Nach Druck der US-Regierung: Arzneimittelhersteller überdenken ihre Europa-Strategie
Die «Meistbegünstigungsklausel» des US-Präsidenten Donald Trump bei der Preisgestaltung für Arzneimittel hat in ganz Europa für Aufruhr gesorgt. Pharmariesen versuchen nun verzweifelt, ihre Gewinne zu sichern.
Es ist fast ein Jahr her, seit US-Präsident Donald Trumps seine Verordnung zur Preisgestaltung bei Arzneimitteln nach dem MeistbegünstigungsprinzipExterner Link (MFN) verabschiedet hat.
Damit ist diese Massnahme, die auf eine Senkung der US-Gesundheitskosten abzielt, nicht mehr nur eine protektionistische Drohung auf dem Papier.
Die Verordnung zwingt Pharmaunternehmen faktisch dazu, US-Konsument:innen die gleichen Preise wie in anderen wohlhabenden Ländern zu berechnen. Und sie beginnt, Wirkung zu zeigen.
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Trotz globalem Erfolg: Die Schweizer Pharmaindustrie steht vor Problemen
Rund 16 PharmaunternehmenExterner Link haben offenbar inzwischen vertrauliche MFN-Vereinbarungen mit der US-RegierungExterner Link unterzeichnet, die sie für drei Jahre von Zöllen befreien. Darunter sind auch die Schweizer Pharmariesen Novartis und Roche – letztere über ihre US-Tochter Genentech.
Sie verpflichten sich, die US-Preise für neue Medikamente an die niedrigsten Preise in einer Reihe von Referenzländern anzupassenExterner Link, zu denen auch die Schweiz gehört.
Einige haben sich zusätzlich bereit erklärt, ihre Investitionen in Forschung und Produktion in den USA zu erhöhen: Im vergangenen Jahr haben sich Pharmaunternehmen verpflichtetExterner Link, insgesamt mehr als 320 Milliarden US-Dollar (250 Milliarden Schweizer Franken) in den USA zu investieren.
Mit der MFN-Preisgestaltung geht die Trump-Regierung über freiwillige Vereinbarungen hinaus. Sie formalisiert die Richtlinie über drei Modelle für die staatlich betriebenen Versicherungssysteme Medicaid und Medicare, wobei jedes Modell eine leicht unterschiedliche Gruppe von Referenzländern verwendet.
Im Februar führte die Regierung die Website Trumprx.gov für verschreibungspflichtige Medikamente ein: Sie zielt darauf ab, MFN-Preise direkt an US-Konsument:innen weiterzugeben.
Dies hat die Lage zusätzlich verschärft. Denn sollten Unternehmen nicht den niedrigsten Preis anbieten, riskieren sie, von dieser hochkarätigen Plattform ausgeschlossen zu werden.
Als Reaktion darauf haben einige Firmen angekündigt, die Einführung neuer Medikamente in europäischen Ländern, in denen die Preise historisch gesehen weit unter denen in den USA lagen, zu verzögern oder ganz darauf zu verzichten.
Sie ziehen es vor, einen ganzen Markt zu verlieren, als einen niedrigen US-Preis festzulegen, der ihre Einnahmen schmälern könnte. Andere haben gewarnt, dass sie ihre Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Europa kürzen werden, sofern die Regierungen nicht bereit sind, die Preise erhöhen.
Ein Kampf mit hohem Einsatz
Obwohl nach wie vor grosse Unsicherheiten darüber bestehen, wie MFN umgesetzt werden soll, müsse Europa diese Politik ernst nehmen, sagen Expert:innen.
«Die US-Politik bestimmt mittlerweile die Gesundheitspolitik in anderen Ländern», sagte etwa James Whitehouse vom britischen Beratungsunternehmen Lightning Health Anfang März auf dem «Evidence, Pricing and Access Congress» in Amsterdam – Europas grösstem Kongress für Arzneimittelpreise. Gegenüber Swissinfo warnt Whitehouse vor weitreichenden Auswirkungen auf Europa: «MFN ist langfristig angelegt.»
Die Umsätze in den USA machen mindestens die Hälfte des Gesamtumsatzes der meisten grossen Pharmaunternehmen aus. Zum Teil ist dies zwar auf die hohen Preise zurückzuführen: Bei Markenprodukten können diese bis zu viermal höher seinExterner Link als in anderen Industrieländern. Der hohe Anteil aber gibt den USA beträchtlichen Einfluss auf geschäftliche Entscheide.
Niedrigere Preise in den USA würden Umsatz und Gewinn erheblich schmälern, schrieben Analyst:innen der Schweizer Grossbank UBS in einem Bericht, der im Mai 2025 veröffentlicht wurde.
Sie schätzten, dass grosse Pharmaunternehmen im Jahr 2028 einen Nettogewinn-Rückgang um 8% hinnehmen müssten. Die Schätzung orientiert sich an den 50 meistverkauften Medikamenten, die 2024 über Medicare abgesetzt wurden, sowie an zehn neuen Medikamenten, die voraussichtlich bis zum Ende des Jahrzehnts zu den meistverkauften gehören werden.
Pharmakonzerne und Branchenverbände zeichnen nun ein düsteres Bild, sollten die Arzneimittelpreise in Europa nicht steigen, um die Umsatzverluste aus den USA auszugleichen: Von einem verschlechterten Zugang zu Medikamenten und geringeren Investitionen.
Der US-amerikanische Pharmariese Pfizer, der gemessen am Umsatz zu den drei weltweit führenden Pharmakonzernen zählt, unterzeichnete als erster ein MFN-Abkommen.
Im Januar erklärte sein VorstandsvorsitzenderExterner Link, Albert Bourla, auf der «JPMorgan Chase Healthcare Conference»: Wenn man die Wahl hätte zwischen einer Senkung der US-Preise auf das französische Niveau oder der Einstellung der Lieferungen nach Frankreich, würde man «die Lieferungen nach Frankreich einstellen».
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«Schon vor der Ankündigung von MFN stand die Branche dem Preisumfeld in Europa äusserst kritisch gegenüber und argumentierte, dass es den Wert nicht anerkenne», sagt Neil Grubert, ein in Grossbritannien ansässiger Berater für globalen Marktzugang.
In Europa ist der Anteil an den weltweiten Investitionen in Forschung und Entwicklung im Vergleich zu den USA und China bereits gesunken. «Nun ist es auch Präsident Trump, der Druck auf die europäischen Regierungen ausübt.»”
Besonders viel steht für kleine, wohlhabende Referenzländer wie die Schweiz und Dänemark auf dem Spiel, deren Wirtschaft stark vom Pharmasektor abhängt, die aber weniger Marktmacht haben.
Im vergangenen Juli strich Roche sein Krebsmedikament Lunsumio von der Erstattungsliste der obligatorischen Krankenversicherung, nachdem die Verhandlungen mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) über die Kosten gescheitert waren.
Patient:innen können das Medikament zwar weiterhin über ein spezielles Wohltätigkeitsprogramm beziehen. Doch mit der Rücknahme vermied es Roche, dass der Preis für das Medikament veröffentlicht wurde, und damit als Referenz für die USA hätte dienen können.
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Das US-Biotech-Unternehmen Amgen wiederum, ebenfalls Unterzeichner eines MFN-Abkommens, hat kürzlich sein cholesterinsenkendes Medikament Repatha vom dänischen Markt genommen und dies mit veränderten «globalen Marktdynamiken» begründet – obwohl lokale Medien spekuliertenExterner Link, der Rückzug sei auf den Druck durch das MFN-Abkommen zurückzuführen.
Amgen senkte den Preis des Medikaments in den USA im Oktober 2025 um 60% auf das Niveau, das nach eigenen Angaben das niedrigste unter den wirtschaftlich entwickelten G7-Staaten war.
«Einige Unternehmen sagen, es sei vernünftig, ein innovatives Medikament erst dann in anderen Ländern auf den Markt zu bringen, wenn man sich einen US-Preis gesichert hat, um zu vermeiden, dass der US-Preis nach unten gezogen wird», sagt Elisabeth Brock, Gesundheitsökonomin und Beraterin für Marktzugang in Basel. «Wenn man keinen Preis hat, hat die USA nichts zum Vergleichen.»
Sparmassnahmen machen sich bemerkbar
Doch die europäischen Regierungen sind nicht nur unter Druck von US-Präsident Trump. Denn innenpolitisch wiederum wird vor allem gefordert, die Preiserhöhungen zu erschweren.
Viele Gesundheitsbehörden, darunter auch jene in der Schweiz und in Deutschland, versuchen, die Kosten einzudämmen, die in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen sind.
Die Kosten der Schweizer GrundversicherungExterner Link für Medikamente erreichten 2024 einen Rekordwert von 9,4 Milliarden Schweizer Franken – ein Anstieg um 64% gegenüber 2014. Angetrieben wurde er durch eine Handvoll neuer, teurer Therapien.
Die steigenden Kosten haben dazu geführt, dass viele Länder eine stärkere Begründung von den Firmen für die Preise ihrer Produkte einfordern. Die meisten europäischen Länder verlangen inzwischen so genannte «Health Technology Assessments» (HTA), um die Kosteneffizienz eines Medikaments zu bewerten.
Dabei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem medizinische Verfahren und Techniken systematisch überprüft werden, wie wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sie sind.
Manche Medikamente, die in den USA weit verbreitet sind, wurden von einigen europäischen Preisregulierungsbehörden abgelehnt – wenn die Bewertungen ergaben, dass der Nutzen der Medikamente ihre Kosten nicht rechtfertigte.
«Pharmaunternehmen sagen, sie bräuchten höhere Preise», sagt Brock. «Aber in Europa müssen sie beweisen, dass das Medikament seinen Preis wert ist.» Dieser Ansatz bei der Preisgestaltung macht es europäischen Regierungen schwer, Preise einfach anzuheben – besonders angesichts des öffentlichen Drucks.
Im November erklärte Innenministerin Elisabeth Baume-SchneiderExterner Link gegenüber dem Schweizer Radio SRF: «Die Leute in der Schweiz können und müssen nicht mit ihren Krankenkassen-Prämien für Preise in den USA zahlen.»
Die britische Regierung erklärte sich im vergangenen Jahr bereit, bis 2035 im Rahmen eines Handelsabkommens mit den USAExterner Link 25% mehr für neue Medikamente zu zahlen, um massive Einfuhrzölle zu vermeiden. Doch die Pharmaunternehmen sagen, dass dies nicht ausreiche, um die Lücke zu den US-Preisen zu schliessen.
Die Europäische Union verfügt über weitere Druckmittel. Sie hat im vergangenen Dezember ihre Arzneimittelvorschriften aktualisiert: Das «Arzneimittelpaket» zielt unter anderem darauf ab, den Zugang zu Medikamenten in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu verbessern.
Die neuen Regelungen verpflichten Unternehmen, ein Medikament in einem Mitgliedstaat bereitzustellen, wenn dieser es verlangt – andernfalls muss die Firma mit sofortiger Konkurrenz durch Generika oder Biosimilars rechnen.
Das bedeutet auch, dass Unternehmen gezwungen sein könnten, ein Medikament in einem MFN-Referenzland auf den Markt zu bringen, wenn sie es irgendwo anders in der EU einführen.
Die MFN-Politik könnte auch die jahrzehntelange Strategie der europäischen Regierungen auf den Kopf stellen, mit Arzneimittelherstellern vertrauliche Rabatte auf deren Listenpreise auszuhandeln, die laut Grubert bis zu 70% über dem tatsächlich gezahlten Preis, dem so genannten Nettopreis, liegen können.
Es wird jedoch schwieriger sein, die Nettopreise geheim zu halten, wenn die USA diese einfordern.
Letztendlich gibt es keine Garantie dafür, dass Patient:innen sowohl in den USA wie auch in Europa unter MFN besser gestellt sein werden. Wenn Unternehmen ihre Produkte in Europa nicht auf den Markt bringen, würden europäische Patient:innen ohne Medikamente dastehen – und US-Patient:innen in der Folge einen noch grösseren Anteil der Innovationskosten tragen müssen.
Es gibt im MFN-Regime auch keinen Mechanismus, der Unternehmen daran hindert, in den USA noch höhere Preise festzulegen, um die in Europa entgangenen Einnahmen auszugleichen.
Wenn europäische Regierungen die Preise erhöhen, könnte dies die Gesundheitssysteme, von denen viele grösstenteils aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, stärker belasten und möglicherweise das Budget für andere Dienstleistungen schmälern. Die Patient:innen würden wahrscheinlich die Zeche zahlen, indem sie einen höheren Anteil der Kosten selbst tragen müssen.
Viele Menschen könnten sich die Behandlung dann nicht mehr leisten, sagt Toma Mikalauskaite, politische Leiterin bei der European Cancer League. «In einer Zeit, in der Patient:innen bereits mit Verzögerungen und Medikamentenengpässen konfrontiert sind, würde eine Erhöhung der Arzneimittelpreise dazu führen, dass einige Krebspatient:innen ohne die dringend benötigte Versorgung dastehen.»
Editiert von Nerys Avery/vm/ts, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/raf
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