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Presseschau vom 31.08.2002

Keine Toten und Schwerverletzten mehr auf Schweizer Strassen. Die Regierung listet mit einem Bericht, «Vision zero», auf, was zu tun wäre. Der Bericht wirbelt viel Druckerschwärze auf. Die Schweizer Zeitungen machen klar: Keiner will vom Gaspedal!

«Warum nicht gleich Tempo 0»

fragt sich der BLICK in grossen Lettern auf der Titelseite. Spricht von totaler Überwachung, von rigorosen Tempokontrollen, scharfen Bussen und meint:

«Totale Sicherheit ist totale Kontrolle. Also die Gleichschaltung aller im Strassenverkehr. Wie verträgt sich das mit unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft?»

Diese «freiheitlich-demokratische Gesellschaft» hinterlässt auf den Strassen pro Jahr rund 600 Tote und zehnmal mehr Schwerverletzte mit oft lebenslangen Behinderungen. Deshalb schlägt der Expertenbericht 77 Massnahmen vor. Einige davon betreffen auch die Auswirkungen der Geschwindigkeit. Begrenzungen werden als Einengung der Freiheit des Einzelnen wahrgenommen. Der Berner BUND fragt sich auch:

«Was soll höher gewichtet werden. Die Freiheit des Bürgers oder der Schutz von Leben? Ist es zulässig die Bürgerfreiheit in einem Bereich zu verteidigen, wo nicht nur die eigene Sicherheit, sondern mindestens so stark diejenige anderer auf dem Spiel steht? In diesem Sinn ist ‚Vision zero‘ eine sinnvolle Provokation.»

Als genau das wird der Bericht und die Schlussfolgerungen darin auch wahrgenommen: als Provokation, die zum Beispiel die BASLER ZEITUNG nicht ernst nehmen kann:

«Vision zero hat mithin als Verzeichnis aller denkbaren Maximalphantasien den Zweck bereits erfüllt. Was davon im Interesse der Sache sinnvoll sein dürfte, findet vermutlich auf einem Blatt Papier Platz.»

Der Bericht selber zählt 154 Seiten. Die BERNER ZEITUNG erinnert daran, dass immer, wenn Massnahmen um den «Tod auszubremsen», ergriffen wurden, ein Aufschrei durch die Schweiz ging. So bei den Tempolimiten auf der Autobahn und dem Gurtentrag-Obligatorium:

«Heute ist einwandfrei bewiesen, dass diese angeblich so massiven Einschränkungen entscheidend mithalfen, die Anzahl der Toten im Strassenverkehr drastisch zu senken.»

Darum findet die BZ:

«Jede Massnahme, die mithilft, den Tod auf unseren Strassen zu bannen, sollte ohne Scheuklappen diskutiert werden.»

Der Zürcher TAGES ANZEIGER schreibt, dass die Reaktionen auf den Bericht «Vision zero» eben gerade ein Teil des Problems seien, denn dieselbe Aggressivität, die so viele Automobilisten am Steuer ergreifen würde, gehe auch durch ihre politischen Vertreter:

«Was als Sicherheitsproblem sachlich zu analysieren wäre, wird von Verbänden und Parteien zur Existenzfrage hochgedröhnt. Wer die freie Fahrt beschränke, klagen sie, schränke auch den freien Bürger ein. Das klingt so, als sei schnelles Fahren ein Menschenrecht.»

Die Wochenendausgabe der welschen LE TEMPS erinnert mit einer Karikatur von Chapatte daran, dass es in der ganzen Frage der freien Bürger und Bürgerinnen auch schwache und starke Verkehrsteilnehmer gibt.

Eben hat der starke Sportwagenfahrer die ältere Frau mit Einkaufstasche auf dem Fussgängerstreifen über den Haufen gefahren. Wütend schaut der Sportwagenfahrer nach draussen auf das Opfer und findet:

«Schon wieder jemand der den Verkehr behindert.»

Urs Maurer

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