Bally vor dem Aus: Was wird aus der Firmen-Schatzkammer?
Die Schweizer Traditionsmarke Bally steckt tief in der Krise. Geht der Konzern endgültig in Konkurs, ist auch seine bedeutsame Schuhsammlung bedroht. Sind die 40'000 historischen Bally-Schuhe noch zu retten?
Am Bahnhof im solothurnischen Schönenwerd steht ein riesiges Outlet-Center. Danach kommt erst einmal nicht so viel: kleine Arbeitersiedlungen, moderne Mehrfamilienhäuser, ein Coop. Gut 5’000 Menschen leben hier – eine typische Agglo-Gemeinde.
Eigentlich ist hier wenig los, aber wenn es um den drohenden Konkurs der Schweizer Schuhfirma BallyExterner Link geht, dann gibt es hier etwas zu erfahren.
Bewegte Geschichte
Auf einem ehemaligen Bally-Fabrikareal, im Haus 7, hat die Stiftung Ballyana einen Ausstellungsraum errichtet. Hier steht eine Sohlen-Durchnähmaschine von 1870. An den Wänden hängen bunte Bally-Werbeplakate, ein kleiner Ausschnitt des grossen Bally-Archivs.
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Schweizer Schuhhersteller Bally hält Schritt mit der Zeit
Gesammelt haben Eigentümer und Belegschaft viel, sagt Philipp Abegg, Stiftungspräsident und selbst ein Bally-Nachfahre: Briefe, Firmenzeitschriften, Fotografien, Filme und natürlich Schuhe. Nur, die fehlen hier in der Ausstellung.
Rund 40’000 Paar erstklassiger Bally-Schuhe lagern gleich nebenan: Damen-Stiefeletten mit dem berühmten Elastikband von 1875 oder Schlangenleder-Pumps aus dem Jahr 1928 liegen sorgsam aufgereiht in Glasschränken, komplett abgeschottet von der Aussenwelt.
Ballys Zukunft ist ungewiss
Mehr darf die engagierte Archivarin der Presse nicht sagen. Die wertvolle Sammlung und das umfangreiche Archiv sind Firmeneigentum. Doch die Zukunft des hochverschuldeten Schuhhauses ist ungewiss.
In den 1970er-Jahren geriet Bally in unzählige Identitätskrisen. CEOs wechselten, Bally war mal ein Luxus-Start-up, mal ein Streetwear-Label. Verlass war nur auf die jährlich neuen Schuhkollektionen.
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Geht es nach Philipp Abegg, haben wir es beim Bally-Firmenarchiv mit einer der «grössten und schönsten industriehistorischen Sammlungen in Mitteleuropa» zu tun. Seine Stiftung hat eine «Kriegskasse» angelegt, damit, wenn es schnell gehen muss, eine Finanzierung des Archivs bereitgestellt ist.
Ein Rettungsversuch kommt auch vom Kanton Solothurn. Er hat die Sammlung für ein Jahr unter Schutz stellen lassen. In dieser Zeit darf sie weder verschoben noch verkauft werden. Möglich macht dies ein Gesetz, das – im Gegensatz zu anderen Kantonen – auch bewegliche Kulturgüter wie Archive schützt.
Am liebsten würde der Jurist Philipp Abegg mit dem Kanton und der Firma eine neue Stiftung gründen. Bally besässe weiterhin die Marken- und Designrechte, das Archiv und die Schuhsammlung jedoch gingen an die Stiftung über.
Mehr als nur Schuhe
Es ist ein Versuch, die Verantwortung für das Erbe eines Stücks Schweizer Industriegeschichte neu zu verteilen. «Wir als Industriemuseum haben es bisher nicht geschafft, in den Rang eines anerkannten Kulturguts zu kommen. Uns fehlt die Unterstützung der Eidgenossenschaft und der Öffentlichkeit», sagt Abegg.
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Im Fall der Bally-Schuhsammlung geht es aber nicht nur um ein Designvermächtnis. Erzählt wird auch vom harten Fabrikalltag – besonders Frauen standen am Fliessband, vom fragwürdigen Kauf einer jüdischen Tochterfirma in Wien im Jahr 1938 und von einer bekämpften Gewerkschaft.
Wie kann dieses Erbe bewahrt werden? Vielleicht bietet der Aufschrei zum drohenden Bally-Ende auch eine Chance, ein Stück Schweizer Industriegeschichte stärker ins Bewusstsein zu rücken. Ganz nach dem einstigen Slogan: «Bally für alli – alli für Bally.»
Im Mai schloss Bally fast alle Schweizer Filialen bis auf die Boutique in St. Moritz. Allen verbliebenen Mitarbeitenden der Schuhfabrik im Tessiner Caslano wurde gekündigt.
Möglicherweise plante der aktuelle Bally-Eigentümer, Michael Reinstein von der US-Investmentfirma Regent LP, das Unternehmen gezielt zu zerschlagen: den kostbaren Markennamen retten, während Produktion und Schulden in den Konkurs laufen. Reinstein ist bekannt für dieses Vorgehen. Doch Tessiner Richter blockierten den geplanten Markenverkauf.
Zuletzt kündigte Roberto Martullo, Besitzer der Schuhmarke Künzli, an, die Traditionsmarke vollständig übernehmen und die Produktion in der Schweiz retten zu wollen. Regent lehnte das Angebot jedoch ab.
Bis Mitte Oktober tickt die Uhr, dann endet die Nachlassstundung, eine Vorstufe des Konkurses. In dieser Zeit steht das hochverschuldete Unternehmen unter der Aufsicht des Konkursamts Lugano.
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