Dieser Schweizer Architekt hat in China seine Nische gefunden
Der Architekt Daniel Heusser hat sein Modell einer gesellschaftlich nützlichen und auf Dauerhaftigkeit ausgerichteten Architektur nach China gebracht. In den über 30 Jahren, die er im Land verbracht hat, hat er die städtebauliche und architektonische Entwicklung des asiatischen Riesenreichs miterlebt und mitgeprägt.
Während seines Architekturstudiums in Zürich war Daniel Heusser auf der Suche nach einem Auslandaufenthalt. «Ich habe mich für Austauschprogramme interessiert und es gab eines mit China. Damals schien es mir ein interessantes Land zu sein, es war in Bewegung», erzählt der Architekt.
So kam Heusser, der im aargauischen Rheinfelden aufgewachsen war, 1992 als Austauschstudent nach China, genauer gesagt nach Nanjing.
«Es war damals natürlich ein ganz anderes China. In vielerlei Hinsicht war es noch ein Entwicklungsland», sagt Heusser, der ausserdem Delegierter im Auslandschweizer-RatExterner Link der Auslandschweizer-Organisation (ASO ) ist.
1994 ergab sich eine wichtige Gelegenheit, die den Beginn seiner langen Karriere in China markierte. «Ein Schweizer Architekt gründete ein Joint Venture in China und suchte Leute für das Projekt», erzählt er.
«Er wählte zwei junge Leute aus, ich war einer davon. So hatte ich die Möglichkeit, von Anfang an am Aufbau eines Joint Ventures mit chinesischen staatlichen Partnern mitzuwirken. Es war eine faszinierende, aber auch äusserst anspruchsvolle Erfahrung.»
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Die Herausforderungen des Geschäftslebens in China
Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn sei die grosse Diskrepanz zwischen der Schweizer und der chinesischen Realität das grundlegende Problem gewesen, sagt Heusser. Das asiatische Land hatte in den Neunzigerjahren die Priorität, die Grundlage zur Deckung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu schaffen.
«Im Vergleich zum damaligen China konnte in der Schweiz fast jedes Projekt als Luxusprojekt betrachtet werden. Es gab mehr Ressourcen, mehr Spielraum für Experimente und deutlich höhere Budgets», so Heusser.
Unsere Serie porträtiert Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland Unternehmen gründen, aufbauen und führen. Anhand ihrer persönlichen Werdegänge zeigen wir, warum sie ihre Projekte jenseits der Landesgrenzen realisieren, welche Rahmenbedingungen sie dort vorfinden und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.
Anhand ihrer Lebenswege zeigt diese Serie zudem, wie die Fünfte Schweiz zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Ausstrahlung der Schweiz beiträgt.
Die grösste Herausforderung für den Schweizer Architekten bestand darin, Gebäude zu entwerfen, die besser waren als die in China üblichen, ohne dabei etwas vorzuschlagen, das zu weit von der lokalen Realität entfernt war.
«Heute hat sich diese Kluft stark verringert. Es gibt mehr Qualität in den Details, meine Arbeit als Architekt ist in Bezug auf die Komplexität der Projekte anspruchsvoller geworden, aber auch einfacher, da auch in China die Standards stark gestiegen sind. In unseren Projekten existiert nicht mehr dieser riesige Abgrund zwischen den einfachsten und den sehr viel anspruchsvolleren Projekten.»
Unterschiedliche Ansätze
Schweizer Architektinnen und Architekten kommen mit einem bestimmten Ansatz nach China, der sich in der Praxis jedoch oft nur ganz anders umsetzen lässt.
In der Schweiz verstünden sich Architektinnen und Architekten viel stärker als Partner der Bauherrschaft und würden Projekte gemeinsam entwickeln, so Heusser. «In China ist es hingegen etwas anders.»
«Die Kundschaft kommt oft mit sehr genauen Vorstellungen davon, was sie will. Manchmal bringen sie Fotos anderer Gebäude als Referenz mit. Als ich ankam, war eine der häufigsten Anfragen der Bau von Gebäuden im römischen Stil oder in anderen historischen europäischen Stilen. Das sind Dinge, die in Europa so gut wie nie vorkommen und die ich als Schweizer Architekt sicher nicht studiert habe, um sie umzusetzen.»
Aber dieser Ansatz ändere sich. «Heute sind die Effizienz und Funktionalität der Gebäude in unseren Projekten zu grundlegenden Aspekten geworden. Da China ein riesiges Land ist, umfasst es sehr unterschiedliche Realitäten, man kann also nicht verallgemeinern.»
In China wegen Qualität und Funktionalität gesucht
Heusser liess sich im Jahr 2000 in Shanghai nieder und gründete 2003 sein eigenes Unternehmen Virtuarch.
Heute stammt der Grossteil seiner Kundschaft aus dem Produktions- und Bildungssektor und sein Architekturbüro übernimmt häufig das gesamte Projektmanagement.
Chinesische Kundinnen und Kunden schätzen qualitativ hochwertige und langlebige Projekte. Heussers Vision ist es, Gebäude zu entwerfen, die Funktionalität, architektonische Qualität und ein Erlebnis für ihre Nutzenden vereinen und sich dadurch auszeichnen, dass sie gut funktionieren.
«Man wendet sich zum Beispiel an uns, wenn ein Unternehmen eine neue Fabrik baut, weil es bis zu einem bestimmten Datum mit der Produktion beginnen muss», sagt der Schweizer Architekt.
«Oder wir bauen Schulen, die am 1. September des folgenden Jahres eröffnen müssen. Genau in diesem Bereich haben wir unsere Nische gefunden.»
Bis heute hat das Büro von Daniel Heusser vor allem Schulen, internationale Campusanlagen, Forschungszentren, Hauptsitze grosser internationaler Unternehmen und Industriegebäude realisiert. Virtuarch zählt über 500 Projekte in ganz China, Südkorea und Südostasien. 2019 wurde eine Niederlassung in Thailands Hauptstadt Bangkok eröffnet.
Neugier, Identität und Integration
Nach seinen ersten fünf Jahren in China ergab sich die Möglichkeit, in die Schweiz zurückzukehren, doch Heusser entschied sich, zu bleiben. Er habe sich nie als Expat gefühlt, sondern sich stets in die lokalen Gepflogenheiten eingefügt.
«Einer der wichtigsten Faktoren war sicher, dass ich immer interessante Dinge zu tun hatte. Ich habe festgestellt, dass das Leben hier und die Arbeit, die ich mir aufgebaut habe, vielen meiner Eigenschaften und Qualitäten, aber auch meiner Neugier entsprechen», erzählt er.
«Ich habe immer versucht, die Dinge zu verstehen und zu beobachten, wie Menschen in verschiedenen Kontexten leben. Diese Dimension, in einem Umfeld zu leben, in dem man ständig Lösungen finden und mit unvorhergesehenen Situationen umgehen muss, passt sehr zu meiner Persönlichkeit.»
Wer sich heute für China entscheidet, dem empfiehlt Heusser, mit viel Neugier anzukommen: «Sich für das interessieren, was um einen herum passiert, in der Lage sein, zuzuhören, mit den Menschen zu sprechen und zu verstehen, was sie wollen. Und dann ein Gleichgewicht finden zwischen dem, was notwendig und gefordert ist, und dem, was immer etwas Aussergewöhnliches ist», meint der Architekt.
Eine sehr häufige Frage laute: «Bis zu welchem Grad kann man sich integrieren und gleichzeitig seine Identität als Schweizer oder Ausländer bewahren?»
«Man muss ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Dimensionen finden. Ich denke, das gilt für alle Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland leben und in den Ländern, in denen sie sich befinden, erfolgreich sein wollen», fährt er fort.
«Das ist meiner Meinung nach besonders wichtig, vor allem in einem kreativen Bereich wie dem Design. Man muss die Rolle des ‹Brückenbauers› übernehmen, verschiedene Kulturen miteinander verbinden und etwas Einzigartiges schaffen, das konkret nützlich und verwendbar ist.»
Was zukünftige Projekte angeht, hat der Schweizer Architekt keine Zweifel: Am interessantesten sind Gebäude, die für eine Gemeinschaft einen Unterschied machen können. Für Heusser sind das vor allem Kindergärten, Schulen und Industrieprojekte mit anspruchsvollen technischen Anforderungen.
Editiert von Zeno Zoccatelli, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub
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