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Voodoo-Ausstellung aus Haiti fasziniert in Europa

Die 69-jährige Marianne Lehmann arbeitete früher auf dem Schweizer Konsulat. Thomas Kern

Die weltweit bedeutendste Voodoo-Ausstellung wandert derzeit durch Europas Städte und zieht überall tausende Besucher an. Gesammelt hat die Kult- und Kunstobjekte eine Schweizerin, die seit 50 Jahren in Haiti lebt. Das Erdbeben im Januar hat auch dem religiösen Erbe des Voodoo-Kultes Schaden zugefügt.

Marianne Lehmanns unscheinbares Haus in Port-au-Prince liegt im Stadtteil Pétion-Ville an der Rue Grégoire, verborgen hinter einem grünen Eisentor.

Auf dem Trottoir verkaufen Händler gefälschte Uhren, Bücher und Schmuck.

Tag und Nacht dringen der Lärm und die Schreie herüber von der Place Saint Pierre, wo seit Mitte Januar rund 3500 Obdachlose in Zelten campieren.

Marianne Lehmann hadert nicht mit dem Schicksal: «Ich habe Glück gehabt», meint sie im Gespräch mit swissinfo.ch.

«Die langen und geschmeidigen Wurzeln meines Kapok-Baumes (Ceiba pentandra) im Boden des Vorgartens haben beim Erdbeben vielleicht das Gemäuer meines Hauses zusammengehalten.» Nur einige Risse deuten auf die Katastrophe hin.

Voodoo vor der Haustür

Die Folgen der Erdbebenkatastrophe dringen auf indirektem Weg zu Marianne Lehmann. Im Erdbeben sind viele Voodoo-Tempel eingestürzt.

Die Anhänger der Voodoo-Religion – die Voodooisants – bringen immer wieder Kult- und zeremonielle Objekte an ihre Haustüre zum Verkauf. «Die Voodooisants versuchen zu retten, was sie können.»

Die Auslandschweizerin sammelt seit drei Jahrzehnten Voodoo-Kult-Objekte – Bizango-Gestalten, Textilien, Kultgefässe, Steinfiguren, Schmucksteine, mit Pailletten besetzte Tafeln, Spiegel und vieles mehr. «Im Lauf der Jahre sind mehr als 3000 Stücke zusammen gekommen.»

Nach dem Erdbeben stehen die Anhänger des Voodoo-Kults, der in Haiti seit 2003 als Staatsreligion anerkannt ist, unter Druck.

«Protestantische Fundamentalisten wiegeln die Menschen in ihrem bodenlosen Leid auf, erzählen, das Erdbeben sei über Haiti gekommen, weil die Menschen zu sehr gesündigt hätten. Sie müssten Busse tun. Das ist Quatsch.»

Illegaler Handel nimmt zu

Nicht alle wertvollen Kult-Objekte der zerstörten Voodoo-Tempel kommen in die sicheren Hände von Marianne Lehmann.

Es sei ihr zu Ohren gekommen, dass nach dem Erdbeben wertvolle Stücke illegal ins Ausland geschafft wurden.

«Viele Museen der Welt suchen exklusive Bizango-Figuren. Im Schlagschatten des Erdbebens saugen sich dubiose Kunsthändler abstruse Geschichten aus den Fingern, um das plötzliche Auftauchen der wertvollen Stücke zu erklären», meint die Schweizerin.

In den Wochen nach dem Beben sollen im Kunsthandel von New York 30 Bizango zum Kauf angeboten worden sein. «Die Kunstdealer erklärten, die Voodoo-Objekte hätten in Haiti, versteckt vor der 1986 gefallenen Duvalier-Diktatur, lange in einem Depot gelegen, das jetzt beim Erdbeben zerstört worden sei.»

13 weitere Bizangos seien an ein Museum in Oslo verkauft worden, glaubt Marianne Lehmann zu wissen.

Die Schweizer Sammlerin verfolgt den Handel mit den Voodoo-Kultobjekten mit Abscheu. «Man darf sakrale Gegenstände nicht schänden und nicht mit ihnen handeln. Bizangos tragen im inneren einen Menschenschädel. Der haitianische Staat sollte gegen die Kunst-Dealer vorgehen. Aber er ist zu schwach dazu.»

Sie schaffte, woran niemand glaubte

Nach jahrelanger Arbeit hat Marianne Lehmann im Jahre 2007 geschafft, woran niemand glauben mochte: Der Schweizer Kunstsammlerin ist es gelungen, das ethnographische Museum von Genf zu überzeugen, die Voodoo-Kunst- und Kultobjekte nach Europa zu bringen. «In Genf haben 40’000 Besucher die Voodoo-Ausstellung besucht.»

Die von Lehmann initiierte Ausstellung erwies sich als durchschlagender Erfolg: Nach Genf wurde die Ausstellung in Amsterdam und in Göteborg gezeigt. Zurzeit ist sie im ethnologischen Museum in Berlin zu sehen. Die Voodoo-Kunst hat hunderttausende Besucher gefunden.

Warum tragen die Anhänger der Voodoo-Religion gefährdete Objekte in Port-au-Prince zur Schweizerin mit dem schlohweissen Haar? Frau Lehmann weiss es nicht genau: «Die Leute können sicher sein, dass ich die Objekte nicht verkaufe. Im Gegenteil. Ich bezahle dafür, damit sie in Sicherheit sind, und muss deswegen immer wieder im Alltag schmal durch.»

Wohin mit dem Voodoo?

Werden die 350 Objekte, die jetzt als Wanderausstellung in europäischen Hauptstädten zu sehen sind, je wieder nach Haiti zurückkehren?

Marianne Lehmann ist zuversichtlich, glaubt aber, dass jetzt nicht der Zeitpunkt dafür ist: «Nach der Erdbeben-Katastrophe sind die Objekte im Ausland sicherer als in Haiti.»

Marianne Lehmann hat ihr Lebenswerk auf Reise geschickt – und plant ein neues Projekt: «Haiti braucht ein ethnographisches Museum. In meiner Sammlung gibt es nicht nur tausende von Voodoo-Kultobjekten. Es finden sich auch sehr viele Stücke der Ureinwohner, der Taino. Ich sehe in Haiti einen Ort, wo die Kulturen des geschundenen Landes zusammenkommen: Objekte, traditionelle Medizin, Bilder, Filme, Kunst und Kult.»

Erwin Dettling, Port-au-Prince, swissinfo.ch

Voodoo ist spirituelle Lebensart, eine Religion und lebendige Kultur in einem.

Voodoo ist eine ursprünglich westafrikanische Religion. Das Wort «Vodou» stammt aus der Fon-Sprache, die in Benin und Nigeria heimisch ist. Vodou bedeutet soviel wie Gott, Geist oder heiliges Objekt.

Bedingt durch die Sklaverei enthält die Voodoo-Religion neben den afrikanischen auch Elemente des Islam, des Katholizismus sowie indianische Religions-Praktiken.

Die Eroberer zwangen die versklavten Menschen in der neuen Welt zum katholischen Glauben.

Die Sklaven nahmen ihre religiösen Überzeugungen mit, verbanden die Bilder katholischer Heiliger mit afrikanischen Geisterwesen, die ähnliche Symbolgehalte aufweisen. Die Gottheiten des Voodoo heissen Loas.

Die Ausübung der Voodoo-Religion war in Haiti während Jahrzehnten und bis 1991 verboten. Seit 2003 ist Voodoo in der Verfassung als Religion anerkannt.

Die Schweizerin hat in mehr als 30 Jahren rund 3500 Vodou-Objekte zusammengetragen.

Nur ein kleiner Teil, rund 350 Objekte, sind in die Ausstellung integriert, die seit vier Jahren in europäischen Städten zu sehen ist.

Die Sammlung Lehmann hat das Erdbeben vom 12. Januar 2010 – trotz schlechter Unterbringung – weitgehend unbeschadet überstanden.

– Ethnologisches Museum Berlin (aktuell)

– Tropenmuseum Amsterdam

– Weltkulturmuseum Göteborg

– 2007: Musée d’Ethnologie, Genf

Die Ausstellung stellt Voodoo in seiner Gesamtheit dar.

Voodoo ist neben dem religiösen Aspekt auch ein Ausdruck von Kunst und Form, von Armut und Unterdrückung.

Die Schau soll das «Geheimwissen» dieser Religion zeigen und helfen, Vorurteile gegenüber dem Voodoo abzubauen.

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