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Schwache Armee: Warum die Schweiz mit ihrer Verteidigung hadert

Soldaten der Schweizer Armee bei einer Gefechtsübung mit einem Mörser auf dem Waffenplatz in Hinterrhein.
Soldaten der Schweizer Armee bei einer Gefechtsübung mit einem Mörser auf dem Waffenplatz in Hinterrhein. Keystone / Andreas Becker

Die Schweiz wird in Europa zur Sicherheitslücke. Das bringt sie in Erklärungsnot. Doch die Verteidigung hat im Inland keine Priorität. Die Politik verliert sich in Finanzdebatten, während die Bevölkerung mit ihrer Armee fremdelt. Analyse.

Vier Jahre nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine treffen hybride Angriffe nun auch die Schweiz. Zwar hält sich der Bund zurück, die festgestellten Aktivitäten einem Staat zuzuordnen. Armee-Experten haben jedoch keinen Zweifel, dass Russland bereits schwerwiegende Cyberattacken auf die öffentliche Infrastruktur verübt hat.

Seit April 2025 führt die Schweiz Statistik über gemeldete Attacken auf kritische Infrastrukturen: Spitäler, Elektrizitätswerke, Banken. Sie zählt im Schnitt einen Cyberangriff pro Tag. Auch Desinformation ist zu beobachten, aktuell etwa ein Eingriff des Kreml-Sprachrohrs «RT» in den AbstimmungskampfExterner Link über die Finanzierung der SRG.

«Das Herz Europas ist verwundbar»

Im Oktober 2025 sichteten mehrere Personen über dem Zentrum des europäischen Hochspannungsnetzes, dem «Stern von Laufenburg» im Kanton Aargau eine grosse Drohne. Die Öffentlichkeit schenkte dem Vorfall wenig Beachtung, doch Sicherheitskreise sind seither alarmiert.

Das Umspannwerk in Laufenburg ist einer der verwundbarsten Punkte des Landes, er ist aber auch zentral für die Stromversorgung der Schweizer Nachbarländer. «Die Schweiz ist genauso betroffen vom hybriden Krieg Russlands wie der Rest Europas», schreibt die NZZ in einer entsprechenden AnalyseExterner Link. Denn mit ihren Infrastrukturen sei sie die Herzkammer des wirtschaftlich stärksten Teils Europas.

Stromschaltanlage "Stern von Laufenburg": Verwundbares Zentrum Europas.
Stromschaltanlage «Stern von Laufenburg»: Verwundbares Zentrum Europas. Keystone / Gaetan Bally

Gegenüber Swissinfo fügt NZZ-Autor Georg Häsler hinzu: «Wir müssen verstehen, dass es nicht mehr nur um die Schweizer Landesverteidigung geht, sondern um Netzwerkverteidigung.» Häsler sieht die Schweiz deshalb in der Pflicht, ihre kritische Infrastruktur zu schützen, zu der insbesondere der Verkehr und die Energieversorgung gehören – gerade weil Europa darauf angewiesen ist.

Er sagt: «Unsere Neutralität ist für den Rest Europas zum Sicherheitsrisiko geworden. Die Wette der Schweiz, sie könne sich durch Nichtbeteiligung und Wegschauen Sicherheit verschaffen, ist verloren.»

«Neutralität führte in die Isolation»

Marcel Berni, Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich, stellt fest: «Dass die Schweiz die kritische Infrastruktur auf ihrem Boden nicht verteidigen kann, lässt das nahe Ausland konsterniert zurück.» Und auch er spricht von einer Neutralitätskrise. «Die Schweiz macht sich vor, sie sei neutral. Doch weder Russland noch die NATO nehmen sie als neutral wahr.» Inzwischen habe sich die Schweiz mit ihrem isolationistischen Verständnis von Neutralität selbst in die Isolation geführt.

Das zeigt sich mit einem Blick auf die umliegenden Länder. Europas Nationen erhöhen ihre Verteidigungsbudgets. Fünf Prozent der Staatshaushalte soll in die Verteidigung fliessen. Das haben sie untereinander vereinbart, als der Rückzug der USA aus der NATO an Konturen gewann.

Doch die Schweiz gibt aktuell nur 0,7 Prozent ihres BIP für die Armee aus. In sechs Jahren soll es 1 Prozent sein. Verteidigungsminister Martin Pfister muss diese Schweizer Bescheidenheit immer öfter seinen europäischen Amtskollegen erklären, zuletzt an der Münchner SicherheitskonferenzExterner Link. «Es gibt Unverständnis», sagte er danach zu SRF.

Druck von den Nachbarländern

Auf die Frage von Swissinfo, ob er Druck aus Europa verspüre, sagte der Verteidigungsminister an einer Medienkonferenz: «Die Erwartungshaltung in Europa ist gross. Man erwartet, dass sich die Schweiz mindestens verteidigen kann und nicht auf Unterstützung angewiesen ist.» Er fügte hinzu: «Wenn wir neutral sein möchten, ist das auch eine Verpflichtung.»

Pfister will deshalb die Mehrwertsteuer, befristet auf zehn Jahre,um 0,8 Prozentpunkte erhöhen, von 8,1 auf 8,9 Prozent. Über den gesamten Zeitraum würde dies 31 Milliarden Franken in die Bundeskasse spülen. Den Bundesrat konnte der Verteidigungsminister zwar davon überzeugen, doch bereits das Parlament signalisiert keine Bereitschaft. Nur gerade Pfisters eigene Partei, die Mitte, steht hinter seinem Plan.

Noch skeptischer als das Parlament ist die Bevölkerung. In einer repräsentativen UmfrageExterner Link lehnen Anfang Februar 76 Prozent der Befragten eine höhere Mehrwertsteuer ab.

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Auch für jede andere in der Umfrage vorgeschlagene Finanzierungsmöglichkeiten findet sich laut dieser Umfrage keine Mehrheit.

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Das lässt nur einen Schluss zu: Die Schweizer Bevölkerung ist nicht bereit, der Armee zusätzliche Mittel zu geben. In einer direkten Demokratie bedeutet dies, dass die Armee so lange kein Geld erhalten wird, bis eine Mehrheit darin ihren Nutzen anerkennt.

Kopfschütteln bei der Bevölkerung

Woran liegt diese Distanz der Schweizer Bevölkerung zu ihrem Verteidigungsapparat? Es rächen sich die Versäumnisse der Vergangenheit: Eine Drohnenbeschaffung scheiterte. Der Kauf des neuen Kampfjets F-35 geriet ausser Kontrolle. Ein digitales Betriebssystem wird zunehmend zum Murks. Dazu, wo man hinschaut: Mehrkosten und Verzögerungen. Dabei sind das nur die spektakulärsten Unstimmigkeiten, die in der Bevölkerung für Kopfschütteln sorgen.

«Wir sind nicht bereit, einem Departement, das von so vielen Skandalen und Missmanagement geprägt ist, noch mehr Geld zu geben», sagt SP-Spitzenpolitikerin Samira Marti darum auf SRF. Die SP spricht von einer «Vertrauenskrise» des Verteidigungsdepartements. Diese müsse erst gelöst werden, vorher gebe es kein Geld. Denn: «Mehr Geld für diese Armee bedeutet aktuell nicht mehr Sicherheit», so die SP-Nationalrätin.

Ernüchternde Auslegeordnung

Das ist das Dilemma von Verteidigungsminister Martin Pfister: Als er vor knapp einem Jahr Bundesrat wurde, versprach er Transparenz und bessere Kommunikation. Er holte sich den dem Ruf nach härtesten Finanzprüfer ins Boot, um den Beschaffungs-Sumpf trockenzulegen, die Situation zu sortieren und neues Vertrauen zu schaffen.

Seither datiert dieser die Öffentlichkeit im Quartalstakt auf: Über noch mehr schlechte Neuigkeiten, über all die Projekte aus der Vergangenheit, die den Point of no Return überschritten haben und nun teuer abgewickelt oder mit Mehraufwand ins Ziel bugsiert werden müssen. Man suchte Vertrauen und schafft erstmal Ernüchterung.

Misstrauen und Fragezeichen

Zugleich läuft die Zeit davon. Die ohnehin langen Beschaffungszeiten werden zusätzlich gedehnt, weil aktuell alle Länder Waffen wollen und die Schweiz als Einzelgängerin auf dem eng vernetzten Markt keine Priorität geniesst. Das zeigt sich bei dem US-Luftabwehrsystem Patriot. Die Schweiz steht an – trotz einer Anzahlung von 700 Millionen Franken. Die USA geben anderen Ländern den Vorzug. «Wir können siebenmal fragen, aber wenn keine Antwort kommt…», sagte der Programmleiter Luftverteidigung kürzlich vor den Medien.

Für zusätzliche Verunsicherung in der Bevölkerung sorgen die technologischen Umwälzungen, die im Krieg gegen die Ukraine sichtbar werden. Könnte die Schweiz in einem Drohnenkrieg mithalten? Und ist da ein neuer Kampfjet überhaupt sinnvoll? Konventionelle Waffen wie Panzer erscheinen überholt. US-Waffensysteme sorgen für Misstrauen. Bei der Drohnentechnologie steht die Schweizer Armee am Anfang – und bei der Cyberverteidigung konnte sie bisher nicht erklären, wie sie mit zusätzlichen Milliarden einen Unterschied machen könnte. Jede Waffe scheint inzwischen diskutabel.

Wenig Rückhalt in der Zivilbevölkerung: Infanterie-Übung der Schweizer Armee mit französischen Truppen.
Wenig Rückhalt in der Zivilbevölkerung: Infanterie-Übung der Schweizer Armee mit französischen Truppen. Keystone / Cyril Zingaro

All dies verstärkt das Misstrauen und entfremdet die Bevölkerung von der Armee. «Es fehlt das Bewusstsein, dass es unsere Armee ist, die für unsere Sicherheit sorgt», sagt Christian Brändli, Chefredaktor der Allgemeinen Schweizer Militärzeitung. «Zudem fehlt der Öffentlichkeit das Bewusstsein dafür, wie gefährdet wir sind», fährt er fort. Der Armee-Publizist sieht die Aufgabe beim Bundesrat. «Die Regierung müsste klar kommunizieren, wie heikel die Situation ist.»

«Wir brauchen sehr schnell sehr viel Geld»

Ähnlich sieht das Ständerat Werner Salzmann, Sicherheitspolitiker der SVP. Er fordert eine umfassende sicherheitspolitische Lagebeurteilung durch den Bundesrat. Danach müsse die Landesregierung geschlossen hinstehen und der Bevölkerung die Bedrohungslage erklären. Salzmann sieht darin eine elementare Führungsaufgabe der Regierung. «Wenn die Gefahr nicht in den Köpfen der Politiker ist, wie soll sie es dann beim Volk sein?»

Grundsätzlich hält Salzmann die Armee auf ordentlichem Weg für finanzierbar – ohne Zusatzgelder oder Schulden. «Doch die Problematik ist, dass wir jetzt sehr schnell sehr viel Geld brauchen, weil wir dringend bestellen und Vorauszahlungen leisten müssen», sagt er. Deshalb sondierte er in einem PostulatExterner Link nach einer Sonderfinanzierung, einer Wehranleihe – und staunte, dass der Bundesrat in seiner Antwort darauf mit der «angespannten Lage des Bundeshaushalts» argumentierte, als ob es normale Zeiten wären.

«Wir lähmen uns selbst»

Ständerätin Marianne Binder-Keller fordert für diesen Zweck einen FondsExterner Link. Dadurch müsste der Bund seine strenge Schuldenbremse anpassen. Sie spricht von einem «Angriffskrieg Russlands in Europa» und sieht darin eine ausserordentliche Lage, die eine solche Finanzierung rechtfertigen würde. «Momentan beurteilen die Finanzpolitiker und nicht die Sicherheitsexperten die Bedrohungslage», sagt die Mitte-Ständerätin. «Das ist ein Risiko. Wir lähmen uns damit selbst.»

Für Binder liegt die Bedrohung der Schweiz in den «hybriden Kriegshandlungen, die von Russland ausgehen und möglichen terrestrischen Angriffen». Bedrohlich sei aber auch das «Signal, das Bundesbern aussendet, nämlich dass uns die Eskalation in Europa nicht betrifft.»

Unter Sicherheitspolitiker:innen kursiere inzwischen ein Bonmot, erzählt die Ständerätin: Man kann Putin die Schweiz auch schuldenfrei geben.

Editiert von Samuel Jaberg

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