WEF: Timeout oder ganz out?
Nach New York 2002 ist eine spätere Rückkehr des WEF nach Davos nicht selbstverständlich. Will die Schweiz das prestigeträchtige Forum wieder zurück haben, muss sie sich sputen.
Das World Economic Forum (WEF) 2002 soll Symbolcharakter haben, deshalb wird es Davos, dem Dorf im Kanton Graubünden, untreu. Mit «Davos in New York» will das World Economic Forum (WEF) ein Zeichen setzen. «Die stärkste Botschaft gegen den Terrorismus ist die Durchführung des WEF vor Ort in New York», ist WEF-Direktor André Schneider überzeugt.
Kurz nach dem 11. September sei klar gewesen, dass das WEF in New York stattfinden solle – seit Mittwoch und nach den Bürgermeister-Wahlen in der Grossstadt ist es nun offiziell bekannt.
Bündner Behörden erleichtert
Die Sicherheit für das WEF 2002 wäre in Davos nicht gewährleistet gewesen, musste der Bündner Volkswirtschaftsdirektor Klaus Huber zugeben. Gleichzeitig bedauert er jedoch das Timeout. Trotzdem sei es eine «win-win-Situation». Die Bünder Regierung stehe weiterhin hinter dem Wirtschaftsforum.
Dank der Verschnaufpause können nun die Vorbereitungsarbeiten für das WEF 2003 in Angriff genommen werden. Bereits am Donnerstag trifft sich Justizministerin Ruth Metzler mit den kantonalen Polizeidirektoren, um Sicherheitsfragen rund um das WEF zu diskutieren.
Zwar hatten auch für das Jahr 2002 fast alle Kantone bereits ihre Hilfe zugesichert. Doch sei eine grosse Zurückhaltung zu spüren gewesen, sagte Huber. Er begründet die Zurückhaltung mit der Expo.02 und mit einem allgemein erhöhten Sicherheitsbedürfnis.
A propos Sicherheitsbedürfnis: Kann New York die Sicherheit der hochkarätigen Teilnehmenden des WEF gewährleisten? Ja, ist WEF-Direktor Schneider überzeugt, da die Organisation des Anlasses an einem Ort zentral organisiert werde.
Doch ein Davos ohne WEF heisst leere Zimmer vor allem in Nobelhotels. Der wirtschaftliche Verlust für den Ort im Landwassertal ist hoch, jedoch noch nicht bezifferbar. Laut Davos Tourismus fallen kurzfristig 20’000 bis 30’000 Übernachtungen weg. Weniger besorgt zeigt sich das Gewerbe. Dies habe teilweise unter dem WEF gelitten, erklärte der Präsident des Davoser Handels- und Gewerbevereins.
Eine längerfristige Verlegung des WEF ins Ausland dementiert WEF-Direktor André Schneider. «Ich möchte es ganz klar betonen: Dies ist keine Abkehr von Davos.» 2003 soll also der Geist in seine Heimat zurückkehren, da, wo er vor gut 30 Jahren Leben eingehaucht erhielt.
Glaubhafte Bekenntnisse für Davos 2003?
Doch die Skepsis ist weitherum gross. Noch vor wenigen Wochen hatte WEF-Gründer Klaus Schwab bekräftigt, dass eine Verlegung des WEF nach Kanada oder Österreich kein Thema sei. (Der renommierte Wintersportort Whistler Mountain in Kanada hat Interesse am WEF, früher hat dies schon Salzburg bekundet.) Schwab erklärte damals in Davos, das WEF finde da oder überhaupt nicht statt.
Keine Wunder überwiegt die Skepsis. Eine Rückkehr wird zwar versprochen, und auch der Bundesrat will alles daran setzen. Doch so kurzfristig ein «Umzug» nach New York möglich ist, so kurzfristig ist längerfristig auch eine Abkehr von Davos möglich.
Findet der «Geist von Davos» seinen Weg nicht mehr zurück in die Schweiz, so hätte die Schweiz die Gelegenheit verpasst, ist Alessandro Delprete, Mediensprecher von Präsenz Schweiz, überzeugt, «sich ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit zu rücken».
Hunderte von Journalisten belagerten jeweils Davos – das sei Werbung. Zudem habe die offizielle Schweiz die Chance, mit internationalen Akteuren wichtige Kontakte zu pflegen, und das sei eine einmalige Gelegenheit.
Finde das WEF hingegen nächstes Jahr wieder in Davos statt, so könne der Schaden für die Schweiz in Grenzen gehalten werden, so Delprete gegenüber swissinfo. Aber dafür müsse die Schweiz nun gute Voraussetzungen schaffen. Kehrt es nicht zurück, sei es weniger ein Imageschaden für die Schweiz als vielmehr eine verpasste Chance.
Inhaltliche Kritik bleibt bestehen
Wenig Trauer um den Verlust des WEF verspüren dessen Gegner und Gegnerinnen. Die inhaltliche Kritik bleibe bestehen, teilen die Organisatoren der Gegenveranstaltung «Public Eye» mit. Und die Veranstaltung in Davos werde abgesagt und ebenfalls nach New York verlegt – vielleicht.
Gleichzeitig kritisieren sie die Wahl des neuen Standortes: Gerade für muslimische Teilnehmer sei die Reise nach New York schwierig. Eine entsprechende Frage beantwortete in Bern WEF-Direktor Schneider knapp und klar: Den Teilnehmenden sei erklärt worden, die Gründe für New York überwögen.
Rebecca Vermot
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