Jodpillen: Jetzt sind Betriebe und Schulen dran
Im Dezember waren die privaten Haushalte dran, jetzt werden die kontroversen Jodtabletten auch an Firmen und Schulen im Umkreis von Atomkraftwerken verteilt.
Obwohl viele Personen Ende 2004 mit Verunsicherung auf die unbestellte Sendung reagierten, sind grössere Protestaktionen ausgeblieben.
Atomkraftwerke (AKW) sind in der Schweiz wieder ein Thema. Es zeichnet sich zwar noch kein Aufbrechen alter Gräben wie in den 1980er-Jahren ab, doch sind erste Risse nicht zu übersehen.
Dafür verantwortlich sind einerseits die Stromproduzenten, welche die in die Jahre gekommenen Atomkraftwerke durch eine neue Reaktoren-Generation ersetzen wollen.
Dass auch die direkten und tödlichen Gefahren, die von den Atomreaktoren ausgehen, wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken, dafür sorgte andererseits im Dezember des letzten Jahres eine kleine Schachtel mit 12 Kaliumiodid-Tabletten.
Gefahrenzone ausgeweitet
Solche Packungen wurden allen Menschen per Post zugeschickt, die im Umkreis von 20 Kilometern von einem der fünf Schweizer AKWs leben, also in den so genannten Gefahrenzonen 1 und 2. Die Verantwortung für die Verteilung der insgesamt 1,2 Mio. Tabletten lag bei der Geschäftsstelle Kaliumiodid-Versorgung, welche vom Bund mit der Koordination der Aktion betraut worden war.
Das bedeutet gegenüber der ersten Verteilung von Jodtabletten Anfang der 1990er-Jahre eine Ausdehnung der Gefahrenzone. Damals waren die Pillen nur Bewohnern der Zone 1 zugestellt worden, die im Umkreis von vier Kilometern eines AKW wohnen.
Noch einmal 1,2 Mio. Tabletten
In einer zweiten Runde werden nun ab Mitte Januar Betriebe und öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser und Gemeinden versorgt. «Das sind noch einmal 1,2 Mio. Tabletten», sagt Tony Henzen von der Geschäftsstelle Kaliumiodid-Versorgung gegenüber swissinfo. Arbeitende und Schülerschaft sollen so auch tagsüber Zugriff zum Medikament haben.
Im Falle einer Reaktor-Katastrophe müssten die Menschen auf Anordnung der Behörden sechs Kaliumiodid-Tabletten schlucken, um die Schilddrüsen mit Jod zu füllen. Radioaktives Jod, welches bei einem Reaktor-Unfall freigesetzt und eingeatmet würde, könnte sich so nicht mehr im Körper festsetzen.
Gross bemessen
Nennenswerte Probleme erwartet Henzen bei der Belieferung der Unternehmen und Institutionen nicht. «Da jede Schachtel zwei Blister à je sechs Tabletten enthält, reicht das für die doppelte Anzahl Personen.» Schwankungen beim Personalbestand von Firmen würden so völlig aufgefangen.
Die Telefon-Hotline, welche während der Belieferung der Privathaushalte aufgeschaltet war, bleibt in dieser zweiten Phase denn auch tot. «Es gab in der ersten Phase rund 2000 Anrufe. Angesichts der verteilten 1,2 Mio Tabletten zeigt dies, dass die Information nicht allzu schlecht war», bilanziert Henzen.
Die häufigsten Fragen hätten Sinn und Zweck der Aktion betroffen. Auch hätten Anfrager wissen wollen, ob angesichts der Verteilaktion Kernkraftwerke generell unsicherer geworden seien. Nur ganz wenige hätten die Packung aus Protest zurückgeschickt.
Info-Defizite
Die niedrige Zahl der telefonisch Ratsuchenden täuscht aber darüber hinweg, dass die pharmakologischen Weihnachtspäckli bei den Empfängern teilweise beträchtliche Irritationen auslösten. Als Anlaufstellen mussten oft Apotheken in die Lücke springen.
«Die Leute waren verängstigt, überfordert und schlecht informiert», so die Erfahrung einer Mitarbeiterin einer Berner Apotheke. Viele Kunden hätten nicht begriffen, um was es gehe, bestätigte eine andere Berner Apothekerin.
Boykott-Aufruf
Die Verteil-Aktion löste Proteste im links-grünen Lager aus. In Bern rief das Grüne Bündnis zum Boykott der «Beruhigungspillen» auf. Beim Sekretariat wurden darauf nach eigenen Angaben «dutzende Packungen» abgegeben. Diese wurden anschliessend der Bernischen Kraftwerke AG (BKW) übergeben, der Betreiberin des AKW Mühlebergs.
Die Gruppierung bekräftigte die alte Forderung nach Abschaltung von Mühleberg bis 2012. Der Pillenversand, die neuen Atomstrompläne der Energiekonzerne und die Energiestrategie des Berner Regierungsrats mit ausdrücklichem Festhalten an der Option Kernenergie sorgten mit der Gründung des Aktionskomitees «Bern ohne AKW» für eine Wiederbelebung der Anti-AKW-Bewegung.
Gefahr nicht herunterspielen
Rudolf Rechsteiner, Basler SP-Nationalrat und Mitinitiant der gescheiterten Volksinitiativen «Strom ohne Atom» und «MoratoriumPlus», stiess sich insbesondere an der Beschwichtigung der Geschäftsstelle Kaliumiodid-Versorgung, niemand solle sich durch den Versand verunsichern lassen, denn das Risiko eines AKW-Unfalls sei sehr gering.
Die Gefahr eines Kernkraftwerk-Unglücks sei das grösste Risiko, das in der Schweiz existiere. In der Nordwestschweiz ist es laut Rechsteiner besonders hoch: «Wir liegen inmitten von fünf, inklusive Fessenheim gar sieben Reaktoren», äusserte sich der AKW-Gegner gegenüber der «Basler Zeitung».
Mögen die Jodpillen das Restrisiko bei einem AKW-Unfall senken, Fakt bleibt aber, dass austretende radioaktive Strahlen bei Menschen nicht nur tödlichen Schilddrüsenkrebs, sondern ebenso tödliche Leukämie, Magenkrebs oder Lymphome auslösen kann. Das hat Tschernobyl 1986 brutal gezeigt.
swissinfo, Renat Künzi
In Deutschland erhalten direkte Anwohner der AKWs Jodtabletten.
Die deutschen Behörden lehnen aber die Abgabe von Jodtabletten an über 45-Jährige ab, wegen möglicher Nebenwirkungen.
In Frankreich wollten die AKW-Betreiber der umliegende Bevölkerung Jodtabletten abgeben. Die Regierung untersagte dies jedoch.
Kaliumiodid-Tabletten dienen der Schilddrüsenprophylaxe bei einem AKW-Unfall.
Sie sättigen die Schilddrüsen mit Jod, radioaktives Jod kann danach nicht mehr aufgenommen werden. Sonst droht tödlicher Schilddrüsenkrebs.
An Privathaushalte wurden im Dezember 1,2 Mio. Tabletten verteilt.
Im Januar werden noch einmal so viel an Unternehmen und Schulen verschickt.
Die Aktion kostet sieben Mio. Franken.
Jodtabletten bieten keinen ausreichenden Schutz: Gegen den Fallout von Strontium, Cäsium und Plutonium, die tödlich sein können, sind sie wirkungslos.
AKW-Gegner riefen zum Boykott der Jodtabletten auf.
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