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Kunstmuseum Bern: Direktorin Nina Zimmer blickt zurück

Nina Zimmer, diretora da Kunsthaus Bern
"Auch wenn diese Initiativen ein ermutigender Anfang sind, brauchen wir eine dauerhafte Finanzierung", sagt Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern. Keystone/Lukas Lehmann

Nachdem die Stimmberechtigten die Finanzierung eines umfassenden Umbaus des Kunstmuseums Bern abgelehnt haben, spricht die scheidende Direktorin Nina Zimmer über ihre künftige Aufgabe als Direktorin der Wiener Galerie Belvedere und ihre Rolle bei der Neuausrichtung des Schweizer Umgangs mit NS-Raubkunst.

Gegen Ende von Nina Zimmers ereignisreichen und viel beachteten zehnjährigen Amtszeit am Kunstmuseum Bern und am Zentrum Paul Klee musste das Museum einen Rückschlag hinnehmen. Am 14. Juni lehnten 51,8 Prozent der Stimmberechtigten im Kanton Bern in einer Volksabstimmung die Finanzierung eines grossen Sanierungs- und Neubauprojekts am Kunstmuseum ab.

Bescheidenere Lösung gesucht

Das Projekt mit geschätzten Kosten von 147 Millionen Franken sah vor, den bestehenden Erweiterungsbau von 1983, in dem derzeit Ausstellungsräume, Büros und das Café untergebracht sind, durch einen freistehenden Sandsteinbau zu ersetzen. Vorgesehen war zudem eine Gesamtsanierung des ursprünglichen Gebäudes, des sogenannten Stettlerbaus.

Zur Abstimmung stand ein Kredit von 15,7 Millionen Franken, den das Kantonsparlament im September bewilligt hatte. Ein überparteiliches KomiteeExterner Link von Gegner:innen sammelte die nötigen 10’000 Unterschriften, um das Referendum dagegen zu ergreifen. Seine Mitglieder teilten zwar die Ansicht, dass das Kunstmuseum saniert werden muss, plädierten jedoch für eine bescheidenere Umsetzung.

Fassade des Kunstmuseums Bern: Das Sanierungsprojekt wurde von einem Bündnis rechter Parteien torpediert.
Fassade des Kunstmuseums Bern: Das Sanierungsprojekt wurde von einem Bündnis rechter Parteien zu Fall gebracht. Keystone / Christian Beutler

«Wir hatten uns ein anderes Ergebnis erhofft», sagt Zimmer. «Gleichzeitig respektieren wir den Entscheid der Berner Stimmbevölkerung. Die Aufgabe besteht nun darin, auf dem Abstimmungsergebnis aufzubauen und einen neuen Weg zu finden.» Der Entscheid bedeute nicht das Ende des Projekts, sagt sie. Doch müssten sie nun neue Finanzierungswege ausloten.

Zimmers Abgang wurde bereits im März bekannt gegeben, lange vor der Abstimmung. Sie übernimmt die Leitung der renommierten Wiener Galerie Belvedere – eine Berufung, welche die Trägerstiftung von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee als «Auszeichnung, die Nina Zimmers bisherige Arbeit würdigt» bezeichnete.

Das Kunstmuseum erklärte, der Stiftungsrat werde die Finanzierung des Sanierungsprojekts umfassend überprüfen, bevor er über das weitere Vorgehen entscheide. Zimmer hat in den kommenden Monaten also viel zu tun. Vor ihrem Abgang muss sie zudem noch vier neue Ausstellungen eröffnen.

Sammlung Gurlitt

Die Aufgabe aber, die ihre Amtszeit geprägt hat, ist – zumindest vorerst – abgeschlossen. Als Zimmer 2016 ans Kunstmuseum kam, hatte dieses kurz zuvor das Erbe von Cornelius Gurlitt angenommen. Es umfasste rund 1600 Kunstwerke, darunter zahlreiche Arbeiten auf Papier. Gurlitt hatte die Kunst von seinem Vater Hildebrand Gurlitt geerbt. Der Kunsthändler hatte in den von den Nazis besetzten Gebieten Kunst für Adolf Hitlers geplantes «Führermuseum» in Linz erworben. Das Museum wurde nie gebaut.

Eine Frau betrachtet Werke aus dem Gurlitt-Nachlass während der Vorbesichtigung der Ausstellung „Gurlitt – Bestandsaufnahme“ (2022). Die Werke dokumentieren die Kunstplünderung und den Kunsthandel während der Nazizeit und sollen Antworten auf Fragen zur Provenienzforschung und zu den Herausforderungen im Umgang mit den Forschungsergebnissen liefern.
Ausstellung «Gurlitt – Bestandsaufnahme» (2022). Die Werke dokumentieren die Kunstplünderung und den Kunsthandel während der Nazizeit. Keystone / Anthony Anex

2012, als Cornelius Gurlitt noch lebte, durchsuchten die deutschen Zollbehörden seine Münchner Wohnung und beschlagnahmten mehr als 1200 Kunstwerke. Weitere bewahrte er in seinem Haus in Salzburg auf. Als der Fund 2013 publik wurde, löste er international grosse Empörung aus – und führte zu einer Flut von Ansprüchen von Nachfahr:innen jüdischer Kunstsammler:innen, deren Werke von den Nazis geraubt worden waren.

Gurlitt-Erbe mit vielen Aspekten

Gurlitt vermachte bei seinem Tod 2014 seinen gesamten Besitz dem Kunstmuseum Bern. Der Stiftungsrat bezeichnete das Erbe damals als «grossartig», auch wenn es «eine erhebliche Last an Verantwortung und eine Fülle von Fragen der schwierigsten und heikelsten Art» mit sich bringe.

Foto aus dem Jahr 1925 des Kunsthistorikers Hildebrand Gurlitt. Sein Sohn Cornelius Gurlitt erklärte gegenüber der deutschen Zeitschrift „Der Spiegel“ (17. November 2013), er wolle die von seinem verstorbenen Vater Hildebrand aufgebaute Sammlung schützen.
Foto aus dem Jahr 1925 des Kunsthistorikers Hildebrand Gurlitt. Kunstsammlungen Zwickau / Keystone

Das Vermächtnis weckte auch Zimmers Neugier. «Ich habe mich in vollem Bewusstsein des  Gurlitt-Legats beworben», sagt sie im Gespräch im Kunstmuseum. «Es hat mich besonders interessiert und war einer der Gründe für meine Bewerbung. Es war eine Herausforderung, der ich mich stellen wollte.»

Am schwierigsten sei es laut Zimmer gewesen, die vielen verschiedenen Aspekte des Vermächtnisses gleichzeitig zu bewältigen, während «wir von der ersten Sekunde an unter massiver medialer Beobachtung standen. Wir mussten alles sehr sorgfältig durchdenken, es aber sofort kommunizieren. Es war wichtig, transparent zu sein, aber auch anspruchsvoll.»

Zu den unmittelbaren Aufgaben gehörten laut Zimmer die Koordination mit den deutschen Behörden und den Provenienzforscher:innen, die die Sammlung bereits untersuchten, sowie die Organisation des Transports aus Depots in Deutschland und Österreich nach Bern.

Hinzu kamen die Dokumentation der Werke, der Aufbau einer Website und einer Datenbank sowie die Organisation von Ausstellungen. Dafür mussten die Werke auch restauriert werden, da einige aufgrund der Lagerbedingungen Schäden aufwiesen. Das Kunstmuseum richtete zudem als erstes Museum der Schweiz eine eigene Abteilung für Provenienzforschung ein.

Herausforderung und Chance zugleich

Während all dies im Hintergrund geschah, äusserten sich zahlreiche Kommentator:innen mit unterschiedlichen politischen Ansichten auf öffentlichen Plattformen dazu, wie mit dem Vermächtnis umzugehen sei. «Die mediale Aufmerksamkeit, die von der ersten Minute an da war, war eine Herausforderung, aber auch eine Chance», sagt Zimmer.

«Die Aufmerksamkeit und der Raum, den die Debatte in der Öffentlichkeit einnahm, ermöglichten es uns, diese Anliegen aufzunehmen, uns mit den verschiedenen politischen Perspektiven auseinandersetzen und die Menschen vom Weg zu überzeugen, den wir für das Kunstmuseum Bern gewählt hatten – und das fand Akzeptanz.»

Provenienzforschung mit Fortschritten

Seither hat das Kunstmuseum zu mehreren Werken der Sammlung Vereinbarungen mit den Nachfahr:innen jüdischer Sammler:innen getroffen. Der Fall hat zudem einen grossen Einfluss darauf, wie die Schweiz mit der Frage der NS-Raubkunst in öffentlichen Sammlungen umgeht.

Eine vom Bund eingesetzte neue Unabhängige Kommission für historisch belastetes Kulturerbe nahm am 1. März dieses Jahres ihre Arbeit auf. Viele weitere Schweizer Museen verfügen inzwischen über Abteilungen für Provenienzforschung.

Nina Zimmer posiert vor Henri Matisses Gemälde "Die blaue Bluse". Als Georges F. Keller begann, Gemälde von Meistern wie Matisse und Dalí dem Kunstmuseum Bern zu stiften, stand sein Ruf ausser Frage. Der Schweizer mit brasilianischer Staatsangehörigkeit war ein angesehener Kunsthändler gewesen, der dem Museum von den 1950er-Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1981 insgesamt 116 Werke schenkte. Doch der Provenienzforscher des Museums stieß auf ein Archivdokument, das Keller mit Etienne Bignou in Verbindung brachte – einem Mann, der heute als „umstrittener“ Händler gilt, da er im von den Nazis besetzten Paris Kunst mit Deutschen gehandelt hatte.
Nina Zimmer posiert vor Henri Matisses Gemälde «Die blaue Bluse». Fabrice Coffrini / AFP

«In dieser ganzen Debatte um NS-Raubkunst gibt es ein ‹Vor Gurlitt› und ein ‹Nach Gurlitt›», sagt Zimmer. «Die wichtigste Veränderung ist, dass das Thema heute weithin verstanden wird – es steht auf der Agenda. Als öffentliches Museum kann man sich nicht mehr weigern, dazu Stellung zu beziehen.»

Das Team für Provenienzforschung am Kunstmuseum konzentriert sich inzwischen auf die übrigen Bestände des Hauses, nachdem es seine Arbeit am Nachlass Gurlitts – zumindest vorläufig – abgeschlossen hat. Im Legat «gibt es eine kleine Gruppe von Werken, es sind keine bedeutenden Werke, bei denen noch Entscheidungen anstehen und weitere Forschung nötig ist», sagt Zimmer.

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«Sobald es neue Erkenntnisse gibt, werden wir die Fälle wieder aufnehmen. Provenienzforschung ist nie endgültig abgeschlossen. Neues Material aus Privatarchiven wird zugänglich, und wir können Fälle erneut aufgreifen, die wir für abgeschlossen hielten. Das ist in der Gurlitt-Forschung zur Routine geworden.»

«Ein neues Kapitel in meiner Biografie»

Das Thema NS-Raubkunst wird Zimmer zweifellos auch an die Galerie Belvedere begleiten. Das Museum hat mehr als 60 WerkeExterner Link an die Erb:innen jüdischer Sammler:innen restituiert – darunter als berühmtestes Beispiel Gustav Klimts «Goldene Adele», über die 2015 der Film «Die Frau in Gold» mit Helen Mirren in der Hauptrolle erschien.

«In Österreich ist es ganz anders, weil es ein Restitutionsgesetz gibt und nationale Strukturen geschaffen wurden», sagt Zimmer. «In der Schweiz existierten diese Strukturen und ein solches Gesetz nicht, und wir mussten in Bern unsere eigenen Strukturen entwickeln. Ich freue mich darauf, meine Kolleg:innen dort und ihre Arbeitsweisen kennenzulernen.»

Das Belvedere beherbergt mehrere Meisterwerke Klimts, darunter den weltberühmten «Kuss», und zählte im vergangenen Jahr zwei Millionen Besucher:innen – rund zehnmal so viele wie das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee zusammen.

Der österreichische Kulturminister Andreas Babler erklärte, Zimmers «langjährige Erfahrung in der Museumsleitung und ihre Fähigkeit, souverän mit komplexen Strukturen und unterschiedlichen Anspruchsgruppen umzugehen», hätten die Auswahlkommission überzeugt.

Galerie Belvedere in Vienna, Nina Zimmer's new home.
Galerie Belvedere in Wien, Nina Zimmers neue Wirkungsstätte. Wolfgang Weinhaeupl / Keystone

«Für mich ist das ein neues Kapitel in meiner Biografie: in diesem fantastischen Museum mit einer Sammlung von enormer Bedeutung für das ganze Land zu arbeiten», sagt Zimmer. Als besonders reizvoll nennt sie die Tradition des Hauses bei digitalen Innovationen und die grosse Vielfalt des Publikums. Doch nach 20 Jahren in der Schweiz – in denen die gebürtige Münchnerin das Schweizer Bürgerrecht angenommen hat – werde sie das Land vermissen.

«Ich bewundere das politische System und das Zusammenspiel öffentlicher und privater Institutionen in der Kulturszene», sagt sie. «In der Schweiz gibt es eine starke Kultur philanthropischer Stiftungen, einen tief verwurzelten Sinn für Ästhetik und Modernität sowie ein breites Interesse an Kultur.»

Editiert von Virginie Mangin. Übertragung aus dem Englischen von Michael Heger

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