Vom Last-Minute- zum Sonderangebot
Die Devise "Fort-warm-billig" hat ihre Gültigkeit im Last-Minute-Markt nicht ganz verloren. Immer mehr Passagiere legen aber Wert auf gehobenen Standard.
Klar scheint: Das Ramsch-Image ist überholt. Der Markt ist im Wandel begriffen.
«Die Kunden verlangen immer mehr Hotels gehobenen Standards», sagt Andreas Kindlimann, Distriktmanager von L’tur, nach eigenen Angaben grösster Anbieter von Last-Minute-Reisen in Europa. «Sie kommen schon mit dem Koffer zum Flughafen. Erst dort entscheiden sie dann, wohin es gehen soll.»
Wer sich so verhält, hat die Freiheit, flexibel über Zeit und Geld zu verfügen. «Das sind oft Dinks», sagt Kindlimann – Paare ohne Kinder und mit doppeltem Einkommen (double income, no kids). Diese Gruppe bestehe aus Leuten im Alter zwischen 25 und 35 Jahren.
Allerdings zählt Kindlimann auch eine 81-jährige Frau aus Bern sowie einige Teenager zu den Last-Minuten-Kunden von L’tur.
Destination zweitrangig
Wohin die Kurzentschlossenen reisen, ist sekundär. Im Grunde sind sie wenig wählerisch, wie eine Umfrage unter den grössten Reiseanbietern zeigt. Oft lassen sie sich in allerletzter Minute vom Angebot überraschen. So genannte Trenddestinationen stehen allerdings meistens nicht mehr zur Verfügung, die gehören den Frühbuchern.
«Last-Minute heisst nicht unbedingt Restposten», sagt auch Eve Baumann-Sobotich. «Die Leistungen sind die gleichen wie bei den anderen Angeboten, bloss dass sie noch keine Käufer gefunden haben.»
Die Mediensprecherin von Kuoni Schweiz widerspricht dem alten Image von Last-Minute als etwas Schäbigem, Zweifelhaftem mit unliebsamen Überraschungen.
Kuoni verzichtet dennoch auf den Begriff «Last Minute» und führt statt dessen «Sonderangebote». Dank einem flexibleren Sommerferienplan sind dies zudem weniger als in den vergangenen Jahren.
Einer der Gründe: Die meisten Kunden buchen immer kurzfristiger, nicht mehr drei Monate im Voraus, sondern nur noch zwei bis drei Wochen. Daran konnten selbst Frühbucher-Rabatte nichts ändern.
Rückläufiger Anteil
Auch TUI/Imholz hat als grösster Reiseanbieter Europas den Last-Minute-Anteil verkleinert: Auf etwa 10% des ebenfalls schrumpfenden Gesamtangebots. Mediensprecher Roland Schmid führt dies auf die Einführung «attraktiver Frühbucherrabatte» zurück. Trotzdem rechnet er mit einem Umsatzplus.
«Vom Last-Minute-Geschäft können wir nicht leben», sagt Schmid zwar. Leere Plätze in Flugzeugen und Hotels seien aber noch schlechter. Die Preisnachlässe für Spätentschlossene liegen zwischen 5 und 20% – bei gleicher Qualität, betont er.
«Das ist wie an der Börse», sagt Hans-Peter Nehmer, Kommunikationschef der Hotelplan-Gruppe, über die Preisschwankungen bei Last-Minute-Angeboten. «Bei Überkapazitäten können wir die Nachfrage mit schneller Anpassung stimulieren.» Die 10 bis 15% Last-Minute-Anteil am Gesamtvolumen seien fester Bestandteil des Geschäfts.
Konkurrenz First-Minute
Allerdings ist auch bei Hotelplan in den vergangenen Jahren der Anteil der Spätentschlossenen gesunken – laut Nehmer diesen Sommer um etwa 40%. Dies sei die Folge der «First-Minute-Rabatte», ist er überzeugt. Die Vergünstigungen für Frühbucher hätten das Verhalten der Kunden beeinflusst.
swissinfo und Thomas Paul, sda
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch