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Wenn eine ehemalige Schweizer Aussenministerin zur Schauspielerin wird

Blick von einer Balkonnische in einen vollbesetzten Hörsaal
Eine aktive Rolle spielen oder nur zuschauen? In diesem Theater ist das nicht immer klar. ZTS / Kira Kynd

Sollte die Schweiz einem internationalen Demokratie-Bündnis beitreten? Um diese fiktive Frage drehte sich ein kürzlich in Zürich aufgeführtes Theaterstück. Es hinterfragt die globale Rolle des Landes und die Verbindungen zwischen Politik und Theater.

Im September 1946 forderte Winston Churchill in einer berühmten Rede an der Universität ZürichExterner Link nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs die Gründung der «Vereinigten Staaten von Europa».

Fast 80 Jahre später, an einem milden Freitagabend, wird im selben Saal sein Geist beschworen. Dieses Mal ist jedoch von einer «Internationalen Demokratischen Allianz» (IDA) die Rede, einer Gruppe von rund 40 Nationen, die sich gegen den grassierenden Autoritarismus zusammenschliessen. Kann sie die Demokratie retten – und sollte die Schweiz Mitglied werden?

Das Szenario ist, wie Sie vielleicht schon vermutet haben, erdacht. Doch die Realität ist nie weit entfernt: Von der ehemaligen Schweizer Ministerin Micheline Calmy-Rey bis zum ehemaligen schwedischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven – die meisten Darsteller:innen sind reale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich selbst spielen.

Das 200-köpfige Publikum fungiert als «Delegation von Bürgerinnen und Bürgern» und diskutiert die Argumente für und wider die IDA, bevor über den Schweizer Beitritt abgestimmt wird. Und auch wenn das fiktive Szenario in der Zukunft spielt – wir befinden uns im August 2027 – ist die dargestellte globale Lage glaubhaft turbulent.

«Wenn ein solcher Abend gut konzipiert ist, entsteht eine Authentizität, welche die politische Vorstellungskraft beflügelt», sagt Eneas Prawdzic, Regisseur des Kollektivs «Proberaum Zukunft», das die Inszenierung im August an vier Abenden im Rahmen eines jährlichen Festivals aufführt.

Innerhalb von nur zwei Stunden – «verdichteter Realität», wie Prawdzic es nennt – werden wir in eine alternative Realität entführt, die uns nicht nur dazu auffordert, die heikle Frage nach der globalen Rolle der Schweiz zu überdenken, sondern die auch das Bewusstsein für eine reale Krise der Demokratie schärfen will. Wird es funktionieren?

Ein junger Mann mit Bärtchen und Brille in weissem Hemd steht vor einem Fenster in einem Altbau, die Hände in den Hosentaschen
Er zieht die Fäden im Zürcher «Proberaum Zukunft»: Eneas Prawdzic. Keystone / Cécile Rey

«Zersplitterte» regelbasierte Ordnung

Die Veranstaltung unternimmt grosse Anstrengungen, die Brisanz der Lage deutlich zu machen. In der Werbung für die Show werden die gravierenden Bedrohungen der Demokratie in der realen Welt des Jahres 2026 hervorgehoben.

«Die regelbasierte internationale Ordnung ist derzeit zerrüttet, weil wir gleich drei grosse Player haben [Russland, China und die USA], die sich nicht daran halten wollen», sagt Helen Keller, Professorin an der Universität Zürich und ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof für MenschenrechteExterner Link, die auch in der Show auftritt.

Das fiktive Szenario des Jahres 2027 ist ähnlich erdrückend: Die rechtsextreme Politikerin Marine Le Pen regiert in Frankreich, die USA sind aus den Vereinten Nationen und der Nato ausgetreten, Cloud-Infrastruktur wird als Waffe eingesetzt, Terrorismus und pogromartige Ausschreitungen sind an der Tagesordnung (wenn auch nicht in der Schweiz).

Inszenierte Spontaneität soll den ganzen Abend über ein Gefühl der Dringlichkeit erzeugen. Im Verlauf der Show werden die Redezeiten kürzer; das Publikum muss warten, bis es zu Wort kommt.

Ein US-Vertreter stürmt herein, um die Schweiz vor einem Beitritt zum Bündnis zu warnen und richtet dabei direkte Drohungen an das Publikum. Das erinnert an die erschreckenden Äusserungen Donald Trumps in der realen Welt, der sich mit folgenden Worten an Grönländerinnen und Grönländer wandte:Externer Link «Sie können ‹Ja› sagen, und wir werden es Ihnen sehr danken, oder Sie können ‹Nein› sagen, und wir werden es uns merken.» Doch ist dies im Saal eine Zuspitzung der Realität oder nur eine blasse Imitation?

Dass die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sich selbst spielen, trägt zur Authentizität bei. Viele vertreten Positionen, die sie ohnehin wahrscheinlich einnehmen würden. In einem solchen Kontext seien «Politiker viel bessere Schauspieler als die Schauspieler selbst», so Prawdzic.

Was die Politikerinnen und Politiker betrifft, steht im Theater zwar nichts Konkretes auf dem Spiel, doch das rhetorische Ziel bleibt bestehen. «Man will die Zuschauer auf seine Seite ziehen», sagte Nina Fehr Düsel von der Schweizerischen Volkspartei vor ihrer Aufführung am Freitag.

In dem Stück ist sie – wie auch die offizielle Schweizer Verhandlungsdelegation unter der Leitung der Sozialdemokratin Calmy-Rey – gegen einen Beitritt zur IDA. Fehr Düsel sagt, die Aufführung habe sich wie eine «Mischung» aus Theater und Politik angefühlt.

Das Theater bediente sich auch einer populär-demokratischen Form – der «Bürgerversammlung». Was ist das?

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Politics or political attitude?

Doch die Verwischung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion oder Theater und Politik ist natürlich nur der Anfang. Das übergeordnete Ziel des politischen Theaters ist es, wie der deutsche Kritiker Florian Malzacher es 2023 in «Die Kunst der Versammlung»Externer Link beschreibt, die Aufführung selbst zu einem öffentlichen Raum zu verwandeln, der «wahrhaft politisch ist und nicht nur eine politische Haltung zur Schau stellt – sie zu einem «Raum zum Ausprobieren, Analysieren, Darstellen, Vermitteln, Erproben, Ausloten der Grenzen und sogar zur Neugestaltung gesellschaftlicher und politischer Verfahren» zu machen.

Hat die Inszenierung in Zürich eine solche Wirkung? Einige der Beteiligten erwähnen, wie die Veranstaltung Diskussionen angeregt habe: über Demokratie, Geopolitik und die Zukunft im Allgemeinen.

Priska Seiler Graf, SP-Nationalrätin, die am Samstag auftrat, berichtet, dass die Debatten – auch mit ihrem Mann und ihrem Sohn – erst nach der Show so richtig in Gang kamen.

Petra Holtrup, Politikwissenschaftlerin an der Universität Zürich und Mitglied einer Fachgruppe, die an der Gestaltung des Abends beteiligt war, sagt, die Veranstaltung fördere genau das, «was wir für die Demokratie gerade jetzt am dringendsten brauchen: den direkten, analogen Austausch mit anderen».

Ein junger Mann, der an einer öffentlichen Veranstaltung in einem bestuhlten Saal in ein Mikrofon spricht
Das Publikum konnte sich zu Wort melden, doch – was das Gefühl einer verschwommenen Realität noch verstärkte – klangen manche Beiträge spontaner als andere. ZTS / Kira Kynd

Zu viel Spass?

So weit, so typisch schweizerisch. Doch droht im Lauf des Abends eine Kluft zwischen der Ernsthaftigkeit der Lage und der Art der Reaktion aufzureissen?

Vor der Veranstaltung befürchtete das Magazin RepublikExterner Link, sie könnte zu «diskussionslastig» oder zu theoretisch werden. Letztendlich scheint die Gefahr eine andere zu sein: gelegentlich ins «Kabarett» abzurutschen, wie ein Kritiker über eine andere Voraufführung derselben Theatergruppe schriebExterner Link. Ein Publikum möchte unterhalten werden, aber sollte es nicht auch aus seiner Komfortzone herausgeholt werden?

Am Freitag scheint der Abend trotz der engagierten Bemühungen von Persönlichkeiten wie Keller oft vor allem darauf bedacht zu sein, den Eintrittspreis durch ausreichend Unterhaltung zu rechtfertigen.

Es wird nicht nur gelacht, es gibt auch neckische Wortgefechte zwischen den Darstellenden und einige Insiderwitze über die Schweizer Politik. «Die Regierung ist immer für Sie da», sagt ihr fiktiver Sprecher zur allgemeinen Belustigung.

Doch selbst als die US-Abgeordnete mit ihren schlimmsten Drohungen um sich wirft, fehlt es an dem «Unbehagen und der Unruhe», welche die Kunsthistorikerin Claire Bishop vor 2004 als Bestandteil jener Kunst identifizierteExterner Link, die «Demokratie als Antagonismus» untersucht.

Tatsächlich sind radikale Meinungsverschiedenheiten oder Antagonismen deutlich seltener anzutreffen als in den Werken eines anderen Schweizer Regisseurs, Milo Rau.

Ob dies am Thema, an der Besetzung oder am Bühnenbild liegt, ist schwer zu sagen. Rau neigt dazu, polarisierende Figuren einzusetzen; doch Alt-Bundesrätin Calmy-Rey ist nicht Peter Thiel.

Eine Handlung, die sich mit den Mechanismen der Schweizer Demokratie befasst, dürfte zudem weniger gut geeignet sein, genau jene Themen anzusprechen, die in Raus Werk oder in Reenactment-Filmen wie Joshua Oppenheimers «The Act of Killing» behandelt werden: die rechtsextreme Partei «Alternative für Deutschland», russische Repressionen oder Massenmorde.

Auf technischer Ebene ist zudem fraglich, ob die demokratischen Verfahren der Schweiz – oder das Format der Bürgerversammlung – am besten geeignet sind, um das zu erzeugen, was Malzacher als ein zentrales Ziel von Rau beschreibt: «Erfahrungen, die kathartisch und gefühlsgeladen sein sollen.»

Am Freitag in Zürich kommt es gelegentlich zu emotionalen Momenten. Am beeindruckendsten wirkt die Veranstaltung jedoch oft in ihren bürokratischsten Momenten: In der Mitte einer langen Erläuterung der Haushaltsstruktur des neuen internationalen Bündnisses (eine Art Hybrid aus UNO, EU und Nato) könnte man glatt meinen, in eine Parlamentssitzung in Bern hineingeraten zu sein.

Der Schweizer Milo Rau ist seit 2024 Direktor – und oberster Querdenker – der Wiener Festwochen:

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The many forms of representation

Die vielen Formen der Darstellung

Oder liegt es an uns – dem Publikum? Schliesslich sind wir, genau wie Bürgerinnen und Bürger nicht bloss Konsumierende der Demokratie sind, heute Abend nicht nur Zuschauerinnen und Zuschauer des Theaters, sondern ein integraler Bestandteil davon.

Doch niemand von uns – zumindest nicht am Freitag – wagt es, eine radikale Bemerkung einzubringen, die das Drehbuch durcheinanderbringen könnte. Hinzu kommt, dass wir kaum eine heterogene Gruppe darstellen: urban, fliessend Englisch sprechend, vermutlich wirtschaftlich gut gestellt.

Dies ist nicht Raus «General Assembly»Externer Link, ein simuliertes Weltparlament von 2017, das denjenigen eine Stimme gab, «die unterrepräsentiert sind, die nicht gehört werden, dem globalen Dritten Stand».

Als das Publikum abstimmt, überrascht es daher nicht, dass sich eine Mehrheit für die eher «progressive» Option der IDA-Mitgliedschaft entscheidet – trotz des Widerstands der Schweizer Regierung.

Zumindest führt dies zu einer der einprägsamsten Reden des Abends, als Calmy-Rey, die bis 2011 Bundesrätin war, das Wort ergreift, um uns daran zu erinnern, wo wir stehen. Ein solches Ergebnis mag in Zürich normal sein, aber Zürich sei nicht die Schweiz, sagt sie.

«Wo sind die Bäuerinnen und Bauern, die Französischsprachigen, die Italienischsprachigen?» Bei einer nationalen Abstimmung oder einer Bürgerversammlung, ob im Theater oder an der Abstimmungsurne, wäre das Ergebnis vermutlich ein anderes.

Eine alte Frau, die an einer Veranstaltung spricht
Im Rampenlicht zu Hause: Micheline Calmy-Rey bei einer TV-Debatte in Genf im November 2024. Keystone / Salvatore Di Nolfi

Editiert von Benjamin von Wyl/gw, Übertragung aus dem Englischen: Petra Krimphove/raf

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