Fürsorge und Zwang – Ausstellung in Liestal zeigt dunkles Kapitel
Hunderttausende waren in der Schweiz von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen. Eine neue mobile Ausstellung gibt ihnen eine Stimme. Auch die Verantwortlichen für das dunkle Kapitel kommen indirekt zu Wort. Nach ihrem Auftakt in Riehen BS gastiert die Ausstellung ab Donnerstag in Liestal.
(Keystone-SDA) Aufnahme wegen «Arbeitsscheue und Liederlichkeit» in die kantonale Zwangsanstalt. Ein» verträumter und unselbständiger» Junge. Immer wieder fiel er in den «Schlendrian» zurück. Auf diese Art sprachen kantonale Behörden einst über Menschen, die in ihren Augen nicht ins Raster passten. Beispiele für solche Schreiben aus den 1940er- und 1970er-Jahren hängen in der neuen Ausstellung «Ich bin einfach niemand gewesen».
Das Kuratoren-Team hat sich bewusst für einen niederschwelligen Zugang im öffentlichen Raum entschieden. «Die Ausstellung soll auch Menschen ansprechen, die noch nie von diesem Thema gehört haben», sagte Historiker Marcel Hänggi am Mittwoch in Liestal vor den Medien. Drei kleine Pavillons laden unter anderem dazu ein, von Schauspielerinnen und Schauspielern nachgesprochene Selbstzeugnissen von Betroffenen und Verantwortlichen zuzuhören.
Bei verschiedenen Anlässen, etwa einem Erzählcafé, sind Betroffene und Interessierte eingeladen, von ihren Erfahrungen oder denjenigen von Familienangehörigen zu berichten. Auch abseits von den Anlässen ist es möglich, sich einzubringen. Stets ist eine Ansprechperson vor Ort.
Betroffene melden sich beim Aussttellungsteam
Dieses Angebot wird nach den ersten Erfahrungen in Riehen genutzt: Dort meldeten sich von den Massnahmen betroffene Menschen an das Ausstellungsteam, sagte Esther Banz, Journalistin und Mitorganisatorin der partizipativen Anlässe. Zu diesen Veranstaltungen gehört auch eine Geschichtswerkstatt, wo Interessierte ihre eigene Lebens- oder Familiengeschichte erforschen können.
Die Ausstellung widmet sich Menschen, die bis zum gesetzlich verordneten Ende 1981 oder darüber hinaus von Fremdplatzierungen, Zwangsarbeit und Zwangssterilisationen betroffen waren: Verdingkinder, Jugendliche aus schwierigen Verhältnisse, Menschen mit Behinderungen und Suchtkranke. Auch Jenische und Sinti, die als «Kinder der Landstrasse» von ihren Eltern getrennt wurden sowie Familien von Saisonniers, die versteckt leben mussten, kommen zur Sprache, ebenso ledige Mütter, denen die Behörden die Kinder wegnahmen.
Die Wanderausstellung wurde vom Bund als Teil der Aufarbeitungarbeit und mehreren Stiftungen finanziert. Sie findet vom 27. Mai bis 14. Juni 2026 auf dem Zeughausplatz vor dem Museum.BL statt und zieht dann nach Buchs SG weiter.