The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Debatten
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

«Für meine Ideen ist Brasilien der bessere Nährboden»

Ein Mann mittleren Alters
Der gebürtige Lausanner Maurizio Mancioli gründete in Brasilien eine Business School und arbeitet heute als Künstler. Kai Reusser / SWI swissinfo.ch

Seit er sich 1994 in Brasilien niederliess, hat der Schweizer Maurizio Mancioli, wie er selbst sagt, «mehrere Neuanfänge» durchlaufen. Nachdem er eine «Business School» gegründet hatte, an der er 14 Jahre lang tätig war, arbeitet er heute als Künstler, leitet einen Kulturraum in São Paulo und gibt Workshops an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wirtschaft.

Maurizio Mancioli wurde in Lausanne geboren. Als Sohn italienischer Eltern wuchs er zweisprachig auf: Italienisch mit seiner Familie und Französisch in der Schule und im Alltag. 1994 beschloss er, nach Brasilien zu ziehen, um dort gemeinsam mit brasilianischen Kollegen, die er in der Schweiz kennengelernt hatte, die BSP-Business School in São Paulo zu gründen. «Brasilien öffnete sich damals dem Weltmarkt, und sie schlugen mir vor, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen», erinnert er sich.

Externer Inhalt

Am Ende ihres Studiums legten MancioliExterner Link und seine zukünftigen Partner zwei Abschlussarbeiten vor: Die eine befasste sich mit dem damaligen Bedarf in Brasilien an einer praxisorientierteren Managementausbildung, also einer, die praktischer und weniger akademisch ausgerichtet war; die andere war bereits der Businessplan. «So haben wir die Aufmerksamkeit eines Schweizer Professors auf uns gezogen, der sich bereit erklärte, als Mentor des Projekts zu fungieren», sagt Mancioli.

Unsere Serie porträtiert Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland Unternehmen gründen und aufbauen. Anhand ihrer persönlichen Werdegänge zeigen wir, warum sie ihre Projekte jenseits der Landesgrenzen realisieren, welche Rahmenbedingungen sie dort vorfinden und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.

Anhand ihrer Lebenswege zeigt diese Serie zudem, wie die Fünfte Schweiz zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Ausstrahlung der Schweiz beiträgt.

Ein fruchtbarer Nährboden für neue Ideen

«1993 habe ich eine erste Reise nach Brasilien unternommen, um das Land ein wenig kennenzulernen. In São Paulo begannen wir, Räumlichkeiten für die ‚Business School‘ zu suchen. 1994 war ich dort bereits etabliert. Damals war ich noch nicht einmal 24 Jahre alt. Wir waren einfach eine Bande von Kindern…», erzählt der heute 56-Jährige und lacht.

Was hat den jungen Unternehmer im Brasilien der 1990er-Jahre am meisten überrascht? «Die Schnelligkeit, die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Und auch die soziale Dimension, die Art und Weise, wie man sich integriert fühlt. Das ist nicht wie in anderen Regionen der Welt», sagt er. «Hier ist der Nährboden fruchtbarer für neue Ideen. Die Neue Welt ist aufgeschlossener für neue Technologien und neuen Vorgehensweisen, die hier schneller angenommen werden», fügt er hinzu.

Die Anfänge waren jedoch von Hindernissen geprägt. Der Professor, der für die Leitung der neuen Einrichtung eingestellt worden war, entschied sich gegen ein Leben in Brasilien und kehrte ein Jahr später in die Schweiz zurück.

«Wir standen ohne Dekan da, die Bauarbeiten verzögerten sich, und nach und nach wurden die Ressourcen von den Mieten aufgezehrt. Wir hatten zunächst Mühe, die Gründe für einen MBA-Studiengang auf Englisch verständlich zu machen. Wir stiessen auf zahlreiche Hürden und wären beinahe bankrottgegangen.»

Doch dann fügte sich alles zusammen und wir begannen, jedes Jahr die Zahl der Studierenden und den Umsatz zu verdoppeln. Nach fünf Jahren Tätigkeit wurden wir in den Ranglisten der besten Business Schools von Magazinen wie The Economist und BusinessWeek aufgeführt. Ich war dort fast vierzehn Jahre tätig», sagt er.

Die Wende zur Kunst

Im Jahr 2002, nach einem achtmonatigen Sabbatical, das er mit dem Rucksack in Asien und Brasilien verbrachte, begann Mancioli einen schrittweisen Übergang von der Unternehmenswelt zur Kunst. Er selbst verspürte angesichts des «hektischen Tempos», das die Leitung einer Wirtschaftshochschule mit sich brachte, eine zunehmende Erschöpfung. Der MBA-Studiengang richtete sich hauptsächlich an Führungskräfte, von denen einige bereits Geschäftsführer oder Unternehmensvorstände waren, die nicht Vollzeit studierten, sondern bereits intensiv arbeiteten.

«Ich nahm ihre Erschöpfung wahr, die mit dem Leistungsdruck und dem rasanten Tempo zusammenhing. Viele von ihnen hatten eine Familie. Und dann war da noch das städtische Umfeld von São Paulo, das nicht einfach ist.» Seiner Meinung nach stand dies im Widerspruch zu dem, was von Führungskräften erwartet wird, nämlich «dass sie Vitalität, Kreativität sowie eine innovative und intuitive Vision an den Tag legen. Das System macht sie jedoch immer apathischer».

Diese Beobachtungen brachten Mancioli dazu, sich stärker der Kunst zu widmen und diese mit seinen unternehmerischen Aktivitäten zu verbinden.

Mehr

Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Melanie Eichenberger

Haben Sie als Schweizer:in Ihr eigenes Unternehmen im Ausland gegründet? 

Erzählen Sie uns von Ihrem Weg in die Selbstständigkeit im Ausland. 

6 Likes
7 Kommentare
Diskussion anzeigen

Zwischen Intuition und analytischem Denken

An der BSP-Business School widmete sich der Forscher Humberto Mariotti damals dem Konzept des «komplexen Denkens», das vom französischen Philosophen und Soziologen Edgar Morin entwickelt wurde und das die Wirklichkeit aus einer zugleich intuitiven und analytischen Perspektive betrachtet. Mariotti wandte dieses «komplexe Denken» auf die Geschäftswelt an.

«Damals begann ich zu begreifen, dass das, was mich im Alltag rettete, das Skizzieren war», erzählt Mancioli. «Ich hatte diese Verbindung zur Kunst; die Fotografie war für mich immer sehr präsent, aber ich hatte alles beiseitegeschoben.» Als er diese kreative Perspektive in seinen Unternehmensalltag integrierte, habe er erkannt, «wie sehr sie mir Luft verschaffte und neue Blickwinkel auf schwierige Fragestellungen eröffnete».

Aus diesen Erfahrungen entwickelte Mancioli schliesslich einen Workshop. Darin zeigte er auf, wie Kunst dazu beitragen kann, alltägliche Herausforderungen in Unternehmen zu lösen. «Es gelang, all dies in eine sehr konkrete Sprache zu übersetzen. 2014 wurde ich eingeladen, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben.»

Nicht zufällig lautet der erste Satz des Buches: «Seit meiner Jugend vermutete ich, dass zwischen Kunst und Wirtschaft eine starke Verbindung besteht.»

Mehr

Heute ist Mancioli ein multidisziplinärer Künstler, der sich zwischen Fotografie, Malerei, Zeichnung, Video und Performance bewegt und an Ausstellungen in Brasilien und im Ausland teilnimmt.

In seinem Atelierhaus in São Paulo betreibt er das Parahaus, eine Kunstgalerie, in der Veranstaltungen, Ausstellungen, Vorträge und Workshops stattfinden. Gleichzeitig widmet er sich seinem eigenen künstlerischen Schaffen. Dazu gehört unter anderem die Acquabox, ein «Aquarium für Menschen», das als Antwort auf das urbane Chaos von São Paulo entstanden ist.

Die Installation besteht aus einem drei Meter hohen Zylinder aus transparentem Acrylglas, der mit beheiztem Wasser gefüllt wird und das vollständige Eintauchen des Körpers ermöglicht. Sie dient therapeutischen Zwecken, der Entspannung sowie künstlerischen Performances.

«Unter Wasser schaltet der Mensch ab, schafft es, sich von der Welt abzukapseln; das funktioniert ein bisschen wie Meditation», sagt ihr Erfinder. «Mit der Acquabox setze ich zwar gewissermassen meinen Unternehmerhut wieder auf, aber ich bewege mich nicht mehr in dieser Bürowelt. Ich tausche immer noch gerne Ideen über das Geschäft aus, aber auf eine distanziertere Art und Weise; ich bin nicht mehr so sehr in meinem Beruf gefangen wie früher», sagt der Künstler, der auch Art-Thinking-WorkshopsExterner Link für ein Publikum anbietet, das überwiegend aus der Unternehmenswelt stammt.

Entwurzelung, Wanderschaft und Erinnerung

Der Übergang zwischen verschiedenen Fachgebieten und beruflichen Tätigkeiten spiegelt in gewisser Weise den persönlichen Werdegang von Mancioli wider. Themen wie Entwurzelung und Erinnerung haben für ihn schon immer eine grosse Rolle gespielt. «Anfangs war mir das nicht bewusst, ich habe lange gebraucht, um es zu begreifen. Dann war es fast wie eine Befreiung. Schliesslich wurden diese Themen zu einer Art Kompass für meine Arbeit.»

«Als ich meine Wurzeln in der Schweiz hinter mir liess, um allein und ohne Familie nach Brasilien zu ziehen, war das wirklich ein schwerer Abschied; ich vermisste diese Welt. Aber auch die Jahre in der Schweiz waren schwierig für mich. Ich habe mich immer ein bisschen fremd gefühlt, obwohl ich dort geboren und aufgewachsen bin.»

Seine Identität sei immer eine gemischte gewesen: «Wenn ich nach Italien ging, fühlte ich mich nicht wirklich italienisch, und das merkte man an meinem Akzent. In der Schweiz war ich immer der Italiener, mit einer Familie, die offener und gestenreicher war», sagt Mancioli.

Mit der Zeit habe er jedoch gelernt, die Schweiz mit etwas Abstand zu schätzen, und sehe das Land, das er jedes Jahr besucht, nun als Quelle der Inspiration.

«Die Schweizer Mentalität habe ich immer als etwas einengend empfunden. Und bis zu einem gewissen Grad sehe ich das noch heute so. Gleichzeitig erkenne ich inzwischen auch ihre positiven Seiten: Die Schweiz ist eine funktionierende Demokratie, die den Willen der Bevölkerung respektiert und umsetzt. Das betrachte ich in der heutigen Welt als einen enormen Wert. Was mir früher eher verschlossen erschien, wirkt heute auf mich auch beständig und verlässlich. Meine Freunde aus Kindertagen zum Beispiel sind etwas geradezu Unvergängliches», sagt er schmunzelnd.

Ein abstraktes Gemälde im Entstehen

Heute sind die Projekte des Künstlers nicht mehr so entscheidend, wie sie es für den jungen Unternehmer von 1994 waren.

«Es ist gut, einen roten Faden, eine Richtung zu haben, aber es ergeben sich so viele Möglichkeiten, Dinge, die sich unterwegs unerwartet ergeben. Ich bleibe aufmerksam, um alles wahrzunehmen. In den kommenden Jahren sehe ich meinen Weg als den eines Künstlers, der ein abstraktes Gemälde komponiert. Er beobachtet, improvisiert und entwickelt sich weiter.»

Zu denjenigen, die den Sprung aus ihrer eigenen geografischen und kulturellen Welt noch nie gewagt haben, sagt Mancioli: «Macht es einfach, zögert nicht. Jeder sollte sich ein wenig von der eigenen Kultur lösen. Je mehr man verschiedene Kulturen erlebt, desto besser. Und macht es früh, denn später verliert man diese Flexibilität, diese Anpassungsfähigkeit, und es wird schwieriger.»

Editiert von Samuel Jaberg. Übertragung aus dem Französischen mithilfe von KI: Janine Gloor

Mehr

Meistgelesen
Fünfte Schweiz

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft