Skyguide: Kritik aus Russland
Nach der Flugzeug-Kollision über dem Bodesee hat Skyguide ihre Kapazität um 20% reduziert. Die Kritik am Unternehmen reisst nicht ab.
Der Zweite Generaldirektor der Bashkirian Airlines kritisiert Skyguide im Zusammenhang mit der Flug-Katastrophe: Der Fluglotse habe den Piloten nicht die Dringlichkeit der Situation vermittelt.
Die Piloten hätten nicht ahnen können, dass sie sich in einer gefährlichen Lage befanden, sagt Viner Schakirow in einem im «SonntagsBlick» erschienenen Interview. «Nichts in der Stimme des Fluglotsen wies auf eine Notsituation hin.»
Frachtmaschine sollte ausweichen
Zudem sei es in der Fliegerei üblich, dass bei einer gefährlichen Annäherung zwischen Fracht- und Passagiermaschinen der Frachter ausweichen müsse. «Der kann abrupte Manöver fliegen, ohne dass Passagiere verletzt oder erschreckt werden.»
Schakirow kritisiert weiter die Informationspolitik von Skyguide. Die Firma bringe «jeden Tag neue, sich widersprechende Versionen». Auch Bundesrat Moritz Leuenberger kritisiert in der «SonntagsZeitung» die Informationspolitik von Skyguide: «Da kriselte es schon etwas.» Gleichzeitig warnte der Verkehrsminister vor Vorverurteilungen.
Weniger Flieger – weniger Stress
Derweil hat Skyguide die Luftbewegungen in Spitzenzeiten um einen Fünftel reduziert. Die Massnahme hängt direkt mit der Stress-Situation zusammen nach dem Zusammenprall einer Tupolev mit einer Boeing-Frachtmaschine Anfang Woche.
Beim Flugzeug-Unglück kamen 71 Menschen ums Leben – zum grössten Teil Kinder aus Russland.Am Sonntagabend konnten auch die beiden letzten Opfer geborgen werden, wie ein Sprecher der Landespolizei in Tübingen bestätigte.
Die Fluglotsen stünden seit der Kollision unter besonderem Stress, erklärte Skyguide-Stabschef Felix Hitz am Samstag. Mit der Massnahme sollen sie entlastet werden. Deren Dauer ist zur Zeit nicht festgelegt. Für den Flughafen Zürich hat die Massnahme Auswirkungen auf die Pünktlichkeit, wie die Flughafen-Betreiberin Unique mitteilte.
Laut Unique wirkte sich die Kapazitäts-Reduktion nicht zu schlimm auf den Flugverkehr in Zürich-Kloten aus. Trotz hohen Frequenzen wegen des Ferienbeginns hätten die Verspätungen am Samstag bis zum Abend abgebaut werden können. Unique hatte von Freitag bis Sonntag täglich je rund 750 Flugbewegungen abgewickelt und je 65’000 Passagiere abgefertigt.
Verkettung von Umständen
Seit der Kollision reisst die Kritik am Unternehmen Skyguide nicht ab. Skyguide-Chef Alain Rossier räumte Fehler bei der Bekanntgabe der Abläufe nach dem Unglück ein. Aber man habe nichts beschönigen wollen, sagte Rossier am Samstag.
In der Katastrophen-Nacht hatte der Schweizer Fluglotse mit grossen technischen Problemen zu kämpfen. Neben dem Radarwarngerät war auch die Telefon-Hauptleitung zeitweise abgeschaltet.
Das Radar-Warnsystem gibt bei der gefährlichen Annäherung von zwei Fliegern ein akustisches Signal. Zum Zeitpunkt der Kollision war das System gemäss BFU abgeschaltet. Der Lotse konnte also vom Computer keine Warnung über die Situation am Himmel erhalten.
Wie das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in seiner neusten Ausgabe berichtet, hatten auch deutsche Fluglotsen vergebens versucht, Skyguide zu erreichen. Die Lotsen der Flugleitstelle «Rhein Radar» hätten 132 Sekunden vor dem Zusammenstoss eine Warnung ihres Radarsystems erhalten.
Nachdem sie einige Sekunden auf das Eingreifen des Schweizer Fluglotsen gewartet hatten, versuchten sie anzurufen – doch war dort laut «Spiegel» besetzt.
Auch menschliches Versagen?
Der Schweizer Aviatik-Experte Sepp Moser vermutet trotz der technischen Probleme auch ein Versagen beim Fluglotsen. «Es sieht je länger desto mehr danach aus, dass der Skyguide-Lotse nicht aufmerksam genug war. Er machte das Richtige, aber er machte es zu spät», erklärte er gegenüber swissinfo.
Erst 44 Sekunden vor dem Unglück hatte der Lotse die Anweisung an den Tupolev-Piloten gegeben, in den Sinkflug zu gehen. Die Besatzung reagierte nicht sofort, also wiederholte er die Anweisung 14 Sekunden später. Die Tupolev-Crew folgte dann der Anordnung.
Fast zeitgleich ging auch die Boeing-Frachtmaschine in den Sinkflug, mit grosser Wahrscheinlichkeit hatte das Kollisions-Warngerät TCAS der Boeing die entsprechende Anweisung gegeben.
Langwierige Kleinstarbeit
Bei der Suche nach den Ursachen der Flugzeug-Katastrophe rechnen Experten erst in der kommenden Woche mit neuen Erkenntnissen. Die Auswertung der Tonbänder der Flugschreiber hat begonnen. Die Ermittler müssen nun ein schwieriges Puzzle zusammensetzen.
Gottesdienst
Baden-Württemberg plant voraussichtlich am nächsten Wochenende eine offizielle Trauerfeier. Mehrere hundert Menschen haben bereits am Samstag einen Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer der Flugzeugkatastrophe gefeiert.
An einer der Hauptabsturzstellen der russischen Unglücksmaschine in Überlingen versammelten sich am Sonntagabend dann nach Polizeinangaben rund 2000 Menschen zu einem ökumenischen Gottesdienst unter freiem Himmel.
Derweil sind die ersten Toten der Flugzeug-Katastrophe am Sonntagabend in ihre Heimat übergeführt worden. In Friedrichshafen startete gegen 22.00 Uhr eine
Sondermaschine mit 33 russischen Opfern des Flugzeugabsturzes.
swissinfo und Agenturen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch