Junge Dealer, billiges Kokain: Wie die albanische Mafia das Tessin erobert hat
Junge Dealer, hochwertiges Kokain und Heroin in grossen Mengen zu niedrigen Preisen: Die albanische Mafia hat den Tessiner Markt erobert. Mit verheerenden Folgen. Und einem Anstieg der Verhaftungen von 56% im Jahr 2025.
Am 29. April wurde in Capolago ein 24-jähriger Albaner mit 54 Gramm Kokain angehaltenExterner Link. Er ist der jüngste Fall in einer langen Reihe. Im Jahr 2025 wurden im Tessin 122 Personen wegen Drogenhandels verhaftet, im Jahr 2024 waren es 78, was einem Anstieg von 56% entspricht. Mittlerweile sitzt die Hälfte der Insassen der Tessiner Gefängnisse wegen dieser Art von Kriminalität hinter Gittern.
Eine stille Invasion
Die albanische Mafia hat den Tessiner Markt mit Hilfe eines feinmaschigen Netzes von jungen Dealern, den sogenannten «Cavallini», erobert. Junge Männer, oft arbeitslos, die mit dem Flugzeug oder dem Zug aus Albanien nach Italien kommen und dann ins Tessin einreisen, häufig mit einem gemieteten Auto.
Sie bleiben ein paar Monate, gerade lange genug, um die Drogen zu verkaufen, die ihnen von der Organisation geliefert werden, und erhalten dafür 500 bis 1000 Franken pro Monat, die sie ausgeben oder an ihre Familien schicken können. Und der Erlös aus dem Verkauf der Drogen? Der geht an die Organisation.
Der Beitrag in der Sendung «Il Quotidiano» (auf Italienisch):
«Die Cavallini sind Teil eines Netzwerks, das eine eigene kriminelle Organisation ist. Es ist wirklich gut durchdacht, das muss man zugeben. Sie kommen und gehen. Sie sind nur für kurze Zeit hier: ein paar Monate. Wenn die Polizei also einen Dealer verhaftet, erwischt sie nur ihn…», sagt ein langjähriger Konsument, den wir im Parco Ciani in Lugano getroffen haben.
Den Rest erledigt die Omertà – der Ehrenkodex des Schweigens, was bei der albanischen Mafia die Regel ist. Und die Strategie funktioniert. «Heute operieren diese Drogenhändler im ganzen Kanton, sogar in der Region Locarno, wo sie bis vor einigen Jahren noch nicht anzutreffen waren», sagt der Hauptkommissar der Kantonspolizei und Leiter der Abteilung Drogenbekämpfung, Paolo Lopa.
Die Formel für den Erfolg
«Das Geheimnis ihres Erfolgs: Kokain von höchster Qualität (Reinheit zwischen 60 und 80%) zu relativ niedrigen Preisen. «Das ist das Gesetz des Marktes», so Lopa. «Niemand», fährt er fort, «ist heute in der Lage, diese Qualität zu diesen Preisen zu bieten».
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«Die Verfügbarkeit von Kokain in der Schweiz ist beispiellos»
Im Tessin erobert die albanische Mafia keine Plätze oder Stadtviertel. Sie dringt diskret in die Wohnungen der Konsument:innen ein.
«Die Annäherung zwischen dem Drogenhändler und dem Tessiner, der ihn dann beherbergt, erfolgt in drei Phasen», sagt Marcello Cartolano, Leiter des Bereichs illegale Substanzen und stellvertretender Direktor der Fachstelle für Sucht, Ingrado.
«Zuerst nutzen sie die Verletzlichkeit und Isolation aus, dann bitten sie um Gastfreundschaft im Austausch für den kostenlosen Konsum und schliesslich schaffen sie eine totale Abhängigkeit von den Drogen. Oft ist es eine Frau, die einen jungen Mann bei sich zu Hause im Tessin aufnimmt, wie die Medien berichten. Für diese Menschen ist die Aufnahme eines jungen Mannes auch eine emotionales Bedürfnis», erklärt Cartolano.
Die Folgen
Die breite Verfügbarkeit von Kokain hat zu einem Anstieg des Crack-Konsums geführt. Der Bericht 2025 von Ingrado dokumentiert dieses Phänomen: Das Projekt «Pipe Crack» ist eine Initiative zur Schadensbegrenzung, für die Ingrado 2624 Kits (sterile Glas- oder Aluminiumpfeifen) verteilt hat, die 203 Konsument:innen erreichten, 41% mehr als im Vorjahr.
«Gerauchtes Kokain macht schnell süchtig», so Cartolano weiter. «Nach fünf bis zehn Minuten ist die Wirkung abgeklungen, aber die Person verspürt einen unwiderstehlichen Drang, weiterzumachen. Dabei kann es zu gewalttätigen Aggressionen und einer grossen Unberechenbarkeit kommen».
Und genau in diesem Kontext kam es in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar zum Verbrechen in der Via Mirasole in BellinzonaExterner Link: Ein drogenabhängiger junger Mann erstach seine 46-jährige Mutter und verletzte ihren Lebensgefährten schwer. Ein Vorfall, der die Beteiligten besonders schockierte. «Das ist ein Weckruf. Die Menschen verlieren die Kontrolle und sind der Droge völlig ausgeliefert», sagt Cartolano.
Ein System, das sich selbst am Leben erhält
Die Bekämpfung des Phänomens ist auch deshalb so kompliziert, weil die albanischen Drogenhändler von den Betroffenen oft nicht als Kriminelle, sondern als Anbieter einer Dienstleistung gesehen werden, die eine existenzielle Lücke füllt.
«Heute sind es die Albaner, und ehrlich gesagt ist es gut, dass es sie gibt – auch wenn sie Arschlöcher sind», sagt der Konsument abschliessend. «Die Sucht existiert, es hat sie immer gegeben. Natürlich dealen sie. Und wenn sie es nicht tun, macht es jemand anderes – ich weiss nicht, ob Sie verstehen, was ich meine. Es gibt ein Bedürfnis, es gibt Menschen, die leiden. Viele glauben, das sei nicht so, aber genau so ist es.»
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Übertragung aus dem Italienischen mit KI/jg
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