Sars: Nicht in Panik geraten
Die atypische Lungenentzündung Sars ist für die Schweiz keine ernsthafte Gefahr. Wie viele Virusinfektionen heilt die Krankheit zudem meist von selber wieder ab.
Die Jagd nach einem Impfstoff oder einem Medikament ist aber trotzdem eröffnet. Doch es wartet ein langer Weg.
Wie die Grippe tötet Sars, das schwere akute respiratorische Syndrom, lange nicht alle, die daran erkranken.
In 90 Prozent der Fälle hat die Krankheit keine gravierenden Folgen, der Organismus baut Abwehrkräfte auf und kann das Virus eliminieren. In 10% der Fälle kann sie beunruhigend verlaufen, und bei 3 bis 5 von hundert Patientinnen oder Patienten führt sie zum Tod.
«Man weiss noch nicht genau, warum einige Personen sich nicht davon erholen», sagt Giorgio Zanetti, Arzt an der Abteilung für Infektionskrankheiten des Universitätsspitals Lausanne (CHUV).
«Vielleicht haben die Opfer eine geschwächte Immunabwehr, oder diese schaltet sich zu spät ein. Aber es ist noch viel zu früh, um zu wissen, ob die Veranlagung eine Rolle spielt», so der Lausanner Arzt weiter.
Andererseits beurteilt der Zürcher Präventivmediziner Robert Steffen die Sars-Seuche als die schwerste Epidemie der letzten 50 Jahre, wenn man von Aids absieht. Der Experte für übertragbare Krankheiten schätzt den Erreger als relativ leicht übertragbar ein.
Ausserdem sei der Anteil Todesfälle unter den Erkrankten deutlich höher als bei Grippenfällen. Das Sterberisiko steige zudem ab dem 40. Altersjahr.
Zwischen Hoffen und Bangen
Zanetti sieht angesichts der aktuellen Situation in der Schweiz keinen Grund zur übermässigen Besorgnis. Der mögliche Verlauf der Epidemie macht ihm allerdings Sorge.
«Es ist positiv, wie schnell sich die Informationen verbreitet haben, und wie die Gesundheitsbehörden der verschiedenen Länder darauf reagiert haben», so der Arzt.
«Eines aber macht uns Sorge», so Zanetti weiter. «Wenn die Krankheit einmal an einem Ort ausgebrochen ist, ist es sehr schwierig, sie in Schranken zu halten und mit ihr fertig zu werden. Das erlebt Kanada zur Zeit.»
Laut dem Lausanner Arzt sind die Präventionsmassnahmen aber wahrscheinlich ausreichend. Und zwar, ohne einen auf Impfstoff oder eine spezifische Behandlung zu warten, an der die Labors bereits arbeiten.
Das Rennen um den Impfstoff hat begonnen
Laut der Schweizer Sonntagspresse sollen mehrere grosse Pharmaunternehmen in den Startlöchern sein: Aventis Pasteur (Frankreich), Glaxo Smith Kline (Grossbritannien) sowie Merck und Wyeth (USA). Auch die Schweizer Firma Bio Bernatech behält das Virus im Visier.
Die auf Impfstoffe spezialisierte Bio Bernatech wartet aber, bis das Virus richtig identifiziert ist, bevor sie ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm einleitet.
«Wir behalten den Situationsverlauf im Auge, bevor wird uns entscheiden, ob wir vorwärts machen wollen», erklärte Sprecher Patrik Richard. «Aber wir prüfen die Sache ernsthaft, da wir gut in der Lage sind, einen Impfstoff zu entwickeln.»
Richard weist jedoch warnend darauf hin, dass dies ein langer Prozess sein kann. «Die Entwicklung allein könnte bis zehn Jahre dauern», sagt er zu swissinfo.
Berna ist unter den Pharmagesellschaften der Welt ein kleiner Fisch, mit einem relativ tiefen Forschungsbudget von 60 Millionen Schweizer Franken, doch die Investition könnte sich lohnen.
«Die Regierungen wären bereit, viel Geld für einen Impfstoff zu bezahlen», erklärte Roland Maier, Manager bei der Investmentfirma BB Biotech.
«Die Auswirkungen einer Epidemie auf einige der weltweit grössten Volkswirtschaften könnten verheerend sein, wenn sie nicht eingedämmt würde.»
Als Beispiel nennt Maier die jüngsten Ängste vor einem Terroranschlag mit Pockenerregern, welche viele Regierungen dazu veranlassten, genügend Impfstoff zu lagern.
«Es wurden mehrere hundert Millionen Dollar ausgegeben, um gegen eine potentielle Bedrohung gewappnet zu sein», erklärte er gegenüber swissinfo.
Allerdings, so Meier weiter, bleibe die Aussicht auf einen Impfstoff unsicher, solange das Sars-Virus nicht richtig identifiziert ist, auch wenn die Entwicklung bisher ermutigend ist.
«Das Virus scheint zu der Familie der Coronaviren zu gehören», erläuterte er. «Bisher waren Menschen von dieser Art Virus nicht betroffen, aber es gibt bereits Impfstoffe für Tiere.»
Maier glaubt, dass die Entwicklung eines neuen Impfstoffs vermutlich nicht allzu geschützt sein wird, wenn man auf einem bereits existierenden Stoff aufbauen kann.
Auch Diagnose und Behandlung wichtig
Pharmafirmen denken aber nicht nur an den Impfstoffmarkt. Der Schweizer Multi Roche prüft auch Fragen rund um Diagnose und Behandlung im Zusammenhang mit der Epidemie.
«Wir sind zuversichtlich, dass wir schnell einen Test entwickeln können, wenn das Virus identifiziert ist», erklärte Firmensprecher Horst Kramer. «Wenn alles gut geht, wäre das in etwa zwei Monaten möglich.»
Eine Behandlung für Sars zu finden, dauert aber länger. Für Kramer ist die Identifizierung des Virus nur der erste Schritt.
«Es dauert oft lange, bis wir den Schwachpunkt eines Virus finden», so Kramer. «Bis dann ist eine Behandlung denkbar, welche den Lebenszyklus des Virus stört und es daran hindert, sich weiter zu verbreiten.»
Ab dann würde es laut Kramer fünf bis acht Jahre dauern, bis eine Behandlung entwickelt ist, und diese dürfte zwischen 750 Millionen und einer Milliarde Schweizer Franken kosten.
swissinfo, Marc-André Miserez und Scott Capper
(Übersetzung: Charlotte Egger)
Seit Beginn der Epidemie forderte Sars weltweit rund hundert Todesopfer.
Über 2600 Personen infizierten sich und wurden krank.
In der Schweiz gab es bis am Dienstag einen wahrscheinlichen Fall und sechs Verdachtsfälle.
Fünf dieser sieben Personen sind bereits wieder gesund.
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