The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Wildheuer, die Mäher hoch über dem Brienzersee

Zwei Männer, die an einem sehr steilen Hang mit einer Sense Gras schneiden
Es ist gar nicht so einfach, an einem steilen Hang zu stehen und gleichzeitig die Sense zu schwingen. Dazu braucht es Kraft, Ausdauer, Übung… und Steigeisen an den Bergschuhen. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Sense, Wetzstein, Gras und steile Felswände. Oberhalb des Brienzersees im Kanton Bern steigen fünf Freunde jeden Sommer hoch, um für einige Tage in die Rolle der Wildheuer zu schlüpfen, die seit Jahrhunderten an den steilsten Hängen Wildheu mähen. Nach Jahren des Niedergangs gewinnt diese Tätigkeit seit bald drei Jahrzehnten an Bedeutung – diesmal wegen der wachsenden Sorge um die Biodiversität.

Draussen weicht die Nacht langsam dem Tag. Das erste Morgenlicht dringt durch die Balken der Berghütte. Schweigend schlüpfen Reto, Thomas, Christof und Tom aus ihren Schlafsäcken und verlassen ihr Lager im Heu. Vor der Tür empfängt sie die Bergkulisse des Berner Oberlands, tief unten leuchtet der Brienzersee kobaltblau.

Wir sind im Teni oberhalb der Gemeinde RinggenbergExterner Link im Kanton Bern. Die einfache Hütte auf 1600 Metern über Meer wird für die nächsten fünf Tage ihr Zuhause sein. Am Vortag sind die vier Freunde hier hinaufgestiegen, mit schweren Rucksäcken voller Proviant und Wasser.

Der steile, gewundene Pfad führte sie durch das Graaggetor, ein natürliches Felstor, und weiter über die steilen und ausgesetzten Mähder und Fluhbänder hoch über dem Brienzersee. Ein Detail unterscheidet sie allerdings von gewöhnlichen Wanderern: Jeder trägt eine Sense bei sich.

Ein Blick auf einen See und eine Kleinstadt, im Hintergrund erheben sich Berge
Der Blick von der Teni-Hütte auf den Brienzersee in Richtung Bönigen bei Interlaken. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Reto, Thomas, Christof, Tom und Fritz, der dieses Jahr erst später zur Gruppe stösst, sind Wildheuer. Für ein paar Tage schlüpfen sie in die Rolle jener beinahe legendären Figuren, die seit Jahrhunderten in der Schweiz und in anderen Alpenregionen Europas an steilen, über Felswänden liegenden Grashängen Wildheu ernten.

«Was uns jedes Jahr hier hinaufzieht, ist die Faszination für die Tradition, der unmittelbare Kontakt mit der Natur, der Wunsch, für ein paar Tage dem hektischen Alltag zu entfliehen, und die Freundschaft, die durch die gemeinsame Arbeit gewachsen ist», erzählt Reto.

Wo ein falscher Schritt tödlich sein kann

Der Morgen im Teni verspricht gutes Wetter. Nach dem Regen vom Vorabend ziehen nur noch wenige Wolken über den Himmel. Einer nach dem anderen schultert seine Sense, befestigt den Wetzsteinbehälter am Gürtel und folgt einem kurzen Pfad zur Wiese, die gemäht werden soll.

An den Bergschuhen tragen die Männer Steigeisen. Ein Ausrutscher könnte hier tödlich enden. Direkt unter dem Grasband fällt eine fast 100 Meter hohe Felswand ab.

In den vergangenen Wochen ist bei den fünf Freunden, vier davon um die 50, die Vorfreude auf die Rückkehr gewachsen – fast wie ein Ruf, der sie ins Teni zieht. Nun beendet endlich das Geräusch des Wetzsteins auf der Sensenklinge das Warten.

Thomas schärft die Schneide, wirft einen kurzen Blick auf das Gelände und beginnt. Schnitt, Schritt, Schnitt, Schritt. Es wirkt wie ein Tanz zwischen ihm und der Sense, nur hin und wieder unterbrochen, um die Klinge erneut zu schärfen. Reto, Christof und Tom tun es ihm gleich.

So arbeiten sie bis zum Frühstück und danach bis kurz vor Mittag. Danach ist die Morgenfeuchte weg und das Gras zu trocken zum Schneiden. Sie bewegen sich am Hang hin und her.

Wie das Schiffchen eines Webstuhls ziehen sie ein regelmässiges Muster über die inzwischen gemähte Wiese: lange, waagrechte «Maadli» aus Gras. Manchmal halten sie inne, blicken in die Landschaft und lassen ihre Arme ausruhen. Stirn und Rücken sind schweissnass.

Normalerweise sitzen sie im Büro vor einem Computer, vielleicht mit einer dampfenden Tasse Kaffee auf dem Schreibtisch. Jetzt haben sie den Duft von nassem Gras und aromatischen Kräutern in der Nase. Und die Geräusche der Wildheuer im Ohr.

«Mich berührt der regelmässige Schlag des Hammers auf die Sense beim Dengeln, das Geräusch beim Mähen und das Schleifen des Wetzsteins über die Klinge», erzählt Tom.

Externer Inhalt

Als Heu ein Vermögen wert war

Was für die Wildheuer im Teni heute ein Hobby und eine Möglichkeit ist, ein jahrhundertealtes Handwerk zu pflegen, war früher für Bergbauernfamilien ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor.

«In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde die Herstellung von Hartkäse entdeckt, der in der Lombardei guten Absatz fand. Damit wurde das Heu, das den Bauern erlaubte, ihr Vieh über den Winter zu bringen, zu einem so wertvollen Gut, dass es mitunter den Stellenwert einer eigentlichen Währung erhielt», sagt die Geografin und Journalistin Elsbeth Flüeler.

«Damit wurde auch das Wildheu wertvoll und begehrt, obwohl es magerer war als das Heu der Talwiesen», sagt die Autorin eines Buchs über die Wildheuer im Kanton NidwaldenExterner Link.

Wo die steilen und hoch gelegenen «Plangge» nicht privates Eigentum waren, sondern im Besitz von Korporationen oder Genossenschaften, war der Zugang genau geregelt. Sie konnten versteigert, dauerhaft zugeteilt, nach Gewohnheitsrecht genutzt oder verlost werden.

Mancherorts waren sie so begehrt, dass die Konkurrenz um die besten Flächen sogar zu Konflikten führte. «Im Erstfeldertal im Kanton Uri gingen diese Auseinandersetzungen als ‹Sensenkriege› in die Geschichte ein», sagt Flüeler.

Zwei Männer mit Kopfbedeckung rechen gemähtes Gras an einem sehr steilen Hang zusammen
Es geht nicht nur darum, eine Tradition aufrechtzuerhalten: Die Pflege von Trockenwiesen bedeutet auch, Ökosysteme mit grosser Artenvielfalt zu erhalten. Tom Friedli

Zwischen dem Ende des 19. und dem 20. Jahrhundert verlor die Wildheugewinnung jedoch zunehmend an Bedeutung. Grund dafür waren vor allem grundlegende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen der Landwirtschaft im Alpenraum.

«Mit der Eisenbahn, der Öffnung der Märkte und der zunehmenden Konkurrenz geriet die Berglandwirtschaft unter Druck», so die Geografin. Später verliessen mit der Industrialisierung immer mehr Menschen die Landwirtschaft und nahmen eine bezahlte Arbeit in Fabriken an. «Damit fehlten die Arbeitskräfte für diese sehr anstrengende Tätigkeit.»

Eine Kultur erlebt eine Renaissance

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts erhält das Wildheuen in verschiedenen Alpenregionen der Schweiz eine neue Bedeutung und wird besonders in der Zentralschweiz wieder praktiziert.

Ein Grund dafür ist der drastische Rückgang der Biodiversität und das gestiegene Bewusstsein für den ökologischen Wert dieser Flächen. Anders als intensiv bewirtschaftete Wiesen im Tal sind sie reich an Insekten- und Pflanzenarten.

In der Schweiz wachsen rund 75 Orchideenarten wild, 58 davon im Kanton Bern. Viele sind selten oder bedroht und reagieren empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums. Im Berner Oberland sind rund 25% der ursprünglich vorkommenden Orchideenarten ausgestorben oder gefährdet.

Auf mageren Bergwiesen führt die Aufgabe der Mahd dazu, dass sich rasch eine dichte Schicht aus Altgras bildet. Diese nimmt lichtbedürftigen Pflanzen, wie den Orchideen, den Raum, und die Artenvielfalt geht zurück.

Um die Orchideen zu erhalten, ist es deshalb wichtig, weiterhin zu mähen – allerdings erst nach der Samenreife. Im Teni werden die Flächen im Rotationsprinzip ungefähr alle drei Jahre gemäht. So sollen die Orchideen gefördert und die Biodiversität erhalten werden.

Ein Teil dieser Flächen wurde deshalb in das Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler BedeutungExterner Link aufgenommen.

Ihre biodiversitätsfördernde Bewirtschaftung wird seither mit Direktzahlungen von BundExterner Link und KantonenExterner Link unterstützt, ein willkommener ökonomischer Anreiz, diese Flächen wieder zu bewirtschaften.

Ein weiterer Grund ist der Lawinenschutz: Hohes Gras, das vom Schnee umgelegt und zusammengedrückt wird, kann das Abrutschen der Schneedecke begünstigen.

Zwei Männer transportieren einen grossen Heuballen auf einer Trage einen Bergweg hinunter
Die Arbeit ist noch nicht getan: Sobald das Heu gemäht ist, muss es ins Tal gebracht werden. Tom Friedli

«Wildheuen ist mehr als eine Tradition, Wildheuen ist eine Kultur – mit eigenen Fachausdrücken, eigenen Praktiken und Symbolen. Es ist identitätsstiftend», sagt Flüeler.

«Diese Kultur hat auch Spuren in der Landschaft hinterlassen. Da gibt es einerseits die artenreichen Wiesen, aber auch die Infrastruktur wie die über die Hänge gespannten Heuseile oder kleine, in der Landschaft versteckte Hütten.»

Rund um das Wildheuen haben sich auch Rituale und familiäre Gewohnheiten entwickelt. So ist diese Tätigkeit beinahe zu einem Gemeinschaftsritual geworden.

«In vielen Fällen beteiligen sich Freunde und Bekannte am Mähen und Einbringen des Heus», sagt Flüeler.

In den vergangenen 50 Jahren hat auch beim Wildheuen die Mechanisierung stark zugenommen. Neben der Sense kommen heute speziell für steile Hänge angepasste Motormäher zum Einsatz.

Zudem erleichtern Heubläser und andere Maschinen wie sogenannte Twister das Einsammeln des Heus und machen die Arbeit schneller als mit Rechen und Heugabel.

Verändert hat sich auch der Transport: Grosse Netze, die 15 oder mehr Heubündel fassen können, werden mit dem Helikopter ins Tal geflogen. Vielerorts haben sie damit die traditionellen Heuseile ersetzt.

Auch wenn ein grosser Teil der Arbeit mit Maschinen erledigt wird, bestehen alte und moderne Techniken jedoch weiterhin nebeneinander.

Die Wildheuer im Teni verzichten ganz bewusst auf motorisierte Hilfsmittel und auf das Ausfliegen des Heus mit dem Helikopter. Ihr Ziel ist es, das Wildheuen in seiner ursprünglichsten Form zu bewahren: mit Sense, Rechen und Gabel sowie dem traditionellen Transport der Heubündel über Transportseile.

Bergbauernfamilien wissen ausserdem um die Qualität dieses faser- und kräuterreichen Futters. «Die Bäuerinnen und Bauern setzen ihr Wildheu im Winter gezielt ein: Sie geben es den Tieren zu Beginn der Fütterung, um die Verdauung anzuregen, und am Schluss noch einmal, fast wie ein Dessert – auch weil die Tiere ganz verrückt danach sind.»

Im Teni hat die Arbeit für die fünf Freunde unterdessen erst begonnen. Zum Wildheuen gehört allerdings nicht nur die Arbeit am Steilhang. Im Hintergrund sorgt Werner, der Vater von Reto und Thomas, dafür, dass es den Männern an nichts fehlt.

Er arbeitet rund um die Hütte mit und transportiert Lebensmittel und Wasser sowie Seiltücher und Haken auf die nahe gelegene Alp auf der Rückseite des Brienzergrats. Auch für ihn gehört dieser Einsatz seit Jahren zum Wildheuen.

Drei Männer und ein Junge hintere einem Auto mit geöffnetem Kofferraum, vor ihnen Rucksäcke und Einkaufstaschen voller Lebensmittel
Versorgungsfahrt: Mit der entsprechenden Bewilligung kann man mit dem Auto eine Alp unterhalb des Hardergrats erreichen. Werner Steiner bringt den Wildheuern zusammen mit seinem Neffen Trinkwasser, Lebensmittelvorräte und die Tücher zum Einwickeln des getrockneten Heus. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Ist das Gras einmal gemäht – für die fünf der schönste und befriedigendste Teil der Arbeit –, muss es in der Sonne trocknen. Sie werden es ein- bis zweimal wenden. Anschliessend wird das trockene Heu in Transportnetze, sogenannte Seiltücher, gepackt.

Die so entstehenden Heubündel wiegen 40 bis 80 Kilogramm. Etwa 20 dieser schweren Bündel werden die Freunde schliesslich schultern und über den Pfad bis zur Hütte tragen – eine Arbeit, die Kraft und Beweglichkeit verlangt.

Dann folgt der spektakulärste Moment: der Transport des Heus hinunter ins Tal über Heuseile, die hoch über Felswänden und Wald gespannt sind. Sobald die Last am Seil hängt, nimmt sie Fahrt auf. Der Stahldraht beginnt zu vibrieren und gibt dabei einen beinahe singenden Ton von sich.

Für Reto, Thomas, Christof, Tom, Fritz und Werner ist es einer der intensivsten und emotionalsten Augenblicke jener fünf Tage, die sie als Wildheuer verbringen. Ein Gefühl, das sie auch im nächsten Jahr wieder ins Teni rufen wird.

Editiert von Daniele Mariani/raf

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft