Warum die Schweiz noch nicht bereit ist, Hitzewellen zu bewältigen
Hitzewarnungen, Aufklärungskampagnen und Klimazentren: Mehrere Schweizer Städte haben ihre Massnahmen gegen Hitzewellen verstärkt. Es fehlt jedoch eine nationale Strategie zum Schutz der Bevölkerung vor immer heisseren Sommern.
«Es mag paradox klingen, aber ich leide in der Schweiz mehr unter der Hitze als in Spanien», sagt Ana Maria Vicedo CabreraExterner Link, Umweltepidemiologin und Professorin an der Universität Bern. Die spanische Forscherin untersucht die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit.
«In Spanien ist es sicherlich heisser als in der Schweiz, aber wir haben uns daran gewöhnt, mit diesen Bedingungen zu leben. In der Schweiz haben wir uns noch nicht angepasst», sagt sie.
Dieser Sommer ist wahrscheinlich der heisseste, der je in der Schweiz gemessen wurde. Die Tagestemperaturen lagen 5-10°C über dem mehrjährigen Durchschnitt. An verschiedenen Orten erreichte das Thermometer fast 40°C und die Hitzewarnungen dauerten wochenlang an. In Lugano, im Süden der Schweiz, wurden 49 Tropennächte registriert, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fiel – ein Rekord seit 1865.
Verschiedene Schweizer Städte haben Massnahmen gegen die Hitze eingeführt, um die gefährdetsten Personen zu schützen, vor allem ältere Menschen. Diese Massnahmen reichen von Sensibilisierungskampagnen bis zu kühlen Rückzugsorten. Heute wird Hitze nicht mehr nur als Wetterphänomen gesehen, sondern als Problem der öffentlichen Gesundheit, so Vicedo Cabrera.
Allerdings bleibe der Schutz vor den Auswirkungen der Hitze in der Schweiz «unzureichend», meint die Expertin. Die Massnahmen gegen Hitze variieren erheblich von Stadt zu Stadt, es fehlt eine koordinierte Strategie auf nationaler Ebene und einige Risikogruppen bleiben weitgehend von der Prävention ausgeschlossen.
«Früher wurde Hitze als Problem wahrgenommen, das sich auf wenige Tage im Jahr und auf wenige Kantone beschränkte. Heute ist das nicht mehr so: Die Auswirkungen der Hitzewellen sind direkt oder indirekt im ganzen Land spürbar.»
Nicht nur Menschen leiden unter der Hitze:
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Gratis Zugang zu Schwimmbädern und eine Karte mit Bänken im Schatten
Der Kanton Tessin und die Stadt Genf waren die ersten in der Schweiz, die im Jahr 2004 bzw. 2007 Instrumente und Aktionspläne gegen Hitze eingeführt haben. Diese Strategien umfassen ein Frühwarnsystem, die Koordination zwischen Sozial- und Gesundheitsdiensten und den Zugang zu kühlen Orten wie Grünflächen und klimatisierten Einkaufszentren.
Hohe Temperaturen können Erschöpfung Hitzschlag und Dehydrierung verursachen, verschiedene Krankheiten verschlimmern und in den schwersten Fällen zum Tod führen. Ältere Menschen, Personen mit chronischen Erkrankungen, Schwangere und Kleinkinder sind besonders gefährdet.
In Genf können Personen über 65 Jahre während der heissesten Tage morgens gratis zwei kommunale Schwimmbäder und nachmittags drei klimatisierte Kinosäle besuchen. Etwa 8600 Personen haben diese Angebote zwischen dem 18. Juni und dem 5. August genutzt.
Die Wirksamkeit dieser Massnahmen auf die öffentliche Gesundheit wird noch untersucht, sagt Vicedo Cabrera. Die Idee, Klimaschutzzentren einzurichten, sei jedoch interessant in der Schweiz, wo die meisten Wohnungen weder über eine Klimaanlage verfügen noch thermisch für Hitze isoliert sind.
Ein weiterer Vorteil solcher Räume ist die Möglichkeit, Begegnungen und soziale Kontakte zu fördern, ein keineswegs nebensächlicher Aspekt im Kontext von immer längeren Hitzewellen.
«Man kann von älteren Menschen nicht verlangen, dass sie fünf oder sechs Tage hintereinander zu Hause bleiben. Sie müssen einkaufen, soziale Kontakte pflegen und körperliche Aktivitäten ausüben, sonst droht sich ihr Gesundheitszustand zu verschlechtern», sagt Vicedo Cabrera.
Für die Forscherin ist es daher entscheidend, konkrete Alternativen anzubieten, ohne sich auf die traditionellen Empfehlungen zu beschränken, in den heissesten Stunden keine Aktivitäten auszuüben oder ausreichend zu trinken.
In den letzten Jahren haben auch andere Gemeinde- und Kantonsbehörden die Massnahmen gegen HitzeExterner Link verstärkt. Bern und Luzern bieten während Hitzewellen an, ältere Personen täglich zu kontaktieren, während Zürich kostenlose Hilfe zu Hause anbietet. Neuenburg hat seinerseits diesen Sommer eine Karte mit Bänken im SchattenExterner Link erstellt.
Kritik am Hitzeschutz in der Schweiz
Die Schweizer Städte rüsten sich gegen die Hitze, sind aber noch im Rückstand gegenüber Städten wie Paris, Barcelona oder Orten in den Vereinigten Staaten, sagt Vicedo Cabrera. Die französische Hauptstadt bereitet sich beispielsweise auf ein Extremszenario («Paris bei 50°C»Externer Link) vor. Das Szenario beinhaltet ein Netz von kühlen Orten, die der Bevölkerung zugänglich sind, mehr Vegetation und Wasser in öffentlichen Räumen und eine Stadtplanung, die das Phänomen der Hitzeinseln in der Stadt begrenzen soll.
Eleni Myrivili, globale Hitzebeauftragte der UNO, hat kürzlich die unzureichende Anpassung der Schweiz an die Klimaerwärmung kritisiert. In einem Interview mit der Schweiz am WochenendeExterner Link erklärte sie, dass ein Land wie die Schweiz über viel solidere Schutzsysteme für vulnerable Gruppen verfügen sollte und dass die zu Beginn des Sommers registrierten hitzebedingten Todesfälle – etwa 200Externer Link – hätten vermieden werden können.
Ihrer Ansicht nach genügt es nicht, Warnungen auszugeben: Es muss sichergestellt werden, dass die Informationen ältere Menschen erreichen, die allein leben, und dass Unterstützungsnetzwerke vorhanden sind, die sie kontaktieren, betreuen und an kühlere Orte begleiten.
«Wir müssen ehrgeiziger sein bei der Umsetzung fortschrittlicherer Massnahmen, welche die Hitzeexposition reduzieren oder abschwächen», stimmt Vicedo Cabrera zu.
Die erste starke Hitzewelle dieses Sommers fiel mit einem Anstieg der Sterblichkeit unter älteren Menschen in der Schweiz zusammen, gemäss den vorläufigen Daten des Bundesamts für Statistik. Zwischen dem 22. und 28. Juni lag die Zahl der Todesfälle (etwa 200Externer Link) um etwa 15% höher als für diesen Zeitraum des Jahres erwartet.
Es ist jedoch nicht möglich, die Todesfälle direkt auf die Hitze zurückzuführen. Um die tatsächlichen Todesursachen zu ermitteln und den Zusammenhang zu bestätigen, wird man wahrscheinlich bis 2028 warten müssen, wenn die Daten der epidemiologischen Analysen verfügbar sein werden. Im Sommer 2015 hatte die Übersterblichkeit bei etwa 18% gelegen.
Eine von Vicedo Cabrera durchgeführte Studie schätzt, dass zwischen Juni und August 2022, einem der heissesten Jahre in der Schweiz, die Extremtemperaturen 623 Todesfälle im Land verursacht haben. Davon hätten 370 ohne den vom Menschen verursachten Klimawandel vermieden werden können.
Auch im restlichen Europa hatte die Hitze schwerwiegende Folgen für die Sterblichkeit. Gemäss den vorläufigen Daten, die vom Guardian veröffentlicht wurden, haben die vier Hitzewellen dieses Sommers mindestens 35’000 Opfer gefordert. Allein in Deutschland, Frankreich und Spanien soll es mehr als 25’000 Todesfälle gegeben haben, die auf die hohen Temperaturen zurückzuführen sind.
Laut der Weltgesundheitsorganisation ist die hitzebedingte Sterblichkeit in Europa in den letzten zwanzig Jahren um 30% gestiegen.
Menschen mit psychischen Störungen nicht vergessen
Für Vicedo Cabrera muss auch vulnerablen Gruppen, die bisher in den Präventionsstrategien wenig beachtet wurden, mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, wie Menschen mit psychischen Störungen.
Im Rahmen eines von der Versicherungsgesellschaft Mobiliar unterstützten Forschungsprojekts arbeitet ihre Gruppe an der Ausarbeitung von Empfehlungen und spezifischen Richtlinien, um den Schutz dieser Personengruppe während Hitzewellen zu verbessern.
Eine im Kanton Bern durchgeführte Studie zeigt, dass mit steigenden Temperaturen das Risiko einer Krankenhauseinweisung von Menschen mit psychischen Problemen signifikant zunimmt. Es besteht auch eine Korrelation zwischen Hitze und der Zunahme von Suiziden.
Gewohnheiten während Hitzewellen ändern
Die Anpassung an die Hitze betrifft die gesamte Gesellschaft und nicht nur die verwundbarsten Kategorien, betont Vicedo Cabrera. Es wird daher notwendig sein, einige alltägliche Gewohnheiten schrittweise zu überdenken: von der Art, Gebäude zu isolieren und zu kühlen, über die Fortbewegung bis hin zur Organisation der Arbeitszeiten und Aktivitäten im Sommer.
Die Expertin nennt das Beispiel der Schule. In verschiedenen Kantonen beginnt der Unterricht bereits Anfang August, eine Zeit, die dieses Jahr mit einer Hitzewelle zusammenfiel. «Wir sollten uns fragen, ob es angebracht ist, den Schulkalender zu überdenken», sagt sie.
Vicedo Cabrera betont auch die Notwendigkeit, den Schutz von Menschen zu verstärken, die im Freien arbeiten. Ihrer Meinung nach braucht es klarere Regeln, um festzulegen, wann und unter welchen Bedingungen die Arbeiten während Hitzeperioden fortgesetzt werden können, sowie eine aufmerksamere Überwachung des Gesundheitszustands der Arbeitnehmenden, die den hohen Temperaturen am stärksten ausgesetzt sind.
Der Anti-Hitze-Plan der Stadt Genf sieht beispielsweise die Einstellung von Tätigkeiten im Freien, die direkt der Sonne ausgesetzt sind, von 13 Uhr bis zum Sonnenuntergang vor.
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Eine nationale Strategie, um alle Menschen vor Hitze zu schützen
Heute variieren die Massnahmen zum Hitzeschutz erheblich von Stadt zu Stadt und von Kanton zu Kanton, abhängig von den verfügbaren Ressourcen und den lokalen politischen Prioritäten.
Vicedo Cabrera ist der Ansicht, dass der Bund eine nationale Strategie ausarbeiten und klarere Richtlinien, mehr Ressourcen und finanzielle Unterstützung bereitstellen muss, die es Kantonen und Gemeinden ermöglichen, die am besten geeigneten Massnahmen für die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung zu entwickeln.
«Alle sollten von einem minimalen Schutzniveau profitieren, unabhängig vom Wohnort.»
Ähnliche Forderungen kommen auch von der Schweizer Allianz «Keine Sommer mit 50 Grad!»Externer Link, die rund siebzig Organisationen vereint, die in den Bereichen Klima, Gesundheit, Umwelt und Landwirtschaft aktiv sind. Die Gruppe fordert zudem einen raschen Ausstieg aus den fossilen Energien und eine deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen in allen Sektoren.
«Der Klimawandel ist keine Bedrohung der Zukunft»
Die Hitze und die Trockenheit werden auch auf politischer Ebene einen zentralen Platz einnehmen. Eine dringliche Debatte sollte während der Herbstsession des Bundesparlaments stattfinden, die am 14. September beginnt.
Für Vicedo Cabrera muss der diesjährige Sommer ein Weckruf sein. «Wir müssen aus dem, was geschehen ist, lernen und klar anerkennen, dass der Klimawandel nicht mehr eine Bedrohung der Zukunft ist, sondern eine Realität, mit der wir bereits konfrontiert sind.»
Die Forscherin ruft dazu auf, mit der Ankunft von Herbst und Winter nicht nachzulassen. «Es ist wichtig, das Problem nicht zu vergessen, sobald die Temperaturen sinken. Die Vorbereitung auf den nächsten Sommer muss jetzt beginnen.»
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