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Martinstag: Wein, Schwein und Nächstenliebe

Schlachtung eines Schweins vor dem Martinstag. Keystone

In der jurassischen Ajoie sind wieder Schweinereien Trumpf: Dort begeht man den Martinstag traditionell mit einem neungängigen Schlachtplatten-Menü.

Dabei war der Heilige Martin alles andere als ein Schlemmer und Prasser.

Die «Cochonnerie» in den Ajoier Restaurants hat gesundheitsgefährdende Ausmasse. Sie umfasst unter anderem Blutwurst, Presskopf, Suppenfleisch, Braten, Adrio, Sauerkraut, Kartoffeln, Randen und Nidelkuchen.

Hinuntergespült werden die Cholesterin-Bomben mit Damassine, einem Schnaps aus einer seltenen jurassischen Wildpflaumenart. Denn auch getrunken wird auf den Heiligen der Nächstenliebe und zwar hauptsächlich die so genannte «Martinsminne», der neue Wein. Martin gilt deshalb unter anderem als Schutzpatron der Säufer.

Sowohl Gelage wie Besäufnis passen allerdings schlecht zu dem demütigen Mönch Martin, der noch als Bischof in einer kargen Klause wohnte und zeitlebens seine Schuhe selber putzte.

Martin und die Gänse

Wirklich zu ihm gehört nur die Martinigans. Der Legende nach soll sich der spätere Heilige nämlich in einem Gänsestall versteckt haben, als er von seiner Wahl zum Bischof erfuhr. Aus Rache dafür, dass ihn das Federvieh durch sein Geschnatter verriet, liess er es schlachten und braten.

Genuin ist deshalb auch die «Gansabhauet» in Sursee im Kanton Luzern: Leute im roten Mantel und mit Sonnenmaske versuchen, die Hälse von zwei aufgehängten toten Gänsen mit einem Schlag zu durchtrennen.

Ende des Bauernjahres

Die übrigen Martins-Traditionen – etwa auch die Märkte – hängen mit dem Zeitpunkt Mitte November zusammen: Das Bauernjahr ist zu Ende, ein Teil des Viehs und der Ernte wird auf Märkten verkauft. Mit dem Erlös werden Kleider, Kochgeschirr und andere Gebrauchsgegenstände angeschafft.

Der neue Wein (Sauser) wird verkostet, Vieh wird geschlachtet, und was man an Fleisch nicht durch Räuchern und Beizen haltbar machen kann, wird gegessen.

Anlass zum Feiern hat man sowieso: Die Speicher und Vorratskammern sind voll und der Steuerzehnte abgeliefert.

Mantelteiler

Es war ausgerechnet ein besonders bescheidener Heiliger, der dem üppigen Schlemm- und Kauftag den Namen gab. Bevor er Bischof wurde, gründete er in Ligugé das erste Mönchskloster Europas.

Dort führte er mit seiner Gefolgschaft ein asketisches Leben und machte sich in der Bevölkerung als Seelsorger und Heiler beliebt. Der Legende nach erweckte er mindestens zwei Tote zum Leben.

Geboren wurde er nach neuester Forschung 336 in Sabaria, Ungarn (heute Stein am Anger). Als Sohn eines römischen Berufssoldaten musste er der Tradition folgend mit 15 Jahren ins Militär eintreten.

354 soll er vor den Stadttoren von Amiens einem nackten Bettler begegnet sein, dem er aus Mitleid seinen halben Mantel schenkte. Abgebildet war dies auf der alten Schweizer Hundertfranken-Note.

Wortstifter

In der Nacht darauf erschien ihm Christus im Traum und bemerkte anerkennend, dass Martin ihm seinen halben Mantel geschenkt hatte ohne getauft zu sein.

Tags darauf liess sich Martin taufen, zwei Jahre später trat er aus Gewissensgründen aus der Armee aus, was ihn später zum Schutzheiligen der Dienstverweigerer machte.

Die Reste seines Kapuzenmäntelchens (lat. capella) liessen die merowingisch-fränkischen Könige in ihren Schlachten dem Heer voraustragen. Sie sollen noch heute in der «Saint Chapelle» zu Paris aufbewahrt sein.

Die Hüter der Mantelhälfte wurden «capellani» (Kaplan) genannt, kleine Gotteshäuser generell «capella» und ebenso Kirchen- und andere Musikgruppen.

swissinfo und Irene Widmer, sfd

Der Heilige St. Martin soll im Jahr 336 in Sabaria, Ungarn, geboren worden sein.
Er war Soldat, später Bischof und Schutzparton der Armen.
Am 11. November wird der Martinstag begangen.

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