Fanny Desarzens‘ neuer Roman ist ein literarisches Stillleben
Ruhige Bilder des Alltags fügen sich im dritten Roman von Fanny Desarzens zu einer Familiengeschichte zusammen. "Was von all dem bleibt", frisch von Claudia Steinitz übersetzt, erschafft ein Abbild mehrerer Leben.
(Keystone-SDA) Landschaften. Zimmer. Augenfarben. Fanny Desarzens zoomt nahe heran, wenn sie einer Familiengeschichte in der Romandie über mehrere Generationen nachspürt. Die Familie ist nicht aussergewöhnlich, sie könnte eine von Tausenden sein. Das ist längst klar, als es im Roman direkt angesprochen wird: «Man könnte denken, von Leuten wie ihnen liesse sich nichts erzählen. Aber man kann die kleinen Dinge beschreiben, all die kleinen Dinge.»
Aus all den kleinen macht Fanny Desarzens auf über 144 Seiten ein grosses und erschafft in erstaunlicher Kürze ein Abbild mehrerer Leben, die ineinander greifen, aufeinander folgen und sich gegenseitig bedingen.
Zeigen, was ist
Dabei gestalten die Hauptfiguren ihre Schicksale weniger, als dass sie ihnen einfach widerfahren. Wenn etwa ein Mann feststellt, dass er die gleichen Fehler seines Vaters wiederholt und wiederum ständig abwesend ist, obwohl er sich das Gegenteil vorgenommen hatte. Wenn ein Traum eines eigenen Rückzugsorts an behördlichen Vorgaben scheitert. Oder wenn unerwartet eine Krankheit festgestellt wird, Frust und Wut kurz aufblitzen, aber alles dennoch seinen Lauf nimmt. Eine gewisse Resignation macht sich breit, wobei die jeweils nächste Generation stets auch einen sanften Aufbruch verspricht – der dann nicht immer eintrifft.
Die Autorin erzählt diese Existenzen in Momentaufnahmen, in klaren Sätzen und kurzen Szenen, die zeigen, was ist, und das «Warum» den Lesenden überlassen. Der häufigste Satzanfang im Buch ist wohl «Es gab»: eine simple Beobachtung. Ein Fakt, aus dem sich der nächste ergibt.
Durch diese Erzählweise frustriert der Roman die Erwartung nach Spannungsaufbau, Dramaturgie oder gar Dramatik. Ihr Romandebüt «Die Berghütte» brachte der 1993 geborenen Autorin Vergleiche mit C.F. Ramuz ein, was an der Sprache liegen mag, deren Kargheit sich im alpinen Setting der Werke Ramuz‘ und Desarzens‘ widerspiegelt. Nun erzählt Desarzens eine Geschichte, die auf tieferen Lagen spielt, privater ist und enger. Anders als bei Ramuz bleiben dabei die Bezüge zur Gesellschaft und Gesellschaftspolitik («Derborence» oder jüngst übersetzt «Dorf im Himmel») bloss im Hintergrund zu erahnen.
Was von «Was von all dem bleibt» bleibt, sind Bilder: fein säuberlich angeordnet, still, und mit einem gräulichen Stich von Melancholie.*
*Dieser Text von Ramon Juchli, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.