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Was bleibt nach einer Atomkatastrophe? – Ana Vaz’ Film «Hanabi» gibt Antworten

Die brasilianische Filmemacherin Ana Vaz
Die brasilianische Filmemacherin Ana Vaz. Anthony Francin

Beim Filmfestival Locarno erhielt der Film «Hanabi» von Ana Vaz eine besondere Erwähnung der Jury. Der Film thematisiert die Atomkatastrophe von Fukushima. Die Regisseurin sagt, warum das Kino die Systeme konfrontieren sollte, die Katastrophen zur Normalität machen.

Als «experimentell» bezeichnet die brasilianische Filmemacherin Ana Vaz ihre Arbeit bewusst nicht – lieber benutzt sie den weiter gefassten Begriff «Kino-Poesie»: Diese Bezeichnung trage der Subversivität ihrer Filme Rechnung, ohne ihnen ein Etikett zu verleihen, das in veraltetem Formalismus verhaftet sei.

Doch selbst dann «gibt es natürlich zwingend Herausforderungen in Bezug auf Form und Erzählweise, sonst bleibt dem Kino die Luft weg», erklärt Vaz gegenüber Swissinfo anlässlich der Weltpremiere ihres neuesten Spielfilms «Hanabi».

«Wenn jemand sagt: ‹Sie ist experimentell.› klingt das ein bisschen wie ‹Sie ist verrückt.›», findet Vaz, deren neustes Werk beim diesjährigen «Concorso Cineasti del Presenti» in Locarno eine besondere Erwähnung der Jury erhielt.

 «Hanabi» (japanisch für «Feuerwerk»)  wurde über einen Zeitraum von zehn Jahren konzipiert und gedreht und befasst sich in erster Linie mit den Nachwirkungen des Tōhoku-Erdbebens, das 2011 mehrere Ortschaften in Japan zerstörte.

«Hanabi» bedeutet auf Japanisch wörtlich «Feuerblume» oder «Feuerwerk», das in der poetischen Montage des Films eine zentrale Rolle spielt.
«Hanabi» bedeutet auf Japanisch wörtlich «Feuerblume» oder «Feuerwerk», das in der poetischen Montage des Films eine zentrale Rolle spielt. Tambores, A Noite And Les Volcans

Der Film beginnt in Tokio und führt über kleinere Inseln, durch Brasilien und zurück nach Tokio. Trotz dieses weiten geografischen Bogens liegt Vaz’ Hauptaugenmerk auf dem Ort Fukushima, wo das Erdbeben zu einer Atomkatastrophe führte.

Mit einer Kombination aus Archiv- und Originalaufnahmen zeichnet Vaz verschiedene Sichtweisen auf das Leben in einer radioaktiv belasteten Umgebung.

Situiert wird diese Vielfalt an Erfahrungen durch einen Off-Kommentar, der von der Regisseurin selbst gesprochen wird und sich direkt an das Publikum richtet. Vaz bezeichnet den Kommentar als «wilde Adaption» von «Journal of a Radioactive Brain» der japanischen Schriftstellerin Yoko Hayasuke, einem Tagebuchbericht über die persönlichen Ängste und Sorgen in der Zeit nach der Katastrophe.

Zu Beginn des Films wird ein Briefwechsel zwischen Vaz und Hayasuke gezeigt, in dem die beiden die Einzelheiten ihres Projekts besprechen. In einer E-Mail stellt Hayasuke Vaz eine Bedingung: Ihr Text darf nicht auf Japanisch wiedergegeben werden – in einer Sprache, in die sie das Vertrauen verloren hat.

Sehen Sie den Filmtrailer an:

Manipulierte Frauenstimmen

Vaz wurde erstmals in «Fukushima und seine Unsichtbaren» auf Hayasukes Werk aufmerksam, einer auf Französisch erschienenen Sammlung von Texten über die Katastrophe von Fukushima. Die Adaption durchlief somit mehrere Übersetzungsstufen vom Japanischen ins Französische, dann ins Englische und schliesslich von der gedruckten Seite auf die Leinwand.

Der Film behält Hayasukes Tagebuchstruktur bei und folgt den Gedanken der Autorin über die Zeit, teilweise chronologisch, teilweise sprunghaft.

Der Verlust des Glaubens an die japanische Sprache: die Schriftstellerin Yoko Hayasuke.
Der Verlust des Glaubens an die japanische Sprache: die Schriftstellerin Yoko Hayasuke. Ryo Kasai

Tagebücher nehmen in der Geschichte der Frauenliteratur eine besondere Stellung ein: Über viele Jahrhunderte gab es das Konzept «Schriftstellerin» schlicht nicht – in Tagebüchern jedoch konnten brillante Frauen ihre autobiografischen Schilderungen des Alltags zum Ausdruck bringen.

Die Tagebücher bieten einen Einblick, wie und in welchem Umfeld Frauen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort gelebt haben. Die Aufzeichnungen sind damit auch politisch und dokumentieren den Fortschritt der Frauen – oder dessen Ausbleiben. Hayasukes Tagebuch, so Vaz, «befasst sich nicht auf einer Makro-, sondern auf einer Mikroebene mit der Katastrophe».

Hayasuke schreibt in der zweiten Person Singular und weicht damit von autobiografischen Konventionen ab. Dies entspreche aber den Gepflogenheiten der japanischen Sprache, erklärt Vaz, in der die «ich»-Form nicht Standard sei.

Durch diesen erzähltechnischen Kniff, in Kombination mit der beobachtenden Kamera und Vaz’ Off-Kommentar, wird das Publikum aktiv in die Umstände einbezogen, unter denen die Erzählerin des Films leidet, unterstützt durch die Bilder, über die Vaz ihre Perspektive vermittelt.

«Wir wollten ein filmisches Mittel schaffen, das den Blick von den Augen weg auf den Körper lenkt», beschreibt Vaz ihren Ansatz. «Ich wollte, dass die Verkörperung real stattfindet und nicht nur ein Eindruck davon entsteht.»

Szene aus «Hanabi»: im Stil eines Tagebuchs gedreht, jedoch ohne strenge chronologische Reihenfolge.
Szene aus «Hanabi»: wie ein Tagebuch gedreht, folgt aber keiner strengen Chronologie. Tambores, A Noite and Les Volcans

Vertrauen lernen

Trotz ihrer tragenden Rolle im Film ist Hayasukes Perspektive nur eine von vielen, aus denen sich «Hanabi» zusammensetzt. Im Gespräch mit der Regisseurin äusserte Hayasuke einen Wunsch: «Ich möchte nicht als einzige sprechen.»

Hayasukes Tagebuch «Hanabi» reiht sich ein in die Tradition autobiografischer Frauenliteratur, und die thematische Auseinandersetzung mit Hysterie festigt den feministischen Grundtenor des Films.

In ihren Tagebüchern beschreibt Hayasuke, wie sie von den Behörden, die ihre Ängste vor Radioaktivität als Paranoia abtun, regelrecht manipuliert wurde.

«Es ist ein Film über den Wahnsinn», resümiert Vaz. «Und darüber, wie jede Ebene der Systemwelt – das Patriarchat, der Staat, die Familie, der Arzt – darauf hinwirkt, die Katastrophe zu normalisieren. Der Wahnsinn sagt dir hingegen: Nein, da stimmt tatsächlich etwas nicht. Er ist eine Form von Klarheit.»

Also machte sich Vaz auf die Suche nach Menschen, deren Leben sich durch die Radioaktivität verändert hat. Eine Frau kehrt trotz der gefährlichen Bedingungen in ein kontaminiertes Haus zurück, in dem sie nicht mehr leben kann, und kümmert sich dort um die Blumen, die noch immer in ihrem Garten wachsen.

Ein Mann, der als Freiwilliger bei den Dekontaminationsarbeiten in Fukushima mitwirkt, trägt eine versteckte Kamera in seiner Uhr, um seine täglichen Begegnungen mit Radioaktivität zu dokumentieren.

Das Verweben dieser Bilder und Lebensgeschichten «verleiht dem Film diesen patchworkartigen Effekt», beschreibt es Vaz. Durch die Kombination der verwobenen Perspektiven mit dem gesprochenen Text aus Hayasukes Tagebüchern ergibt sich im Film ein einzigartiger Rhythmus.

Ana Vaz verwendete Aufnahmen, die ein anonymer Mitarbeiter der Dekontaminationsmassnahmen in Fukushima mit einer Uhr gemacht hatte.
Ana Vaz verwendete Aufnahmen, die ein anonymer Arbeiter bei den Dekontaminationsarbeiten in Fukushima mit einer Uhr gemacht hatte. Tambores, A Noite And Les Volcans

«Hanabi» war für Vaz eine der grössten Herausforderungen ihrer Laufbahn als Filmschaffende: «Welten zusammenzufügen, die durch verschiedene politische, traditionelle und mediale Instanzen voneinander getrennt waren: die Opfer von den Denkern, die angeblich kontaminierten Gebiete von den angeblich nicht kontaminierten.» Unter anderem aus diesem Grund entschied sich die Regisseurin erstmals zur Zusammenarbeit mit einer Cutterin.

Chaghig Arzoumanian, die sie für den Schnitt engagierte, habe das Tempo des Films nachhaltig geprägt: «Chaghig und ich unterhielten uns ausführlich einen ganzen Tag lang. Danach sagte sie mir, ich solle jetzt gehen und in zehn Tagen wiederkommen. Ich dachte: Wie bitte? Aber sie bestand darauf, dass ich einfach gehe. Zu Recht – ich musste lernen, zu vertrauen», erzählt Vaz.

«Also suchte ich sie erst nach zehn Tagen wieder auf. Beim Ansehen des geschnittenen Films bin nach der ersten halben Stunde fast vom Hocker gefallen. Ich fragte sie: ‹Wie hast Du gewusst, dass dieser Film so geschnitten werden muss?› Worauf sie meinte: ‹Hast du kein Vertrauen in deine eigenen Bilder? Es ist doch alles da!›»

Aktiv denken statt sinnieren

«Hanabi» beginnt mit einer spannungsgeladenen Atmosphäre: Jazzige Musik untermalt die Bilderreise durch Landschaften, Leben und die zunehmend frustrierenden Begegnungen mit Ärzt:innen, die Hayasukes Angst konsequent als irrational erklären. Dann wechselt der Film in eine nachdenkliche Stimmung.

In einer etwa siebenminütigen Sequenz beobachten wir, wie die Sonne vom Himmel ins Wasser gleitet. Als die Regisseurin erfuhr, dass das Publikum bei einer Vorführung des Films während dieses Sonnenuntergangs spürbar ungeduldig wurde, war sie amüsiert. «Wir leben in einer Hochgeschwindigkeitswelt», sagt sie.

«Es ist so surreal, dass das Beharren auf weniger Tempo für mich zunehmend eine existenzielle und politische Dimension bekommt. Warum kann man sich nicht sieben Minuten lang einen Sonnenuntergang ansehen?»

Ein lang anhaltender Sonnenuntergang, eine Zeit zum Nachdenken – und auch, um die Stimme von «Mrs. Zombie» auf sich wirken zu lassen, die die Erzählung des Films leitet.
Ein lang anhaltender Sonnenuntergang, eine Zeit zum Nachdenken – und auch, um die Stimme von «Mrs. Zombie» auf sich wirken zu lassen, die die Erzählung des Films leitet. Tambores, A Noite And Les Volcans

Die hypnotische Sonnenuntergangssequenz bereitet das Publikum auf die tiefsinnigen Bilder vor, die den Film ausklingen lassen. Genau diese Art von filmischem Kunstgriff mag manche dazu verleiten, «Hanabi» als einen Film fürs Museum statt fürs Kino zu betrachten – was die Regisseurin natürlich anders sieht.

«Kino ist nichts anderes als Vermittlung zwischen der realen Welt und unserer Wahrnehmung, damit wir eine Beziehung zu dieser Welt aufbauen und sie beobachten können», sagt Vaz.

«Das ist kein Sinnieren, sondern aktives Denken. Wenn nun jemand findet – und das tun viele –, es handle sich her um bildende Kunst oder Literatur… Ganz und gar nicht! Das ist nichts als Kino – aber eine Art Kino, das einen dazu einlädt, an einem Interpretationsprozess auf jeder Ebene teilzunehmen.»

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Editiert von Catherine Hickley und Eduardo Simantob, Übertragung aus dem Englischen: Lorenz Mohler/br

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