Tag 5 nach der Kollision
Wegen der Flugzeug-Katastrophe über dem Bodensee vom vergangenen Montag hat die Schweizer Flugsicherung Skyguide ihre Kapazität um 20% reduziert.
Die Reduktion der Luftbewegungen gilt für den gesamten von Skyguide kontrollierten Luftraum. Die Massnahme hängt direkt mit der Stress-Situation zusammen nach dem Zusammenprall einer Tupolev mit einer Boeing-Frachtmaschine Anfang Woche. Beim Flugzeug-Unglück kamen 71 Menschen ums Leben – zum grössten Teil Kinder aus Russland.
Die Fluglotsen stünden seit der Kollision unter besonderem Stress, erklärte Skyguide-Stabschef Felix Hitz am Samstag. Mit der Massnahme sollen sie entlastet werden. Deren Dauer ist zur Zeit nicht festgelegt. Für den Flughafen Zürich hat die Massnahme Auswirkungen auf die Pünktlichkeit, wie die Flughafen-Betreiberin Unique mitteilte.
Grosse Mängel bei der Kommunikation und der Technik
Fünf Tage nach der Flugzeugkollision am Bodensee hat der Chef der Schweizer Flugsicherung Skyguide, Alain Rossier, Fehler bei der Kommunikation eingeräumt. Man habe aber nie die Absicht gehabt, irgendetwas zu beschönigen, erklärte er in der Samstagsrundschau von Schweizer Radio DRS.
In der Katastrophen-Nacht hatte der Schweizer Fluglotse mit grossen technischen Problemen zu kämpfen. Neben dem Radarwarngerät war auch die Telefon-Hauptleitung zeitweise abgeschaltet.
Das Radar-Warnsystem gibt bei der gefährlichen Annäherung von zwei Fliegern ein akustisches Signal. Zum Zeitpunkt der Kollision war das System gemäss BFU abgeschaltet. Der Lotse konnte also vom Computer keine Warnung über die Situation am Himmel erhalten.
Auch menschliches Versagen?
Der Schweizer Aviatik-Experte Sepp Moser vermutet trotz der technischen Probleme auch ein Versagen beim Fluglotsen. «Es sieht je länger desto mehr danach aus, dass der Skyguide-Lotse nicht aufmerksam genug war. Er machte das Richtige, aber er machte es zu spät».
Zu spät sei er gewesen, weil er durch die Kommunikations-Probleme abgelenkt gewesen sei. «Er setzte falsche Prioritäten», so Moser gegenüber swissinfo.
Erst 44 Sekunden vor dem Unglück hatte der Lotse die Anweisung an den Tupolew-Piloten gegeben, in den Sinkflug zu gehen. Die Besatzung reagierte nicht sofort, also wiederholte er die Anweisung 14 Sekunden später. Die Tupolew-Crew folgte dann der Anordnung.
Fast zeitgleich ging auch die Boeing-Frachtmaschine in den Sinkflug, mit grosser Wahrscheinlichkeit hatte das Kollisions-Warngerät TCAS der Boeing die entsprechende Anweisung gegeben.
Langwierige Kleinstarbeit
Bei der Suche nach den Ursachen der Flugzeug-Katastrophe rechnen Experten erst in der kommenden Woche mit neuen Erkenntnissen. Die Auswertung der Tonbänder der Flugschreiber hat begonnen, doch bislang konnten die Experten noch nicht sagen, ob die Daten komplett erhalten sind oder wesentliche Teile zerstört wurden. Die Ermittler müssen nun ein schwieriges Puzzle zusammensetzen.
69 der 71 Toten sind in der Zwischenzeit gefunden worden. 15 sind nach Polzeiangaben eindeutig identifiziert. Die Suche nach den zwei noch vermissten Passagieren der russischen Tupolev läuft unvermindert weiter.
Bergungsarbeiten gehen weiter
Unterdessen konnten grosse Wrackteile der zwei Maschinen weggeräumt und zum Flughafen Friedrichshafen gebracht werden; dort sollen sie untersucht werden. Dazu gehört auch das Heckteil des russischen Flugzeugs bei Überlingen-Brachenreute, wo die Hinterbliebenen bei einem Kurzbesuch am Donnerstag Blumen und Kränze niedergelegt hatten.
Die Arbeiten verzögern sich wegen der schlechten Witterung bis Sonntag oder Montag. Einige der Teile sind für den Strassentransport zu gross und müssen deshalb vor Ort in kleinere Teile zerlegt werden.
An der Unglücksstelle will die Stadt Überlingen am Sonntagabend ein Holzkreuz zur Erinnerung an die Opfer errichten. Ferner ist dort ein ökumenischer Feldgottesdienst vorgesehen. Dabei soll auch den Helfern und Helferinnen für ihre schwierige Arbeit gedankt werden.
Die Flugzeugkatastrophe am Bodensee hat bei der Bevölkerung im Absturzgebiet um Überlingen am Bodensee eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Die Menschen haben spontan die Einsatzkräfte mit Essen versorgt oder Übernachtungs-Möglichkeiten angeboten.
Gottesdienst und Schweigemarsch
Mehrere hundert Menschen haben in Owingen (Bodenseekreis) am Samstagabend mit einem Gottesdienst und einem Schweigemarsch der Opfer der Flugzeugkatastrophe gedacht.
Zahlreiche verfolgten die Ansprachen, Lesungen und Gebete vor der Pforte der völlig überfüllten Kirche St.Peter und Paul. An die Messe schloss sich ein Marsch zu einer der Hauptabsturzstellen am Ortsrand der 3000-Einwohnergemeinde an.
Pfarrer Reinhard Schacht sprach den Angehörigen der 71 Menschen, die bei dem Unglück ihre Leben verloren haben, sein tiefes Beileid aus und dankte Gott, «dass wir hier unten am Boden heilgeblieben sind».
swissinfo und Agenturen
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