The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Die bittere Illusion der Tango Bonds

Demonstranten in Buenos Aires, die sich gegen die Umwandlung von Sparkapital in Bonds wehren. Keystone

Argentiniens Weigerung, die vor der Wirtschaftskrise eingegangenen Verpflichtungen einzugehen, betrifft auch Kleinanleger in der Schweiz.

Die Rede ist von mehreren Tausend Geprellten. Der Umschuldungs-Vorschlag ist bescheiden und wirft Schatten auf die Mechanismen des internationalen Finanzsystems.

Auf den grossen Finanzplätzen Europas läuft momentan eine Art doppelte «Road Show» ab. Dabei geht es um etliche Milliarden Dollar.

In London, Frankfurt, Zürich und Mailand geben sich zuerst Vertreter der argentinischen Regierung die Ehre, gefolgt von einer Gruppe von Gläubigern.

Es geht um die Rückerstattung der so genannten «Tango Bonds». Bis 25. Februar müssen Hunderttausende von Gläubigern entscheiden, ob sie auf den Umschuldungsvorschlag des südamerikanischen Landes eingehen.

Argentinien hofft darauf, sich durch das Umschuldungsprogramm rein waschen zu können und wieder an den internationalen Kapitalmärkten mitspielen zu können. Das Land hatte 2001 in Folge einer verheerenden Wirtschaftskrise die Bonds-Zahlungen ausgesetzt.

Der argentinische Vorschlag

Buenos Aires schlägt einen Schnitt um 65% des Nominalwerts der Obligationen vor. Es ist der höchste Wertverlust, der je von einem souveränen Staat für diese Art von Wertschriften angeboten wurde.

Über diesen Entscheid will Argentinien nicht diskutieren. Die Botschaft Argentiniens in der Schweiz hat ein Redeverbot erhalten. Dabei wirft der Vorschlag ein dunkles Licht auf das internationale Finanzsystem, das viele Schwellenländer in Anspruch nehmen, um ihre Entwicklung zu finanzieren.

Der Vorschlag bedeutet eine bittere Pille für viele Kleinanleger, die auf interessante Renditen hofften, indem sie in ein Schwellenland wie Argentinien investierten. Insbesondere können sich die Anleger nicht erklären, warum der argentinische Vorschlag so bescheiden ist.

Denn nach dem Einbruch des Bruttoinlandproduktes im Jahr 2002 (-10,9%), konnte Argentinien erstaunliche Steigerungsraten von über 8% in den Jahren 2003 und 2004 verzeichnen. Die Vorhersagen sind auch für das laufende Jahr und 2006 positiv.

Die Schweiz in der ersten Reihe

Die Schweizerische Bankiervereinigung erklärte auf Anfrage, dass der Wert der in der Schweiz erworbenen Bonds zirka 10 Milliarden Franken erreiche. SBV-Sprecher Thomas Suter unterstreicht aber, dass die Vereinigung keine Beratung einzelner Anleger durchführe. «Wir informieren einzig über die Angelegenheit.»

Diese Dienstleistung schätzen vor allem kleine Kreditinstitute, die nicht über die Mittel der Grossbanken verfügten.

Die UBS als grösste Schweizer Bank ist hingegen sehr aktiv in die Umschuldungsoperation verstrickt. Zusammen mit der Barclays Bank und Merryll Lynch berät das Unternehmen die argentinische Regierung.

Auf zwei entgegen gesetzten Fronten

Die UBS ist sogar auf zwei Fronten mit der Bonds-Frage beschäftigt. Einerseits repräsentiert die Investment-Abteilung die argentinischen Behörden, während andererseits die Abteilung «Wealth Management» Inhaber der argentinischen Wertschriften berät.

«Diese Doppelrolle ist ganz normal», beruhigt UBS-Sprecher Serge Steiner auf Anfrage. Die beiden Abteilungen arbeiteten vollkommen unabhängig voneinander und beeinflussten sich nicht gegenseitig. Die Kundenberatung berücksichtige stets externe Gutachten.

Die UBS empfiehlt in diesem Moment, sich nicht durch die argentinische Regierung unter Druck setzen zu lassen. «Es ist keine gute Offerte», meint Oussama Himani, Chef der UBS-Abteilung Wealth Management für Schwellenmärkte. Offen ist allerdings, welche Folgen es haben wird, wenn Anleger das argentinische Angebot ausschlagen.

Anleger im Interessenverband

Eine aktive Rolle bei der Beratung von Anlegern spielt das vor einem Jahr gegründete Global Committee of Argentina Bondholders (GCAB). Das Komitee gibt an, weltweit 500’000 Einzelanleger sowie mehr als 100 Banken und Institutionen zu vertreten, die zusammen 40 Mrd. Dollar oder 46% der im Ausland ausgegebenen Wertschriften halten.

GCAB-Mitbegründer Nicola Stock hat soeben im Rahmen der «Road-Show» die Finanzplätze von Zürich, Genf und Lugano besucht. «Das argentinische Angebot bringt den Anlegern keine Sicherheiten», kritisiert Stock.

Und er widerspricht Aussagen, wonach die Bonds zu wertlosem Papier werden, wenn die Offerte ausgeschlagen wird: «Es bleibt ein rechtlich verbindlicher Titel.»

Das Komitee GCAB verlangt mindestens 55% des ursprünglichen Werts. Der Gegenvorschlag liegt somit doppelt so hoch wie der Vorschlag der argentinischen Regierung.

Gemäss Stock kann Argentinien in Anbetracht der wirtschaftlichen Entwicklung diesen Betrag durchaus bezahlen. Die Vereinigung fordert, dass Argentinien mit den Hauptgläubigergruppen in Verhandlung tritt, so wie es auch der Internationale Währungsfonds verlangt hat.

Argentinien hat die Forderungen bisher ignoriert.

swissinfo, Mariano Masserini
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Ende der 90-er Jahre hatten Hunderttausende von Kleinanlegern und Kreditinstituten Obligationen in Argentinien erstanden. Das südamerikanische Land geriet jedoch in eine enorme Finanzkrise und unterbrach 2001 die Zahlungen.

Um wieder auf den internationalen Kapitalmarkt mitmischen zu können, schlägt Buenos Aires einen Tausch der alten Anlagefonds vor.

Doch viele Anleger erachten den Tauschvorschlag als zu knauserig. Zumal Argentiniens Wirtschaft wieder schwarze Zahlen schreibt.

Die Investoren befinden sich in einem Dilemma: Ist es besser, wenigstens einen kleinen Teil der Investitionen zurück zu erhalten, oder ist es besser, mehr zu fordern, aber den Verlust des gesamten Einsatzes zu riskieren?

104 Mrd. Dollar beträgt die Schuld des Staates Argentinien bezüglich Tango Bonds mitsamt Zinsen.
Über 10% dieser Schuld gehen zu Lasten von Schweizer Anlegern.
Italien, USA, Deutschland und Japan gehören zu den am stärksten betroffenen Ländern.
Das «Global Committee of Argentina Bondholdes» (GCAB) vereinigt 500’000 Gläubiger, die 46% der im Ausland verkauften Obligationen repräsentieren.
Das Umschuldungsangebot Argentiniens läuft bis am 25. Februar.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft