The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Nachhaltiges Soja: Zusammenarbeit zum Schutz des Amazonas unter Kartellverdacht

Ein Sojafeld steht neben einem Fragment des Amazonas-Regenwaldes, fotografiert aus der Luft
Ein Sojafeld neben dem Amazonas-Regenwald in der Region Cipoal Brasilien (2019). Copyright 2019 The Associated Press. All Rights Reserved.

Eigentlich hatten sich Rohstoffunternehmen zusammengeschlossen, um in Brasilien Soja aus nicht abgeholzten Flächen zu beziehen. Nun stehen sie unter Kartellverdacht. Und wegen mächtiger Agrarlobbys drohen sie auch noch ihre Steuervergünstigungen zu verlieren.

Die brasilianische Wettbewerbsbehörde Cade (Conselho Administrativo de Defesa Econômica) macht ernst. Sie nimmt diverse Unternehmen ins Visier – Firmen, die Prothesen, Gas-Wassererhitzer, Stromzähler und Zement verkaufen.

Und sogar Technologiegiganten wie Apple und Meta gerieten neulich wegen wettbewerbswidriger Praktiken in die Kritik der Cade. Zu den mutmasslichen Tätern, gegen welche die Behörde vorgeht, gehören auch «wohltätige» Rohstoffriesen, die das Amazonas-Soja-Moratorium unterzeichnet haben.

Das Moratorium gilt seit 2008 und ist eine Verpflichtung, kein Soja aus dem Amazonasgebiet zu beziehen. Dies, nachdem Greenpeace 2006 in einer Kampagne einen Zusammenhang zwischen Sojaanbau und Abholzung hergestellt hatte.

Die Schweiz ist der europäische Handelsknotenpunkt der grössten Rohstoffkonzerne wie Cargill, ADM, Bunge, Louis Dreyfus Company und Cofco, die das Soja-Moratorium unterzeichnet haben.

Laut Greenpeace hat das Moratorium den Anteil des neuen Sojaanbaus in abgeholzten Gebieten von 30% vor dem Abkommen auf 4% im Juli 2025 gesenkt. Und das, obwohl Brasilien seine Sojaproduktion in diesem Zeitraum verdreifacht hat.

Angesichts dieser Ergebnisse bezeichnet Greenpeace das Amazonas-Soja-Moratorium als «die weltweit erfolgreichste Zero-Deforestation-Politik».

Externer Inhalt

Dieses Moratorium gerät nun jedoch unter Druck. Denn im vergangenen Jahr hat der Ausschuss für Landwirtschaft, Viehzucht, Versorgung und ländliche Entwicklung (Capadr) des brasilianischen Unterhauses eine Beschwerde eingereicht.

Daraufhin hat die brasilianische Wettbewerbsbehörde Cade Ermittlungen gegen Rohstoffunternehmen aufgenommen. Der ehemalige Vorsitzende des Ausschusses, Rodolfo Nogueira, ist selbst Viehzüchter.

Nogueira und die drei anderen Mitglieder des Capadr sind alle Befürworter:innen der Agrarindustrie und gehören dem Agrarblock an, der die Expansion der Landwirtschaft befürwortet.

Dass konkurrierende Unternehmen zusammenarbeiten, um die Bedingungen für den Kauf von Soja in Brasilien festzulegen, ist laut Cade wettbewerbswidrig und schädlich für die Sojaexporte des Landes.

2020 exportierte Brasilien fast 83 Millionen Tonnen Soja. 2024 beliefen sich die Exporte auf rund 98,8 Millionen Tonnen, was hauptsächlich auf die Nachfrage aus China zurückzuführen war.

Externer Inhalt

Im August 2025 erliess die Kartellbehörde Cade eine einstweilige Verfügung gegen die Soja-ArbeitsgruppeExterner Link, einer Gruppe von Unternehmen, Verbänden, Organisationen und Regierungsinstitutionen, die das Moratorium überwacht.

Die einstweilige Verfügung verlangte, alle Audits zur Soja-Beschaffung zu stoppen, die Veröffentlichung von Berichten einzustellen und alle Dokumente zum Soja-Moratorium von der Website zu entfernen.

Gegen die Verfügung wurde Berufung eingelegt, und der Oberste Gerichtshof Brasiliens hat eine Aussetzung gewährt, während er die Anschuldigungen gegen die Rohstoffunternehmen prüft.

«Derzeit ist das Verwaltungsverfahren der Cade aufgrund eines Entscheids des brasilianischen Obersten Bundesgerichts (STF) ausgesetzt. Dieses wird letztendlich festlegen, ob die Massnahmen im Rahmen des Soja-Moratoriums gegen das Kartellrecht verstossen», sagte Débora Alvares, Sprecherin der Cade.

Wenn es Cade gelingt, den Obersten Gerichtshof Brasiliens zu überzeugen, werden Rohstoffunternehmen nicht mehr zusammenarbeiten können, um die Abholzung grösserer Landstücke zu verhindern.

Jedes Unternehmen wird darauf beschränkt sein, die Abholzung in seiner eigenen Soja-Lieferkette zu verhindern. Dies könnte den Aufwand verdoppeln und dazu führen, dass nur noch ein viel kleineres Gebiet abgedeckt wird.

Umweltlobbygruppen wie Greenpeace behaupten: Wenn man Kartellvorschriften gegen Rohstoffunternehmen so anwendet, könnte das die Fortschritte bei der Reduzierung der landwirtschaftlich bedingten Abholzung des Amazonasgebiets gefährden.

«Greenpeace warnt davor, dass die verschiedenen Angriffe gegen das Soja-Moratorium die Erfolge gefährden, die mit dieser Vereinbarung in fast zwei Jahrzehnten erzielt wurden. Ehrgeizige freiwillige Umweltverpflichtungen wie das Moratorium haben sich als wesentliche Ergänzung zu öffentlichen Massnahmen zur Verhinderung der Abholzung erwiesen», sagt Lis Cunha, Kampagnenleiterin bei Greenpeace International.

Mehr

Sojaproduzierende beklagen Überregulierung

Zu den Kritiker:innen des Soja-Moratoriums gehört der einflussreiche brasilianische Verband der Sojaproduzenten (Aprosoja Brasil), eine Lobbyorganisation, die 16 Landesverbände aus den wichtigsten Sojaanbaugebieten Brasiliens vertritt.

Aprosoja Brasil argumentiert, dass das Soja-Moratorium eine vorübergehende Massnahme zum Schutz der brasilianischen Wälder war, da ein spezifisches Gesetz gegen die Abholzung fehlte.

Nach Ansicht des Branchenverbands hätte die Einführung des Waldschutzgesetzes im Jahr 2012 das Ende des Moratoriums bedeuten müssen. Das Waldschutzgesetz verpflichtet Landwirtinnen und Landwirte in Waldgebieten, auf 80% ihrer Fläche die natürliche Vegetation zu erhalten.

«Das Soja-Moratorium hat seine ursprüngliche Daseinsberechtigung verloren. Fast 20 Jahre später besteht es dank der institutionellen Unterstützung des Umweltministeriums, das es nach Belieben einsetzt», schreibt Pedro Lupion, Bundesabgeordneter und Präsident der Parlamentarischen Agrarfront (FPA), auf der Website von AprosojaExterner Link.

Der Landesverband von Aprosoja im westlichen Bundesstaat Mato Grosso, wo Soja die Hälfte des Bruttoinland-Produkts (BIP) ausmacht, hatte 2024 ebenfalls eine Beschwerde gegen das Soja-Moratorium bei der Cade eingereicht.

Der Beschwerde zufolge hatte das Moratorium den Bundesstaat Mato Grosso Einnahmen in Höhe von rund 20 Milliarden Reais (etwa drei 3 Milliarden Schweizer Franken) gekostet.

Externer Inhalt

Steuervorteile in Gefahr

Der Bundesstaat Mato Grosso startete eine weitere Offensive gegen die Bemühungen von Rohstoffunternehmen, nachhaltig angebautes Soja aus Brasilien zu beziehen. Im Jahr 2024 verabschiedete die Legislative des Bundesstaats ein neues Gesetz. Dieses entzieht Unternehmen Steuervorteile, wenn sie sich an freiwilligen Umweltvereinbarungen beteiligen, die über die nationale Gesetzgebung wie das Amazonas-Soja-Moratorium hinausgehen.

Politiker:innen und Sojaproduzierende argumentierten, dass die Sojabäuer:innen zwar die brasilianischen Umweltgesetze einhielten, aber dennoch durch private, vom Ausland beeinflusste Standards unfair bestraft würden.

Der Mato-Grosso-Zweig von Aprosoja schätzt, dass Soja von 4000 Landwirtschaftsbetrieben von Rohstoffunternehmen ausgeschlossen wurde, also von 3,5% aller Farmen im Bundesstaat, die das Soja-Moratorium unterzeichnet hatten.

Schätzungen zufolge erhielten diese Rohstoffhändler zwischen 2019 und 2024 Steuervergünstigungen in Höhe von etwa 4,7 Milliarden Reais (695 Millionen Schweizer Franken). Am meisten profitierten ADM und Bunge mit jeweils rund 1,5 Milliarden Reais (222 Millionen Schweizer Franken).

Das neue Gesetz gilt ab 2026 und hat die Rohstoffunternehmen erfolgreich abgeschreckt. Der brasilianische Verband der Pflanzenölindustrie, bekannt als Abiove, gab im Dezember 2025 bekannt, dass er sich aus dem Soja-Moratorium zurückziehen werde. Zu den Mitgliedern von Abiove gehören die Rohstoffkonzerne Cargill, ADM, Bunge, Louis Dreyfus Company und Cofco International.

Laut Greenpeace basierte der Entscheid von Abiove eher auf politischen und wirtschaftlichen Anreizen als auf einer rechtlichen Verpflichtung. «Dies war ein geschäftlicher Entscheid, keine rechtliche Notwendigkeit. Abiove und seine Mitglieder müssen die Verantwortung für die ökologischen und reputationsbezogenen Folgen dieses Entscheids tragen», sagt Lis Cunha von Greenpeace.

Abiove betonte: Auch wenn man sich als Verband aus dem Soja-Moratorium zurückziehe, anerkenne der Oberste Gerichtshof Brasiliens die freiwillige Vereinbarung weiterhin als rechtmässig.

Zusammen mit dem Waldschutzgesetz und der Resolution des Nationalen Umweltrats (Conama) vom September 2025 – sie legt die Grundregeln für die Rodung der natürlichen Vegetation im ländlichen Brasilien fest – wird brasilianisches Soja weiterhin seine hohen sozio-ökologischen Standards beibehalten.

«Das Erbe der fast 20-jährigen Überwachung und Expertise geht nicht verloren. Die [Verbandsmitglieder werden die] strengen Anforderungen der globalen Märkte individuell erfüllen, während sie sich gleichzeitig auf die brasilianischen Behörden verlassen, dass sie einen neuen regulatorischen Rahmen vollständig umsetzen», heisst es in der Erklärung von Abiove.

Dominoeffekt?

Die Kombination aus Kartelluntersuchung und Abschaffung von Steuervorteilen könnte auch eine weitere Initiative für nachhaltige Sojabeschaffung von Abiove gefährden. Sie wird in der Schweiz vom World Business Council for Sustainable Development (Wbcsd) mit Sitz in Genf betreut.

Das Soft Commodities Forum (SCF) besteht aus den Agrarhändlern Cargill, ADM, Bunge, Louis Dreyfus Company und Cofco International und ist ein Pilotprojekt zur Beschaffung von Soja ohne Abholzung im Cerrado.

Der Cerrado ist eine tropische Savanne, die etwas mehr als 20% der Landfläche Brasiliens einnimmt. In Südamerika ist es nach dem Amazonas das zweitgrösste Biom, also grosse Ökosystem.

Die Cerrado-Region liefert auch die Hälft des gesamten in Brasilien angebauten Sojas. Das SCF startete 2018 als Pilotprojekt, um Soja aus 25 Gemeinden im Cerrado-Biom zurückzuverfolgen.

Die Bilanz der Zusammenarbeit bis Ende 2025: Die Rückverfolgbarkeit konnte gesteigert werden, nämlich auf 93% bis 99% des Sojas, das die SCF-Mitlgieder aus dem Cerrado bezogen. Das entspricht der Überwachung von über 200 Millionen Hektar.

Mehr
soy field

Mehr

Rohstofffirmen bemühen sich um mehr Kontrolle

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Soja vs. ökologisches Gleichgewicht: In Brasilien testen Schweizer Rohstoffhändler neue Wege zur Rückverfolgbarkeit aus.

Mehr Rohstofffirmen bemühen sich um mehr Kontrolle

Laut Matt Inbusch, Senior Manager beim SCF, geht es bei der Partnerschaft darum, dass sich die fünf Rohstoffkonzerne auf eine gemeinsame Methodik einigen, um über Abholzung und Landnutzungsänderungen zu berichten.

«Die Mitgliedschaft im SCF bedeutet keine kollektiven Beschaffungsvereinbarungen oder Einschränkungen», sagt Inbusch.

Zwar hat Cade das SCF noch nicht im Visier, schliesst aber eine Kartelluntersuchung in der Zukunft nicht aus.

«Bislang hat Cade noch nicht endgültig entschieden, ob die Angleichung von Transparenzstandards und -kennzahlen zwischen Unternehmen, wie sie beispielsweise im Soft Commodities Forum durchgeführt wird, als Verstoss gegen das Kartellrecht definiert werden kann oder nicht», sagt Débora Alvares, Sprecherin von Cade.

Jede Bewertung hänge davon ab, wie sich das Verhalten präsentiert und möglicherweise auf den Wettbewerb auswirkt.

Editiert von Virginie Mangin/ts, Übertragung aus dem Englischen: Aleksandra Hiltmann/raf

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft