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Als der Schah von Persien wütend auf die Schweiz war

Die Räumlichkeiten des iranischen Konsulats in Genf während der Besetzung. SRF

1976 besetzte eine Gruppe von Studenten das iranische Konsulat in Genf. Die Aktion belastete die Beziehungen zwischen dem Iran und der Schweiz. Aber am Ende überwogen die wirtschaftlichen Interessen.

Dieser Inhalt wurde am 28. Oktober 2020 - 09:00 publiziert

Wir schreiben den Morgen des 1. Juni 1967. Zwei junge Männer melden sich im iranischen Konsulat in Genf. Sie wollen ihre Pässe erneuern. Der stellvertretende Konsul empfängt sie. Wenige Minuten später betritt ein Dutzend junger Männer das Konsulat und besetzt die Räumlichkeiten. Während einige Vandalismus begehen, nutzen andere den Fernschreiber, um eine Pressemitteilung zu verschicken. So steht es in einem Bericht der Genfer Polizei.

Gegen 11 Uhr erscheint die Polizei. Die Besetzer – iranische Studenten, die in Italien, Deutschland und Österreich leben – akzeptieren nach einigen Diskussionen, die Räumlichkeiten zu verlassen.

Die Polizisten stellen fest, dass die Mitarbeitenden des Konsulats keiner Gewalt ausgesetzt gewesen sind. Mit Ausnahme des Generalkonsuls Reza Esfandiary, "dem schwarzer Lack auf sein Gesicht und auf seine Kleidung gespritzt worden war".

Zunächst scheinen die Strafverfolgungsbehörden den Hauptgrund für die Aktion zu übersehen: Die Aktivisten sind in die Genfer Büros des Savak eingebrochen, des gefürchteten Geheimdiensts des Schahs von Persien. Dort haben sie Tausende von Dokumenten entwendet. In den folgenden Wochen werden Auszüge aus den Dokumenten in der Presse veröffentlicht.

"Die Bundesbehörden befanden sich in einer sehr heiklen Situation", sagt Sacha Zala, Direktor der Forschungsstelle "Diplomatische Dokumente der Schweiz" (Dodis). "Einerseits mussten sie die harte Reaktion Teherans verkraften, andererseits sahen sie sich konfrontiert mit der Empörung der Schweizer Öffentlichkeit über die Aktivitäten des Savak auf Schweizer Boden."

Die Besetzung des Konsulats "markierte […] den Höhepunkt der Störaktionen der iranischen Opposition auf der kaiserlichen Ferieninsel Schweiz". Das schreibt die Historikerin Daniela Meier Mohseni, Autorin einer Dissertation über die Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Iran.

Ein schwieriger Gast und seine Gegner

Schah Mohammad Reza Pahlavi (1919-1980) hat eine besondere Beziehung zur Schweiz. In seiner Jugend besuchte er ein Internat in Rolle am Genfersee. Ab Mitte der 1960er-Jahre verbringt er dort mit seiner dritten Frau, Farah Diba, regelmässig seine Ferien. 1968 kauft er eine Villa in St. Moritz, Kanton Graubünden. Diese wird bald zu einer Art Winterresidenz für den kaiserlichen Hof.

Die Präsenz des Schahs in der Schweiz bereitet den Behörden einiges Kopfzerbrechen. In den 1960er-Jahren veranlasste der wachsende Despotismus des Regimes von Reza Pahlavi die iranische Opposition, sich international zu organisieren und die Studentenbewegungen einzuspannen. Das erste Zeichen dieser Allianz war in Berlin zu spüren. Dort führte eine Demonstration gegen einen Besuch des Schahs 1967 zu blutigen Unruhen.

Auch in der Schweiz gibt es eine Bewegung, die dem iranischen Regime gegenüber feindlich gesinnt ist. Im Herbst 1971 löst die Teilnahme der Schweiz an den prachtvollen Feierlichkeiten zur 2500-Jahr-Feiefr des Persischen Reichs in Persepolis eine breite Kontroverse aus.

Zur gleichen Zeit löst auch das Todesurteil gegen den Bruder eines in der Schweiz studierenden Iraners Proteste aus. Im Juni 1972 wird die Rede des Schahs vor der Versammlung der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf durch heftige Strassendemonstrationen begleitet.

Die Proteste zwingen Bern, der Sicherheit der kaiserlichen Familie in der Residenz in St. Moritz und an anderen Wohnorten in der Schweiz besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Der Schah seinerseits versäumt es nicht, seine Enttäuschung über die Kritik an seiner Person und seiner Arbeit zum Ausdruck zu bringen.

Wirtschaftliche Interessen

Andererseits nimmt das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern in den 1970er-Jahren rasch zu. Dies nach Jahren des relativen Desinteresses der Schweizer Industrie an Handelsbeziehungen mit dem Iran (Reza Pahlavi beklagte sich 1970 noch darüber) und trotz der starken Stimmung gegen das Schah-Regime.

Die vom Erdölsektor getriebene iranische Wirtschaft wird für die Schweizer Exportindustrie besonders attraktiv. Die grossen Investitionen des Teheraner Regimes in die Streitkräfte bieten auch neue Chancen für Schweizer Rüstungsunternehmen.

In nur wenigen Jahren wird das Land im Nahen Osten zu einem der Hauptkunden der schweizerischen Kriegsmaterial-Industrie. Obwohl sich die Bundesbehörden bewusst sind, dass sie sich auf heiklem Terrain bewegen und dies kritische Reaktionen hervorrufen könnte. 1975 beträgt der Handelsüberschuss der Schweiz gegenüber dem Iran rund 530 Millionen Franken.

Die Savak-Affäre

Die Besetzung des iranischen Konsulats in Genf stört das fragile Gleichgewicht der Schweizer Politik. Sie will sich das Wirtschaftswachstum des Iran zunutze machen, achtet aber auch auf die Empfindlichkeiten der öffentlichen Meinung.

Die Aktion bringt die Bundesbehörden in eine sehr schwierige Lage: Das Völkerrecht verpflichtet den Gaststaat, in diesem Fall die Schweiz, zum Schutz der konsularischen Vertretungen und derer Archive. Zuständig sind jedoch die Justizbehörden des Kantons Genf.

Die Besetzer werden zuerst verhaftet, dann ohne Kaution freigelassen und verlassen die Schweiz. Sie bringen dabei auch die gestohlenen Originaldokumente ausser Landes. Die iranische Botschaft reicht zunächst eine Beschwerde gegen die Studenten ein.

Doch später überlegt sie es sich noch einmal: Sie will vermeiden, der Opposition eine politische Plattform zu bieten. Die Anwälte der Verteidigung sind jedoch in der Lage, eine Fortsetzung des Prozesses durchzusetzen.

Gleichzeitig untersucht die Bundespolizei die Aktivitäten der Schah-Geheimpolizei in der Schweiz. Dies auch aufgrund einer parlamentarischen Anfrage des damaligen sozialdemokratischen Abgeordneten Jean Ziegler.

Während der Prozess in Genf ins Stocken gerät, führt die Untersuchung über den Savak im August zur Ausweisung von Ahmad Malek-Mahdavi, Erster Sekretär der iranischen Ständigen Delegation bei den Vereinten Nationen (UNO) in Genf.

Beleidigter Monarch

Der Iran reagiert mit Empörung und weist seinerseits einen Schweizer Diplomaten aus. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern geraten in eine tiefe Krise. Die Regierung in Teheran wirft der Schweiz vor, die iranische Opposition zu begünstigen und fordert wiederholt eine exemplarische Bestrafung der Besetzer und die Rückgabe der Dokumente. Andererseits achtet sie penibel darauf, die Echtheit der gestohlenen Dokumente nicht anzuerkennen. Damit verhindert sie schliesslich den Genfer Prozess.

"Was offensichtlich ist [...] ist, dass der iranische Souverän sehr unglücklich ist", schreibt Charles-Albert Wetterwald, der Schweizer Botschafter in Teheran, im September 1976. "Er machte vor einem unserer Landsleute kein Hehl daraus, [...] dass ihn die Schweizer Haltung beleidigt hatte und er auch ohne uns auskommen könnte."

Die Unzufriedenheit des Monarchen zeigt sich darin, dass er die Vorzugsbehandlung aussetzt, die Schweizer Unternehmen bisher gewährt wurde. Im Privatsektor sind diese Probleme relativ klein. Aber die Schweizer Industrie stösst bei der öffentlichen Beschaffung zunehmend auf Hindernisse. Es geht um Millionengeschäfte.

Wirtschaft beschleunigt Tauwetter

Die Schweizer Behörden denken immer wieder über mögliche Auswege aus der verfahrenen Situation nach. Im November 1976 üben sie auch Druck aus auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Dieses muss eine dem Fall Savak gewidmete Sendung um zwei Wochen hinausschieben und auch den Standpunkt der Regierung einfügen.

Während des Winters nähert man sich langsam wieder an. Im März 1977 ermöglichen verschiedene von Bern nach Teheran gesendete Signale der Schweiz schliesslich, einen Friedensboten an den Hof des Schahs zu senden. Es ist der ehemalige Nationalbank-Präsident Edwin Stopper.

"Die Besprechungen über wirtschaftliche Probleme kamen erst ins Rollen, als der Friede mit einer Tasse Tee besiegelt war", schreibt Stopper. Während des Treffens bekräftigt der Schah sein Interesse an der Förderung und Entwicklung von Handelsbeziehungen mit der Schweiz.

"Jenseits der Versöhnungsgesten überwiegen schliesslich die wirtschaftlichen Interessen gegenüber den politischen Spannungen", sagt Dodis-Mitarbeiter Yves Steiner. Die neu gefundene Harmonie ermöglicht es der Schweizer Industrie, für kurze Zeit wieder gute Geschäfte zu machen. Zwischen 1976 und 1977 nehmen die Exporte in den Iran um 20% zu.

Doch schon bald mischt die islamische Revolution, gestartet von Ajatollah Khomeini in Paris, die Karten im Iran wieder völlig neu.

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