Von Shanghai nach Zürich: Jiajia Zhangs Kunst spiegelt das moderne Stadtleben
Anhand von Videos, Spiegeln, Audioerzählungen und Gesang erforscht Künstlerin Jiajia Zhang in einer ambitionierten, sich stets verändernden Installation öffentliche und private Räume und zeigt auf, wie Technologie und Architektur Städte prägen. Jiajia Zhang wurde in China geboren und lebt heute in Zürich. Ihre Ausstellung «Domestic News» war im Swiss Institute in New York zu sehen.
Wer sich im Swiss Institute in New York in die Galerie im Untergeschoss begibt, hört zunächst das Klicken einer mechanischen Werbetafel, das durch das Treppenhaus aus Beton hallt. Die Anzeige wechselt zwischen farbenfrohen Blumenarrangements und einer schwarzen Fläche hin und her.
Die Abfolge von Bildern greift Geschichten auf, die Künstlerin Jiajia Zhang aus den Memoiren ihrer Grossmutter über die japanische Besetzung Chinas im Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieg erfahren hat. Den Schilderungen der Grossmutter zufolge waren Blumen auf der Fensterbank ein Hinweis, dass das Haus für geheime politische Treffen sicher war – fehlten die Blumen, war das Haus nicht sicher.
Das gerahmte Lamellendisplay dient als Einstieg in «Domestic News», Zhangs erste institutionelle Einzelausstellung in den USA. Im Untergeschoss öffnet sich die Galerie in einen runden, verspiegelten Raum, in dem auf fünf Bildschirmen Szenen aus Shanghai zu sehen sind, begleitet von einem unzusammenhängenden Soundtrack aus Liedern und Stimmen.
Zhang zeigt kein gradliniges Porträt der Stadt, sondern ergründet, wie Spektakel, Infrastruktur und Alltag in der zeitgenössischen Stadt miteinander verschmelzen.
Swissinfo gegenüber erklärt sie, dass sich der Titel der Ausstellung zum Teil auf die Art und Weise beziehe, wie Menschen im öffentlichen Raum durch verschlüsselte Sprache kommunizieren, und welches Potenzial für Veränderungen daraus entstehe.
«Inlandnachrichten stellen innerhalb des Zeitungsgenres einen eigenen Bereich dar», meint die Künstlerin. «Mich interessierte, wie aus dem Aspekt ‹Inland› und dem Aspekt ‹Nachrichten› tagesaktuelle Newsbeiträge entstehen – also aus etwas eher Privatem und etwas eher Öffentlichem. Mein Eindruck ist, dass diese Bereiche manchmal ineinander verfliessen.»
Monumental und intim
Die neu in Auftrag gegebene Installation kombiniert Videos, Ton und architektonische Elemente und bietet einen ständig wechselnden Blick auf das heutige Shanghai.
Auf Hockern aus Motorradsätteln, die teilweise von den Kurieren der Stadt inspiriert sind, können sich die Besucher:innen einen 22-minütigen Film in Endlosschleife anschauen, der Shanghai in Nahaufnahmen und weitläufigen Stadtansichten zeigt: Drehrestaurants, in der Nacht glänzende Spitzen von Wolkenkratzern, Paare, die für Hochzeitsfotos posieren, Strassenreiniger bei der Arbeit, Menschen im Verkehr und eine endlose Abfolge aus LED-Bildschirmen und digitalen Werbetafeln. Die bruchstückartigen Szenen, die auf den verspiegelten Oberflächen reflektiert werden, ergeben ein Bild eines Shanghais, das sich stetig wandelt, zugleich aber monumental und intim wirkt.
Die Spiegel reflektieren sowohl die digitalen Bildschirme als auch den Ausstellungsraum selbst und schaffen so eine mehrschichtige Tiefe, erklärt Alison Coplan, Chefkuratorin am Swiss Institute. Wie die Menschen im Film werden auch die Betrachter:innen «gewissermassen von der Architektur, den Maschinen und dem Informationsfluss der Stadt umhüllt». Fenster, Türen und Spiegelungen seien dabei Hinweise für «Wege hinein und hinaus».
Das vom Schweizer Fotografen Jiří Makovec aufgenommene Filmmaterial wurde mit einem Audioskript der in London lebenden Autorin Aurelia Guo vertont. Auf Grundlage verschiedener Textquellen, darunter Reiseberichte, Newsbeiträge und juristische Dokumente, berichtet eine Erzählstimme von Überschwemmungen, Erfahrungen in der Diaspora, Heiratsmärkten und revolutionären Träumen.
Die Tonspur wechselt zwischen Mandarin und Englisch und beschreibt das Filmmaterial nicht direkt, sondern verläuft parallel dazu. Zhang erklärt, dass sie in den letzten Jahren zwar zahlreiche Videos gedreht habe, dass dieses Projekt sich jedoch aufgrund seiner räumlichen Form und seiner Integration in die Ausstellungsumgebung anspruchsvoller anfühle.
Gespiegelte Städte
Das Werk ist Teil eines grösseren, dreiteiligen Films mit Arbeitstitel «Tables, Doors, Songs», an dem Zhang aktuell arbeitet. Geplant sind auch Beiträge über New York und Zürich – zwei weitere Städte, die für die Künstlerin prägend waren. Zhang wurde in China geboren und zog im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie in die Schweiz. Nach ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich zog sie nach New York und widmete sich der Fotografie. Heute lebt und arbeitet sie in Zürich.
Zhangs architektonischer Hintergrund wird in der gesamten Ausstellung spürbar, insbesondere in ihrem Fokus auf die gebaute Umwelt, in den vertikalen Bewegungen in Städten und im Ausloten der Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum. Die Ausstellung regt auch zum Nachdenken über die architektonische, kulturelle und sonstige Beziehung zwischen Shanghai und New York an. Dazu gehört auch der Gegensatz zwischen Shanghais neuerer und auf Hochglanz polierter, städtischer Fassade einerseits, die in der Galerie im Untergeschoss zu sehen ist, und dem Strassenbild einen Stock höher direkt vor den Eingangstüren des Swiss Institute andererseits.
New York und Shanghai spiegeln sich gegenseitig, in ihrer Installation wie in der Realität, erklärt Zhang. Es sei manchmal schwierig, zu sagen, welche Stadt die andere beeinflusst. «Die Stadt ist ein Ort, an dem alles passiert. Insbesondere mit New York entstand sofort diese gegenseitige Spiegelung beider Städte – nicht nur architektonisch, sondern auch in Bezug darauf, wonach sie streben, wer an dieser Art von Struktur teilhaben kann und wer davon ausgeschlossen ist.»
Zhang nimmt die Stadt als Rahmen und untersucht, was auf struktureller Ebene geschieht. Die Ausstellung zeigt zudem auf, wie Technologie sowohl den städtischen Raum als auch die Menschen prägt, die sich darin bewegen, und wie Text, Beschilderung, Werbung und digitale Schnittstellen die Umgebung dominieren.
«Was ich an Jiajias Arbeit besonders aussergewöhnlich und sehenswert finde, ist die Art und Weise, wie digitale Technologien, Maschinen und Werbung in den Videos funktionieren und unsere menschliche Erfahrung bewusst oder unbewusst so stark prägen», sagt Coplan. «Aus der Perspektive von New York mag das wie etwas Fremdartiges aus China wirken. Aber vielleicht regt es dazu an, über die eigene Beziehung zu diesen Dingen nachzudenken.»
Gute Wünsche
Die Installation endet dort, wo sie beginnt: mit einem beleuchteten Springbrunnen und der Rückkehr zum Lied «Gong Xi Gong Xi» (Gute Wünsche, gute Wünsche). Das Lied wurde 1945 während des Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges komponiert und feiert das Ende der Besatzung, das Überstehen des Winters und den Einzug des Frühlings. Seither hat es sich auf dem chinesischen Festland als Neujahrshymne etabliert.
Zhang erklärt, die Melodie erinnere an den zyklischen Charakter von Jahreszeiten, Jahren, Städten, Nationen und Leben und spiegle viele der Themen der Ausstellung wider. Da das Werk so fragmentarisch sei und sich in verschiedene Richtungen bewege, sei das Lied vielleicht das, was alles zusammenhalte.
«Es ist ein Neujahrslied, das sehr verbreitet ist und das jede:r kennt», so Zhang. «Seine Vertrautheit schafft einen gemeinschaftlichen Raum, in dem die Unterscheidungen zwischen Hoch und Tief vorübergehend aufgehoben werden. Es geht auch um den Kreislauf innerhalb des Jahres und darum, welche Geschichten in Vergessenheit geraten, welche Schlagzeilen machen, was sichtbar ist und was in diesem Kreislauf untergeht. Der Aspekt des Lieds ist ziemlich wichtig. Es ist ein Element, das wir in den anderen Kapiteln wieder aufgreifen werden.»
Editiert von Catherine Hickley & Eduardo Simantob/ds, Übertragung aus dem Englischen: Lorenz Mohler/jg
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