indirekt treibt der Konflikt im Nahen Osten auch die Inflation an und bremst das Wirtschaftswachstum in der Schweiz.

Die Teuerung für 2026, die ursprünglich auf 0,3% geschätzt worden war, dürfte gemäss den Ökonom:innen des Instituts Bak EconomicsExterner Link bei 0,6% liegen. «Der Anstieg bleibt deutlich unter den im Ausland beobachteten Werten, wird aber für Schweizer Verhältnisse dennoch spürbar sein, insbesondere wegen der höheren Energie- und Importkosten», schreibt das Bak.

Weniger stark fällt der Effekt auf das Wachstum aus. Das Bruttoinlandprodukt dürfte 2025 um 0,8% wachsen, gegenüber zuvor erwarteten 0,9%. Für 2027 wird die Prognose von 1,5% auf 1,4% gesenkt.

Die Auswirkungen des Krieges auf die Schweizer Wirtschaft (RSI, 20. März 2026):

Externer Inhalt

Editiert von Reto Gysi von Wartburg, Übertragung aus dem Italienischen: Janine Gloor

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft