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Unicef-Bericht zur Chancengleichheit an Schweizer Schulen: «Gravierendes Resultat»

Sind leistungsgemischte Klassen auf Stekundarstufe I die Lösung?
Sind leistungsgemischte Klassen auf Stekundarstufe I die Lösung? Keystone/Cyril Zingaro

Im Vergleich mit anderen Ländern schneidet die Schweiz gemäss einer Studie der Unicef bei der Chancengleichheit schlecht ab.

Es geht um folgendes Resultat: 91 Prozent der privilegierten Jugendlichen haben die nötigen Kompetenzen in Mathematik und Lesen. Von den benachteiligten Jugendlichen sind es allerdings nur 46 Prozent. Wie sich das auf die Kinder auswirkt, erklärt Katharina Maag Merki von der Universität Zürich.

SRF: Welche Auswirkungen hat die Chancenungleichheit, die die Studie der Unicef aufzeigt, auf den Alltag der Kinder?

Katharina Maag Merki: Letztlich heisst das, dass diese jungen Menschen für den ganzen weiteren beruflichen Lebensweg weniger gut gerüstet sind. Das gilt auch in Bezug auf die Ausbildung, darauf, welchen Beruf sie wählen und welche Herausforderungen sie angehen wollen. Der Bericht hat gezeigt, dass letztlich auch die Lebenszufriedenheit oder Gesundheit davon betroffen sind. In diesem Sinne ist dieses Resultat sehr gravierend.

Die neueste Ausgabe der UNICEF Innocenti-Report-Card-Serie untersucht, wie wirtschaftliche Ungleichheiten das Wohlbefinden von Kindern beeinflussen.Externer Link

Die Bildungschancen von Kindern in der Schweiz hängen laut einer Analyse des UNO-Kinderhilfswerks Unicef stark vom Elternhaus ab. Zwar federt der Schweizer Sozialstaat die absolute Armut teilweise ab. Ungleiche Startbedingungen im Leben blieben aber bestehen. Im internationalen Vergleich gehöre die Schweiz zu den Ländern mit besonders grossen Leistungsunterschieden zwischen privilegierten und benachteiligten Jugendlichen, schrieb Unicef am Dienstag in einer Mitteilung.

91 Prozent der Jugendlichen aus privilegierten Haushalten erreichten grundlegende Kompetenzen. Bei benachteiligten Jugendlichen seien es lediglich 46 Prozent. Entscheidend seien dabei unter anderem das Bildungsniveau der Eltern, finanzielle Möglichkeiten und die Unterstützung im Alltag, so Unicef.

Wo müsste man aus Ihrer Sicht ansetzen, um diese Ungleichheit zu verkleinern?

Es gibt an vielen Orten etwas zu tun, und wir haben andere Länder als Vorbilder. Auch in der Schweiz selbst haben wir Vorbilder, bei denen es besser läuft. Wir müssen ein Bildungssystem schaffen, bei dem die Hürden abgebaut werden, derentwegen diese Kinder und Jugendlichen durch die Maschen fallen. Und wir müssen in den Schulen selber die Kompetenzen fördern, damit sie eben diese jungen Menschen auch noch besser fördern können.

Unterschiede im Elternhaus, die gibt es einfach. Soll die Schule korrigierend ins System eingreifen?

Genau. Dass es Unterschiede zwischen Familien gibt, ist ein natürlicher Befund. Aber wie sich diese Unterschiede auf den Bildungserfolg auswirken, das ist hausgemacht. Wir haben in der Schweiz viele Hausaufgaben noch nicht gelöst. Vor allem dieses selektive System, in dem wir die Kinder nach der sechsten Klasse trennen ist entscheidend mitverantwortlich dafür, dass wir dieses Resultat hier haben. Und wir brauchen ein besseres System in der Frühförderung.

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Was müsste man tun, um strukturell benachteiligten Kindern zu helfen, damit sie auf das gleiche Niveau kommen können wie die anderen?

Wir müssen Hinderungsgründe beseitigen, damit Kinder und Jugendliche, die die Kompetenzen haben, den gleichen Bildungsweg gehen können, der anderen offensteht. Es hat damit zu tun, dass wir nach der sechsten Klasse systembedingt einteilen wollen. Wir machen da viele Fehler, weil diese Einteilung nicht funktioniert.

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Warum ist das System trotzdem so geblieben?

Es gibt viele Schulen und auch einige Kantone, die gemerkt haben, dass wir hier Jugendliche verlieren, die wir nicht verlieren sollten und auch nicht müssten, weil diese Jugendlichen motiviert sind und Kompetenzen haben. Diese Schulen haben gemischte Klassen auf der Sekundarstufe I eingerichtet, genau wie in der Primarschule. Und sie haben innerhalb der Klassen durch didaktische Anordnung und Kooperation zwischen den Lehrpersonen ein System entwickelt, das sehr viel mehr Potenzial hat, alle Kinder zu fördern. Das ist ein erfolgreicher Weg. Man sieht das auch in den anderen Ländern, in denen erst viel später selektioniert wird.

Katharina Maag Merki ist seit 2009 Professorin für Pädagogik mit dem Schwerpunkt «Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse» an der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Schulqualitäts- und Schulentwicklungsforschung, Educational Governance und selbstreguliertes Lernen.

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