Die Wissenschaft der Lawinen: ein ewiger Kampf gegen den weissen Tod
Im vergangenen Jahrhundert hat die wissenschaftliche Forschung entscheidende Instrumente geliefert, um die Gefahren des Schnees besser zu verstehen und zu bewältigen. Doch die ersten Zeugnisse der Lawinenforschung reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück – zur Pionierarbeit eines Schweizers.
Für diejenigen, die in vergangenen Jahrhunderten in den Bergen lebten, war die Lawine kein seltenes Ereignis. Im Gegenteil: Sie war stets eine reale und wiederkehrende Bedrohung.
Wie der Literaturhistoriker Franco Brevini in der RSI-Radioserie «Il racconto della neve e dello sci» (Die Geschichte vom Schnee und vom Skifahren) erzählt, beschrieb ein mittelalterliches Rätsel sie so: «Sie fliegt ohne Flügel und schlägt zu ohne Hände».
Die Lawine als etwas, das von oben kommt, unerwartet – und in wenigen Sekunden das Gesicht eines Dorfes verändern kann. Doch seit wann ist die Lawinenforschung wissenschaftlich basiert?
Als die Berge keine Strassen hatten
Während der Winter in den Bergen heute mit Freizeit verbunden wird, galt er über Jahrhunderte als Gefahr, die man nur bei absoluter Notwendigkeit auf sich nahm.
In den Alpendörfern entstanden deshalb erste spezialisierte Rollen: Begleiter und Retter. Männer, die sichere Wege kannten, Hänge lesen konnten und Wege für Wandernde bahnten, wo es unmöglich schien.
Im 16. Jahrhundert begann der Schweizer Theologe und Humanist Josias Simler, Zeugnisse von Menschen zu sammeln, die eine Lawine beobachtet haben.
Er unterschied zwischen Staublawinen und Schneebrettlawinen. Er stellte fest, dass sich bestimmte Hänge aufladen und dann nachgeben, und dass der Wald als natürlicher Schutz wirken kann.
In seinen Berichten formulierte er einen Rat, der erstaunlich modern klingt: Auf das Wissen vor Ort vertrauen. Denn jedes Tal hat seine eigenen Regeln, die auch in Ortsnamen und Erzählungen weitergegeben werden.
Die wissenschaftliche Wende im 20. Jahrhundert
Die systematische Erfassung von Lawinendaten setzte vergleichsweise spät ein. Kontinuierliche Studien gibt es erst seit dem 19. und 20. Jahrhundert. Man begann, über Dichte, Schichtbildung, Verformung und Reibung zu sprechen.
Ab den 1920er-Jahren forderten Vertreter von Wintertourismus, Transportunternehmen und Wasserkraftwerke einen rigoroseren Ansatz.
1936 entstand in Davos das berühmte Institut, das den Übergang von volkstümlicher Beobachtung zu einem strukturierten und messbaren Vorgehen markierte – dessen Ergebnisse geteilt wurden.
Die Lawine hielt Einzug in Grafiken und Modelle. 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde auf Beschluss des Bundesrats die Forschungsanstalt als Eidgenössisches Institut für Schnee- und LawinenforschungExterner Link (SLF) neu organisiert. Es sollte sich zu einer weltweiten Referenz im Bereich der Schneekunde entwickeln.
Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, bei dem Schätzungen zufolge 7000–8000 Soldaten bei Lawinenunfällen ums Leben kamen, nahm das militärische Interesse an der Schneeforschung zu. Die Armee richtete einen Lawinenpräventionsdienst mit Beobachtungsstationen in der ganzen Schweiz ein.
Nach Kriegsende ging die Verantwortung für die Bulletins an das SLF über. Nach dem Winter 1950/51 – dem katastrophalsten des vergangenen Jahrhunderts – beschloss das Institut, die Anzahl der mit Davos in Kontakt stehenden Beobachter zu verdoppeln.
Dieser unheilbringende Winter war ein Weckruf. Er führte zu zahlreichen Innovationen. So wurden beispielsweise Trockenmauern an den Hängen durch sogenannte Schneebrücken – grosse Zäune mit einer Höhe von bis zu drei bis fünf Metern – ersetzt.
Die Erhöhung der Bundesbeiträge löste eine regelrechte Welle von Bauprojekten aus. Seither wurden über 500 Kilometer permanente Stützverbauungen errichtet. Gleichzeitig nahmen die Schutzwälder zu, und Lawinengefahrenkarten wurden zur Grundlage der Raumplanung.
Moderne Forschung zwischen Wissen und Schicksal
Risikobulletins, Sperrungen, Evakuierungen, Überwachung: Heute verfügen wir über zahlreiche Instrumente, um uns vor Lawinen zu schützen. Hinzu kommen computergestützte Modelle und Anwendungen künstlicher Intelligenz, die am Institut in Davos entwickelt wurden.
All dies ist inzwischen Teil der Schweizer Identität: Nicht umsonst ist der Umgang mit Lawinengefahr seit 2018 als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.
Dennoch werden jährlich im Durchschnitt noch rund hundert Tote im gesamten Alpenraum verzeichnet, etwa zwanzig davon in der Schweiz. Diese Zahl zeigt, dass wir heute weit mehr wissen als früher – doch es genügt nie ganz.
Wie damals verflechten sich menschliche Verantwortung und Schicksal in einem ewigen Kampf gegen den weissen Tod.
Historische Aufnahmen zur Erforschung von Wäldern und Lawinen
Ein bedeutender Teil der Fotoarchive der Eidg. Forschungsanstalt WSL, zu der das SLF gehört, ist inzwischen auf der Plattform E-Pics der ETH ZürichExterner Link frei zugänglich.
Die digitalisierte Sammlung von rund 28’000 historischen Fotografien bietet einen einzigartigen Einblick in mehr als ein Jahrhundert Forschung, Technologie und Alltagsleben.
Wie entsteht eine Lawine? Die Sendung «Il giardino di Albert» von RSI hat 2017 die Experimente eines Teams von Schweizer Wissenschaftler:innen zur Dynamik von Lawinen genau verfolgt:
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