In Kanada findet der Morgestraich am Abend statt
Vor 50 Jahren gründeten Auslandschweizer:innen in Toronto nach Basler Vorbild die Fasnachts-Gugge Canadysli. Der Morgestraich kommt heute per Livestream, getrommelt aber wird vor Ort.
Sie demonstriert den Kantönligeist der Schweiz in seiner buntesten Form – zumindest für jene, die vor dem närrischen Treiben nicht das Weite suchen: die fünfte Jahreszeit, wie die Fasnacht im deutschsprachigen Raum gerne genannt wird. Selten wird so viel Herzblut investiert wie an jenen Tagen, an denen die Fasnächtler:innen ihre Traditionen zelebrieren, wobei die Bräuche jenseits der Kantonsgrenze bestenfalls ein wohlwollendes Lächeln ernten.
Besonders stolz auf ihre «drey scheenschte Dääg» sind die Bewohner:innen von Basel-Stadt, und das nicht erst seit die Basler Fasnacht 2017 zum Unesco-Kulturerbe erklärt wurde. Der Stolz reicht so weit, dass die Tradition 6400 Kilometer westlich einen Ableger gefunden hat.
Basler Weckruf in Toronto
1976 schloss sich in Toronto, Kanada, eine Gruppe Auslandschweizer:innen zur Gugge Canadysli zusammen. Nach Basler Vorbild organisierte die Truppe im Stadtteil Yorkville einen Morgestraich, der traditionell um 4 Uhr die Fasnacht einläutet.
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Die frühe Stunde wurde in Toronto zunächst beibehalten, die Lautstärke heruntergefahren. «Ich erinnere mich, wie meine Eltern mich früh am Morgen mitgenommen haben. Die Trommeln wurden etwas abgedämpft, die Piccoloflöten feiner geblasen», erzählt Philippe Moser, Präsident des Swiss Club Toronto und Leiter von Canadysli.
«Das war lange für alle in Ordnung, bis es das nicht mehr war.» Seit rund 30 Jahren erhält die Gruppe keine Bewilligung mehr für den frühmorgendlichen Umzug. Man munkelt, der falsche städtische Beamte sei in einem verhängnisvollen Jahr von den Schweizern aus dem Schlaf gerissen worden. Im Jahr darauf blieb die Bewilligung aus. «Ob es wirklich so passiert ist, weiss ich nicht. Ich war damals viel zu jung», sagt Moser und lacht.
Als sie noch in den Gassen unterwegs waren: der Morgestraich von Canadysli im Jahr 1981:
Anpassung als Überlebensstrategie
Ohne Bewilligung musste sich die Gruppe neu organisieren. Zunächst verlegten sie den Morgestraich in eine Bar, wo sie jährlich den Fasnachtsbeginn feierten. Doch als der Besitzer vor zwölf Jahren verstarb und die Bar geschlossen wurde, musste eine neue Lösung her. «Leider gibt es immer weniger Orte, die die Regeln etwas biegen», sagt Moser.
Der Morgestraich ist für die Mitglieder von Canadysli noch immer ein zentraler Termin im Kalender. Sie praktizieren ihn jedoch nicht mehr selbst, stattdessen verfolgen sie die Basler Originalversion im Livestream.
Canadysli hat sich den Gegebenheiten angepasst. Statt um punkt 4 Uhr fallen die emotionalen Worte «Vorwärts, Marsch» nun am späten Nachmittag, und die ersten Fasnachtsklänge ertönen nicht unter freiem Himmel, sondern in einer Halle.
Internationales Ensemble
Flexibilität gehört für die kanadische Basler-Gugge auch sonst dazu. «Wir schauen jedes Jahr aufs Neue, welche Instrumente wir zur Verfügung haben und welche Lieder wir mit ihnen spielen können», sagt Moser. Dieses Jahr sind die Saxofone mit fünf Spieler:innen besonders stark vertreten, entsprechend tragen sie die Melodie der Stücke. «Wir passen die Lieder unseren Voraussetzungen an.»
Obwohl Abweichungen vom Original aufgrund der Umstände unumgänglich sind, steht für Moser fest: Man will so nahe wie möglich am Basler Original bleiben. So sind die in Toronto verwendeten Trommeln nicht etwa kanadischen Ursprungs, sie stammen alle aus der Stadt am Rheinknie.
Derzeit zählt Canadysli rund 20 Mitglieder, die Jüngsten sind zwei bis drei Jahre alt, die Ältesten in ihren 80igern. «Die meisten sind Mitte Vierzig mit kleinen Kindern. Familien, die zusammenkommen, um Musik zu machen und eine gute Zeit zu haben.»
Die Gruppe ist Teil des Swiss Club Toronto. Auslandschweizer:innen bilden ihren Kern, eine Schweizer Herkunft ist aber für eine Mitgliedschaft keine Voraussetzung: «Die Gugge ist für alle offen, wir haben Mitglieder aus Belgien, Taiwan, oder Trinidad und Tobago.»
Ein halbes Jahrhundert Canadysli
Morgen Abend, am Samstag vor Fasnachtsbeginn in Basel, steht der Höhepunkt des Canadysli-Jahres an. Ähnlich wie bei manchen Vorfasnachtsveranstaltungen in der Schweiz wird zum Nachtessen eingeladenExterner Link – begleitet von der Gugge Canadysli, die Lieder von Polo Hofer bis Taylor Swift zum Besten gibt. «Wir studieren jedes Jahr neue Lieder ein, doch natürlich wollen die Leute auch die Klassiker hören», sagt Moser, der als Tambourmajor den Takt vorgibt.
Der Moment, auf den er sich am meisten freut? «Wenn alles beginnt. Ich sage ‹Vorwärts, Marsch›, dann setzen die Trommeln ein. Das Riff ist seit Tag eins gleich.» Da die Halle nicht besonders gross sei, werde es entsprechend laut.
Klassische Elemente wie Räppli oder eine Art Blaggedde dürfen nicht fehlen. Wer will, kann zu einer Schnitzelbank ansetzen. «Das Ganze ist eine grosse Party mit einem DJ, der echte Musik spielt, Tanz und Tombola», sagt Moser.
Dieses Jahr wird zudem ein Jubiläum gefeiert: Seit 50 Jahren bringen die Auslandschweizer:innen jene kuratierte Kakophonie der Basler Guggen nach Kanada, die selbst in der Schweiz teils die Gemüter spaltet.
Dass eine Tradition ausserhalb der Heimat ein halbes Jahrhundert anhält, ist bemerkenswert. Moser sieht den Grund dafür im Engagement der Mitglieder. «Die ersten Mitglieder, die Canadysli 1976 gegründet haben, waren bis zu ihrem Tod dabei.»
«Einige kamen direkt vom Spital an die Feier und checkten nach dem Spielen wieder dort ein.» Diese Hingabe habe die anderen Mitglieder angesteckt. Moser, selbst seit 22 Jahren aktiv bei Canadysli, ist überzeugt: «Wer einmal dabei ist, geht nicht wieder weg.»
Lesen Sie dazu unsere Reportage vom letzten Jahr – unterwegs an der Basler Fasnacht mit einer Gruppe Auslandschweizer:innen:
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Mit Auslandschweizer:innen an der Basler Fasnacht: «Wir haben die Hälfte der Gruppe verloren»
Editiert von Marc Leutenegger
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