Presseschau vom 01.09.2003
Der Bombenanschlag von Najaf beschäftigt weiterhin die Kommentatoren der Schweizer Zeitungen.
Die Ermordung des Schiitenführers Ayatollah al-Hakim bringe die USA in Bedrängnis, so der einhellige Tenor.
«Irak vor dem Bürgerkrieg?», fragt sich der BLICK. Al-Hakim habe, wenn auch zähneknirschend, mit den Amerikanern zusammen arbeiten, eine Koalition der Vernunft schaffen wollen, um ein Gangsterparadies zu verhindern.
«Die Bombe vom Freitag hat diese irakische Zauberformel zerstört. Junge Radikale wie Iman Muktada rüsten zum Bürgerkrieg. Die Islamisten und die Bin-Laden-Schurken freuts.»
Ähnlich schätzt das ST.GALLER TAGBLATT die Lage ein:
«Nach der Ermordung des schiitischen Geistlichen brodelt es im Volk. Die Bildung von Milizen könnte in einen Bürgerkrieg in Irak münden.»
Gewaltspirale dreht schneller
Das Zweistromland werde von einer bisher nicht gekannten Form von Gewalt heimgesucht, kommentiert der Zürcher TAGES ANZEIGER. «Teures Lehrgeld», titelt er. Nun würde die Besatzungsmacht eiligst eine Polizeitruppe für die Städte Kerbala und Najaf zusammenstellen.
«Aber diese Methode, irakische Warnungen in den Wind zu schlagen und lieber eigene Fehler zu korrigieren, erweist sich als tödlich und kostspielig.»
Das Vertrauen in die Besetzer sei «irreparabel zerstört», mein der Berner BUND. «Schritt hin zum Chaos», überschreibt er seinen Kommentar.
Präsident Bush werde eines nicht allzu fernen Tages zwei schwer zu kontrollierenden extremistischen Strömungen gegenüber stehen: Den Schiiten und den sunnitischen Ablegern der Al-Kaida.
«Und die ist bereits da: Es war Bush, der bin Laden die Tore zu Irak weit aufstiess. Osamas Hohngelächter aus den südafghanischen Bergen wird hörbar schriller.»
Auch die BERNER ZEITUNG widmet ihren Kommentar dem Anschlag und dessen Folgen. Die Täter seien unter den Wahabiten, der Glaubensrichtung in Saudiarabien, zu finden.
«Aus ihrer Sekte ging später Saudiarabien hervor – und letztlich auch Osama Bin Laden.»
Altes Besatzermodell
Die US-Besatzer kämen nun in Bedrängnis, meint die BASLER ZEITUNG. Die USA würden «die Lehren aus dem Balkan ignorieren und überholten Besatzermodellen aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg anhängen».
Was dem Irak fehle, seien Polizei- und Streitkräfte, damit das Land die Macht möglichst bald wieder selber übernehmen könne. Doch praktisch gebe es noch einige Fragen, so die BAZ.
«Nach der Auflösung der irakischen Armee ist der Aufbau neuer Streitkräfte von geplanten 12’000 Mann derzeit nur Zukunftsmusik. Die 37’000 von den USA wieder in Dienst gestellten irakischen Polizisten wiederum sind nur ein Bruchteil dessen, was in den Städten benötigt wird, um auch nur die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Daran werden auch jene 28’000 Polizisten wenig ändern, die jetzt im Schnellverfahren in Ungarn ausgebildet werden sollen.»
Für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG ist der Anschlag ein «Rückschlag für die Bemühen der amerikanischen Besetzer, die gemässigte Schiitenmehrheit in ihre Aufbauarbeit mit dem Regierenden Rat einzubinden, und spricht allen Versprechungen der Stabilisierung des Landes Hohn.»
Und der CORRIERE DEL TICINO titelt: «L’Iraq sciita chiede vendetta», die irakischen Schiiten rufen nach Rache. Und diese dürfte sich wohl bald schon gegen die USA richten.
swissinfo, Christian Raaflaub
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