Wirtschafts-Spitzenverband erinnert Unternehmer an soziale Verantwortung
In einem ungewöhnlichen Appell hat der Vorort am Donnerstag (2.12.) die Unternehmer an ihre soziale Verantwortung erinnert. Der Spitzenverband der Wirtschaft verlangt ‚soziales Augenmass‘ als unabdingbares Korrelat zur Liberalisierung.
In einem ungewöhnlichen Appell hat der Vorort am Donnerstag (2.12.) die Unternehmer an ihre soziale Verantwortung bei Restrukturierungen erinnert. Der Spitzenverband der Wirtschaft verlangt in seinem jüngsten Konjunkturbericht ’soziales Augenmass‘ als unabdingbares Korrelat zur Forderung nach mehr Freiräumen für die Wirtschaft.
Pflegte der Schweizerische Handels- und Industrieverein (Vorort) in seinem vierteljährlichen Wirtschaftslagebericht bisher jeweils die Forderung nach günstigen staatlichen Rahmenbedingungen zu wiederholen, so enthält der für Donnerstag frei gegebene Bericht ungewöhnliche Töne. In offensichtlicher Reaktion auf die Adtranz-Produktionsschliessung und andere einschneidende Restrukturierungen der letzten Wochen heisst es wörtlich: ‚Wenn die Wirtschaft im Interesse einer dynamischen Innovations- und Investitionstätigkeit für grosse Freiräume plädiert, so setzt dies voraus, dass sie bei unerlässlichen Anpassungs- und Umstrukturierungsprozessen soziales Augenmass zeigt. Nur wenn die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind, kann die Wirtschaft erwarten, dass Märkte und Wettbewerb als zentrales gesellschaftspolitisches Ordnungsprinzip anerkannt werden. Denn es ist letztlich der Souverän, der über die Qualität der Rahmenbedingungen am Standort Schweiz entscheidet.‘
Der Appell an die eigenen Reihen ist mit einem Katalog von wirtschaftspolitischen Forderungen des Vororts verbunden. Voraussehbarkeit und Verlässlichkeit der Wirtschaftspolitik seien die Voraussetzungen, um ein stabiles Fundament für ein solides Wachstum und mehr Beschäftigung zu legen. Der Nationalbank rät der Spitzenverband von Handel und Industrie eine ‚Geldpolitik der ruhigen Hand‘, die sich an der Preisstabilität orientiere, aber den Aufschwung nicht zu früh abwürge. Trotz des jüngsten Anstiegs der Teuerungsrate auf über ein Prozent sieht der Vorort keine akute Inflationsgefahr.
In der Finanzpolitik rät der Vorort zu einem konsequenten Konsolidierungskurs. Neben den quantitativen Zielen sei rasch auch eine qualitative Konsolidierung in Form eines modernen, wettbewerbsfähigen Steuersystems nötig. Nicht in dieses Konzept passten die Beschlüsse des Parlaments zur Energiebesteuerung. Mit den vorgesehenen Subventionsmechanismen würden nicht nur neue Wettbewerbsverzerrungen geschaffen, sondern auch die Steuer- und Abgabequote weiter erhöht.
Weitere Forderungen des Vororts betreffen die Sozialpolitik sowie das Bildungs- und Forschungssystem. Die soziale Sicherung habe subsidiär hinter dem anzusetzen, was eigenverantwortliche Menschen selbst unternehmen könnten, um die langfristige Finanzierung auch unter angemessener Berücksichtigung der Interessen der jungen Menschen sicherzustellen. Schliesslich gelte es endlich konkrete Schritte zur Verbesserung des regulatorischen Umfelds für die Unternehmen im Allgemeinen und die KMU im Besonderen zu tun.
Konjunkturelle Zuversicht
Das internationale Umfeld, die Stimmung der Konsumenten und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen schaffen im Urteil des Vororts günstige Voraussetzungen für eine weitere Besserung der Wirtschaftslage im nächsten Jahr. Es könne ein reales Wirtschaftswachstum von 1,8 bis 2,2 Prozent bei einer mittleren Teuerung von 1,25 Prozent erwartet werden. Die Exporte sollten von der Belebung der Weltwirtschaft profitieren können. Bei leicht zunehmenden Einkommen dürfte auch der Konsum an Schwunggewinnen, auch wenn nicht alle Konsumgütergruppen gleich auf die Konjunktur reagierten.
Auch Vorstand der Wirtschaftsförderung für Fusion mit Vorort
Der Vorstand der Gesellschaft zur Förderung der schweizerischen Wirtschaft (wf) hat am Mittwoch der Bildung eines neuen Wirtschaftsdachverbandes durch Fusion mit dem Schweizerischen Handels- und Industrie-Verein (Vorort) zugestimmt. Die
Schweizerische Handelskammer, der erweiterte Vorort-Vorstand, hatte dem Schritt, wie bereits berichtet, schon am vergangenen Montag zugestimmt. Die Zusammenlegung der beiden Verbände muss gemäss wf-Mitteilung noch von den wf Mitgliedern und den Vorort-Delegierten gutgeheissen werden; dies gilt als Formalität. Der neue Verband soll im Herbst nächsten Jahres realisiert sein.
SRI und Agenturen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch