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Handyverbot an Schweizer Schulen: Was gilt und warum Lehrpersonen skeptisch sind

Handys in Gestell in der Schule
In vielen Schulen müssen die Smartphones der Schülerinnen und Schüler den Tag in solchen Boxen verbringen. Keystone / Christian Beutler

Immer mehr Kantone verbannen Smartphones aus den Schulen – aus Sorge, dass sie Konzentration und soziale Interaktion beeinträchtigen. Doch gerade jene, die täglich im Klassenzimmer stehen, zweifeln daran, dass Pauschalverbote die richtige Lösung sind.

Sechs Jahre alt sind Schweizer Kinder beim Schuleintritt, jedes fünfte von ihnen hat dann bereits ein eigenes Handy. Zum Ende der Primarschule sind es 80%, in der Oberstufe steigt der Wert auf 99%.

Diese Zahlen aus StudienExterner Link zeigen, dass das Handy aus dem Alltag von Schweizer Kinder und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken ist. Ob aber das Handy auch in der Schule dabeisein soll, das ist eine gesellschaftlich und politisch vieldiskutierte Frage in der Schweiz. Während die meisten Schulen Regeln zum Gebrauch von Handys haben, hat die Schweiz kein nationales Gesetz, das diese Frage regelt.

Aufgrund ihrer föderalen Struktur ist die Schweizer Bildungslandschaft ein Flickenteppich, das schliesst die Handynutzung in der Schule mit ein. Das Schulwesen ist kantonal organisiert, die Umsetzung liegt bei den Gemeinden beziehungsweise bei den Schulen. Und doch kristallisiert sich der übergreifende Trend heraus, dass das Smartphone ganz vom Schulareal verbannt werden soll.

Mehrere Kantone führen Handyverbot ein

Tatsächlich häufen sich Meldungen aus den Kantonen, die ein Handyverbot an der Schule einführen wollen oder dies bereits getan haben. Der Kanton Tessin weitet mitten im Schuljahr das Handyverbot von den Mittelschulen auf die gesamte obligatorische Schule aus, es gilt ab dem 30. März 2026.

Die Kantone Nidwalden, Aargau und Wallis haben ab dem Schuljahr 2025/26 ein Verbot für die Verwendung sämtlicher privater elektronischer Geräte eingeführt. Handys, Smartwatches, Tablets und Laptops dürfen während des Unterrichts, in Pausen und an schulischen Anlässen nicht verwendet werden.

Ausnahmen gibt es nur, wenn die Geräte für Unterrichtszwecke eingesetzt werden oder ein gesundheitlicher Grund besteht. In der Westschweiz kennt der Kanton Waadt ein entsprechendes Verbot schon seit 2019.

Im internationalen Vergleich reicht die Spannbreite von strikten landesweiten Verboten bis zu Lösungen auf Bundesstaaten- oder Schulebene.

In Frankreich wurde das Handy 2018 per Gesetz aus der Schule verbannt, in den Niederlanden muss das Handy seit 2024 beim Betreten der Schule ins Schliessfach.

Auch Österreich hat ein landesweites Handyverbot, in Dänemark gilt es ab dem Schuljahr 2026/27. Polen hat gerade im Eilverfahren ein Handyverbot ab 1. September 2026 eingeführt.

In China sind die Handys seit 2021 an der Schule verboten, Australien geht nicht nur gegen die Geräte vor, sondern hat als erstes Land weltweit Social Media für Jugendliche unter 16 Jahren verbotenExterner Link.

In Umfragen erhält das Handyverbot an Schulen grosse Zustimmung. In einer StudieExterner Link aus dem Jahr 2024 sprachen sich über 80 Prozent der Befragten dafür aus.

Nach Einschätzung der Forschenden spiegelt die breite Unterstützung ein gewachsenes Problembewusstsein im Umgang mit digitalen Medien wider.

Bei jungen Menschen geben vor allem exzessive Nutzung, Aufmerksamkeitsdefizite und negative Auswirkungen auf soziale Beziehungen Anlass zur Sorge.

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Lehrpersonen skeptisch gegenüber Pauschalverbot

Wer ein Handyverbot an der Schule begrüsst, denkt vermutlich auch die Lehrpersonen, die so entlastet werden sollen. Der Vorteil einheitlicher Regeln im Kanton, so der Walliser Bildungsdirektor Christophe DarbellayExterner Link, sei die Entlastung für Lehrpersonen und Eltern.

Doch gerade bei den Lehrpersonen stösst die politische Massnahme nicht auf breite Zustimmung. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz hält ein generelles Verbot von Smartphones und anderen privaten Geräten an Schulen nicht für sinnvoll, wie er in seinem FaktenblattExterner Link festhält. Regeln, die gemeinsam mit den Schüler:innen erarbeitet werden, seien meist zielführender als strikte Verbote.

Die Umstellung auf eine handyfreie Schule hat gezeigt, dass Jugendliche das Smartphone auch für alltägliche Dinge brauchen, zum Beispiel um den Busfahrplan zu prüfen oder um zu bezahlen. So musste der Pausenkiosk im aargauischen Seengen Twint als Zahlungsmittel aufgebenExterner Link. Gipfeli gibt es nur noch gegen Bargeld.

Der Kanton Aargau zieht nach einem ersten Halbjahr ohne Handy allerdings eine positive Bilanz. «Die Lehrpersonen müssen die Massnahmen nun weniger begründen als früher und auch Schüler:innen erkennen durchaus Vorteile, weil sie in den Pausen wieder häufiger mit ihren Kamerad:innen physisch interagieren», sagt Daniel Hotz, Geschäftsführer Bildung Aargau auf Anfrage von Swissinfo.

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Er hält jedoch fest, dass Verbote allein nicht reichen. «Der Handykonsum beinhaltet ein gleich hohes Suchtpotential wie der Konsum von Alkohol und Tabakwaren, also sollte man dem Problem auch auf die gleiche Art begegnen.»

Entscheidend sei, flankierend Präventionsarbeit zu leisten und die getroffenen Massnahmen regelmässig zu überprüfen. Nach einer gewissen Zeit müsse evaluiert werden, ob das Verbot die gewünschte Wirkung erzielt, und daraus müssten weitere Schritte abgeleitet werden.

Smartphone als Symbol eines Wandels im Schulzimmer

Philippe Wampfler, Kantonsschullehrer und Digitalexperte, gehört zu den Kritikern ein generelles Smartphoneverbot an Schulen. «Das Verbot ist eine schnelle, einfache Lösung, um einer komplexeren Lösung aus dem Weg zu gehen», sagt er zu Swissinfo.

Er sieht das Problem nicht bei den smarten Geräten, sondern bei den Geschäftsmodellen der Plattformen mit ihren Endlos-Feeds, personalisierten Algorithmen und Belohnungsmechanismen wie Likes. «Es ist verlogen, wenn Politiker:innen solche Kampagnen mittragen, sich aber gleichzeitig weigern, diesen Firmen klare Vorgaben zu machen.»

Für Wampfler ist das Smartphone auch ein Symptom eines grundlegenden Wandels im Klassenzimmer. Es stelle den traditionellen Unterricht infrage: «Schüler:innen könnten jederzeit Informationen nachschlagen, wodurch die Lehrperson nicht mehr automatisch die zentrale Wissensquelle ist.»

Die handyfreie Schule an sich funktioniere aber gut – die Schüler:innen seien sich Regeln im Umgang mit dem Handy gewöhnt. In den Pausen spielen sie mit den zur Verfügung gestellten Sportgeräten und Brettspielen. Morgens, bevor das Smartphone in den Koffer muss, würden sie es jedoch «sehr intensiv nutzen».

Eine Verlagerung der Handynutzung beobachtet auch eine Oberstufenlehrerin in Zürich, wo das Handy seit Februar an den städtischen Schulen verboten ist.

Für viele ihrer Schüler:innen sei das Verbot kein grosses Thema. In der Mittagspause beobachtet sie jedoch, dass manche Jugendliche sich vom Mittagessen abmelden und für einen Spaziergang das Schulgelände verlassen – um ihr Handy zu nutzen. Für die Lehrerin kein Grund zur Besorgnis. «So bewegen sie sich wenigstens ein bisschen draussen.»

Editiert von Marc Leutenegger

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