Gratulationen zwischen Hoffen und Bangen
Die Wahl des konservativen Kardinals Joseph Ratzinger zum Papst wurde in Europa und in den USA vorwiegend begrüsst. Lateinamerikas Katholiken sind enttäuscht.
Mit guten Wünschen und der klar geäusserten Hoffnung auf eine Fortsetzung der Öffnung begrüsste die Schweiz Papst Benedikt XVI.
Als Würdigung des neuen Papstes erklangen am Dienstagabend in den Bistümern der Schweiz die Kirchenglocken. Der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), Bischof Amedee Grab, strich die immense Erfahrung des neu gewählten Papstes Benedikt XVI. hervor.
Dieser kenne die Universalkirche perfekt und wisse genau, was die Probleme und Herausforderungen seien und wo die Lösungen liegen könnten, sagte der Churer Bischof im Westschweizer Radio RSR.
«Aufgrund der Erfahrung durch den langjährigen und regelmässigen Kontakt mit Kardinal Joseph Ratzinger bin ich absolut überzeugt, dass er uns kennt, uns liebt und uns zu helfen weiss.» Die Freude der Gläubigen auf dem Petersplatz sei ein Symbol für die Freude der Universalkirche.
Bundespräsident Samuel Schmid gratulierte dem Papst in einem Telegramm aus Japan und wünschte ihm ein fruchtbares Pontifikat. Bundesrat Joseph Deiss hofft, dass der neue Papst im Sinne des verstorbenen Johannes Paul II. seine Bemühungen um den Frieden fortsetzen wird.
Protestanten und Christkatholiken eher abwartend
Eher verhalten reagierten die Schweizer Protestanten auf die Papstwahl. Simon Weber, Pressesprecher des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, hofft auf einen ökumenischen Dialog und auf die Anerkennung der protestantischen Kirche durch Rom.
Die Christkatholische Kirche der Schweiz setzt grosse Erwartungen und Hoffnungen in den neuen Papst, wie sie am Dienstag mitteilte.
Sie fragt sich aber auch, ob sein Pontifikat zu einem neuen innerchristlich-ökumenischen Aufbruch führen wird. Offen sei auch, wie die Diskussion um die Neugestaltung des Papstamtes mit Aussicht auf eine Verständigung weitergeführt werden könne.
Muslime skeptisch, Juden optimistisch
Im Westschweizer Fernsehens TSR zeigte sich der Sprecher der Moschee in Genf, Rafic Quuardiri, eher enttäuscht über die Wahl Ratzingers. Er befürchte, dass damit der Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und der muslimischen Glaubensgemeinschaft weiterhin auf der Oberfläche bleibe.
Optimistischer äusserte sich die jüdische Gemeinde: «Der neue Papst war Johannes Paul II. sehr nah, dieser hatte eine Annäherung an das Judentum befürwortet», sagte Alfred Donath, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Er hoffe, dass sich dieser interreligiöse Dialog fortsetzen werde.
Küng enttäuscht
Aus Sicht des Schweizer Theologen Hans Küng ist die Wahl Ratzingers zum Papst eine «Riesenenttäuschung» für alle Reformorientierten. Allerdings gebe der gewählte Name Benedikt XVI. Hoffnung, dass der Papst einen gemässigten Kurs einschlagen könnte, erklärte der vom Vatikan verstossene Papstkritiker Küng.
«Wie bei einem Präsidenten der USA, sollte man einem neuen Papst 100 Lerntage zubilligen.» Küng riet zum Abwarten. Der Petrusdienst in der katholischen Kirche sei heutzutage eine derartige Herausforderung, dass er jede Person verändern könne.
«Wer als progressiver Kardinal ins Konklave ging, kann als konservativer Papst herauskommen.» Das habe das Beispiel von Paul VI. gezeigt. Daneben gebe es aber auch Beispiele für den umgekehrten Mechanismus, etwa Johannes XXIII.
Der neue Pontifex steht laut Küng vor einem Berg unerledigter Aufgaben. Zum Einen müsse der neue Papst die Ökumene voranbringen. Auch die Dezentralisierung der Kirchenleitung zu Gunsten einer grösseren Autonomie der Ortskirchen seien überfällig. Nicht zuletzt müsse der neue Papst endlich die Ebenbürtigkeit von Mann und Frau akzeptieren und Frauen den Weg zur Beteiligung auf allen Ebenen der Kirche bereiten.
Keine Chance für Lateinamerika
Die Wahl Ratzingers bedeutet nach Ansicht der Kirche in Brasilien – dem grössten katholisch geprägten Land der Erde – eine «Wende» des Vatikans Richtung Europa.
«Auch die Wahl des Namens Benedikt XVI. deutet darauf hin, dass Ratzinger sich in erster Linie der Wiederchristianisierung Europas widmen will», erklärte der stellvertretende Präsident der brasilianischen Bischofskonferenz, Antonio Celso de Queiroz.
«Europa meint immer noch, dass die anderen Kontinente unterentwickelt sind. Deshalb ist die Wahl eines Europäers nicht überraschend.»
Bayern frohlockt
Die bayerischen Politiker dagegen waren begeistert und sprachen von einem historischen Ereignis. Ministerpräsident Edmund Stoiber ordnete die Beflaggung aller staatlichen Gebäude in Bayern an und sagte: «Dies ist nicht nur ein grosser Tag für die Weltkirche, sondern ein grossartiger und wunderbarer Tag für Bayern und ganz Deutschland.»
Auch US-Präsident George W. Bush zeigte sich über die Wahl Joseph Ratzingers erfreut und würdigte den Deutschen als «Mann grosser Weisheit und Kenntnis». Er sei ein Mann, der dem Herrn diene, sagte Bush am Dienstag in Washington. Ratzinger habe ihn bei der Gedenkmesse für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. am 8. April sehr beeindruckt.
Gemischte Gefühle in Israel
In Israel stiess die Nachricht von der Wahl Ratzingers auf gemischte Reaktionen. Dass der 78-Jährige als Jugendlicher Mitglied der Hitlerjugend war, weckt bei einigen Israelis Misstrauen.
Die israelische Regierung verpackte in ihre höfliche Stellungnahme zu Ratzingers Wahl denn auch einen Seitenhieb: Israel sei «sicher, dass dieser neue Papst angesichts seines Hintergrunds genau wie sein Vorgänger eine starke Stimme gegen den Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen sein wird».
swissinfo und Agenturen
Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.
Als Bischof von Rom und damit Nachfolger des Apostels Petrus gilt er als Stellvertreter Christi auf Erden.
Der Papst hat als Einziger das Recht, Kardinäle und Bischöfe zu ernennen und neue Diözesen zu schaffen. Nur er kann Heiligsprechungen vornehmen. Diese Aufgaben können nicht delegiert werden.
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Das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit wurde erst 1870 definiert.
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