«Wir wollen keine Bittsteller sein»
Zwei Wochen nach dem Unglück im Gotthard-Tunnel hat die Tessiner Regierung den möglichen Schaden für Wirtschaft und Tourismus quantifiziert.
Auf 150 Mio. Franken schätzt das Tessiner Wirtschaftsinstitut IRE den gesamt-wirtschaftlichen Schaden, wenn der Gotthard-Strassentunnel für sechs Monate geschlossen bleiben sollte. Industrie, Tourismus und Transportunternehmen seien die Haupt-Leidtragenden der Tunnelsperrung, erklärte die Tessiner Finanz- und Wirtschaftsdirektorin Marina Masoni vor den Medien.
Allerdings konnte sie nicht im Detail ausführen, wie dieser Betrag errechnet wurde. Beim Tourismus wird von einer Einbusse von 30 Prozent bei den Übernachtungen ausgegangen, wobei der Winter für die Tessiner Tourismusbranche eine Niedrigsaison ist. Für viele Firmen ist es jetzt wichtig, so schnell wie möglich zu wissen, wann der Tunnel wieder für den Güterverkehr befahrbar sein wird.
Finanzielle Hilfe
Die Kantonsregierung hat ein Massnahmenpaket vorgelegt, das zur Unterstützung der Tessiner Wirtschaft bis zur vollständigen Wiedereröffnung des Tunnels dient. Die Kosten belaufen sich auf bis zu 50 Mio. Franken. Die Tessiner Kantonalbank richtet einen Fonds in Höhe von 30 Mio. Franken ein, der in Schwierigkeiten geratenen Unternehmen Überbrückungskredite gewährt.
Der Verkehrsverein erhält Sondermittel für eine Marketing-Kampagne für den Wintertourismus. Ausserdem werden die Sanierungszuschüsse für die Seilbahnen in Airolo und am Monte Lema vorgezogen, um einen Konkurs der Betreiber-Gesellschaften zu verhindern. Eine weitere Marketing-Kampagne zielt auf Unternehmen in der deutschen Schweiz, um zu verhindern, dass Bestellungen im Tessin storniert werden.
Kein Ruf nach Bundeshilfe
Ein Ruf nach Bundeshilfe erfolgte gestern nicht. «Wir wollen keine Bittsteller in Bern sein», sagte Regierungspräsident Luigi Pedrazzini. Die einzige Ausnahme bilden die Kosten für die Winteröffnung der Gotthard-Passstrasse (siehe Link).
Die Kantone Tessin und Uri wollen allerdings so schnell wie möglich mit Verkehrsminister Moritz Leuenberger zusammentreffen, um über die Zeit nach der Wiedereröffnung zu diskutieren. Mehr Sicherheit und eine Risikominimierung seien notwendig. Kontingentierung und Dosierung der Verkehrsströme sowie Einbahnverkehr dürften auch für den Gotthard-Strassentunnel kein Tabu sein. Zudem müsse diskutiert werden, wie zusätzliche Kontrollen des Schwerverkehrs durchgeführt und finanziert werden können.
«Für uns ist klar, dass es eine einfache Rückkehr zum Zustand vor dem Unfall nicht geben kann», sagte Borradori. Er hofft, dass der Tunnel schon zu Weihnachten wieder für Personenwagen befahrbar sein wird. Ab Frühjahr 2002 sollen auch Lastwagen wieder durch die Röhre fahren können. Der Einbau einer neuen Ventilationsanlage sowie zusätzliche Löschapparate erklären diese Verzögerung.
Gerhard Lob, Locarno
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