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Schweizer Bräuche: Masken, die Kopfweh bereiten können

"Échelliers, Fête des Pailhasses", Cournonterral (Languedoc, Frankreich) 2025.
"Échelliers, Fête des Pailhasses", Cournonterral (Languedoc, Frankreich) 2025. © Charles Fréger

Der französische Fotograf Charles Fréger wurde eingeladen, in der Schweiz Winterbräuche zu fotografieren. Seine Arbeit zu alten Bräuchen stellt Fragen an die Gegenwart.

In Teufen im Appenzell liegt nur noch etwas Schnee. Langsam schmilzt er weg. Am letzten Tag des Jahres kann man hier nächtlich archaischen Gestalten antreffen, sogenannte «Silvesterchläuse», eingekleidet in Tannenreisig oder in Stroh, manche mit dämonischen Masken – wie sie sich in Gruppen von Haus zu Haus bewegen und zum eigentümlichen, mehrstimmigen „Naturjodel“ aus klingenden Vokalen und Silben ansetzen.

Doch in Teufen kann man auch Traditionen aus Rumänien begegnen. Für sein Projekt «Charivari» hat der bekannte französische Fotograf Charles Fréger Schweizer Fasnachten und weitere traditionelle Rituale fotografiert, die böse Geister oder den Winter vertreiben sollen. Seine aktuelle Ausstellung im Zeughaus in Teufen mischt die Fotografien aus der Schweiz mit solchen, die anderswo in Europa entstanden sind.

«Charivari» steht für Katzenmusik und Chaos. Der Begriff hat seinen Ursprung im griechischen “karebaria“ für Kopfschmerzen, das deutsche Wort «Krawall» ist eng verwandt. Fréger interessieren Bräuche, die einen Zustand kollektiver Unordnung herstellen.

Charles Fréger
Charles Fréger Courtesy of Charles Fréger

Eine Fotografie in der Ausstellung zeigt das programmatisch: Männer sind eingespannt in eine Leiter, die sie quer tragen, die Umkehr der Sprossen steht für die Aufhebung der üblichen Hierarchien.

Solche Bräuche ermöglichen «eine Art Reset der Gemeinschaft», erklärt Charles Fréger. Doch er sieht die heutige Funktion von Festen wie dem Karneval kaum mehr in der Umkehr aller Verhältnisse – die finde heute anderswo statt.

«Heute findet man Ventilfunktion der Maskerade eher in den sozialen Netzwerken, statt Masken verwendet man Avatare oder Pseudonyme. Wie Masken geben sie Freiheiten gegenüber dem Rest der Welt», sagt der Fotograf.

Fréger interessieren die fotografierten Rituale als Momente der Verbindung zwischen Menschen. Am liebsten fotografiert er in kleinen Dörfern, wo kleine verschworene Gruppen sich maskiert zusammentun.

Sein Blick auf die alten Bräuche ist der eines Sammlers. Sein Vorgehen wurde auch schon mit dem verstorbenen deutschen Fotokunstpaar Bernd und Hilla Becher verglichen, die mit radikaler Sachlichkeit Industriebauten fotografisch dokumentierten. Doch anstatt Bohrtürme und Silos fotografierte der Franzose Fréger zunächst Uniformen, später dann immer wieder Verkleidungen.

Seine Serie «Charivari» sieht Fréger als Weiterführung seines anderen Projekts «Wilder Mann», wo er die Figur eines animalischen Manns dokumentiert, der international in verschiedenen Formen auftaucht: im Wallis als «Tschäggete», in Österreich als «Perchten», als «Burryman» in Schottland. «Wilde Männer» sind in Naturmaterialen gekleidete Wesen, mit zum Teil furchterregenden Masken, irgendwo zwischen Teufel, Bär und manchmal zotigen Ziegen, wie in Rumänien.

Das Andere und sich selbst karikieren

In «Charivari» zeige er Figuren, die er bisher «eher gemieden» habe, es handelt sich oft um Figuren, die Konflikte auslösen können. Manche Begegnungen, die Fréger in «Charivari» dokumentiert, wirken beispielsweise brutal. So zum Beispiel der Brauch im Dorf Herisau, bei dem einmal im Jahr eine Beerdigung für das erfundene Kind Gidio Hosestoss inszeniert wird.

Gidio stirbt jedes Jahr aufs Neue. Er erstickt an einem gestohlenen Keks, seine Eltern gehen mit grotesken Masken weinend hinter dem Trauerzug her, der Pfarrer hält eine höhnische Predigt. «Das wirkt äusserst hart. Doch ich verstehe es eher wie einen Zauber, in dem ich das Schrecklichste, was passieren könnte, zeige – und dadurch abwehre», meint Fréger. Es sei «ein Bild gegen den Tod».

"Trauergemeinschaft um Gidio Hosestoss", Herisau (Appenzell), 2025.
«Trauergemeinschaft um Gidio Hosestoss», Herisau (Appenzell), 2025. ©️Charles Fréger

Bei seinen Reisen durch Europa begegnet Fréger bei solchen Anlässen aber auch immer wieder karikierenden Darstellungen von marginalisierten Minderheiten wie Roma, Juden und Schwarze. Dabei nimmt er keine klar verurteilende Position ein. So interessiert er sich beispielweise für den «Zwarten Piet».

Diese traditionelle Figur, die in den Niederlanden St. Nikolaus begleitet, wird seit längerem als rassistisch kritisiert, weil sie eine lächerliche Darstellung schwarzer Menschen ist und blackfacing normalisiert. „Ich habe keine ganz feste Meinung zu diesem Thema. Aber es interessiert mich, wie bestimmte Maskeraden politisch degradiert wurden.

Wie konnte etwas, das noch in den 2000er-Jahren für das Wunderbare, Kindliche stand, innerhalb weniger Jahre zu einer monströsen Figur werden?“

Die Ausstellung in Teufen zeigt auch mehrere Maskeraden der Malanka-Feier, die in der Ukraine, in Rumänien und der Republik Moldau gefeiert wird – in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar, im Neujahr nach dem orthodoxen-julianischen Kalender.

Ganze Dorfgemeinschaften verkleiden sich, eine grosse Bandbreite symbolischer Figuren werden in den Kostümen verkörpert: Der Priester, der Teufel, Figuren, die an untergegangene Mächte erinnern, wie die «Arnaut», die albanischen Söldnern im Osmanischen Reich nachempfunden sind, aber auch Masken, die stereotypisierte Roma darstellen.

Oft sind die Figuren des Charivari Karikaturen des Fremden, des Anderen, des Ausgegrenzten. «Es gibt viele Darstellungen in europäischen Maskeraden, die nicht konsensfähig sind. Es geht um die Konfrontation zwischen Gemeinschaften, Erinnerungen an Invasionen und Kriege», sagt er.

Der Fotograf findet es wichtig, solchen Polemiken Raum zu geben: «Wir müssen unsere Fähigkeit zum Spott wiederbeleben.» Er sieht sich umgeben von «einer Welt, in der man sich derzeit über nichts mehr lustig machen kann.»

Der «Charivari» ist auch ein zentraler Begriff an der Basler Fasnacht. An den Schnitzelbänken in Basel hat sich Fréger denn auch am wohlsten gefühlt auf seiner Tour durch die Schweiz. Schnitzelbänke sind musikalische Reimvorträge, die sich über alles Mögliche mokieren. «Ich mochte diese Hofnarrenartige sehr. Gleichzeitig kam ich dort sofort in Kontakt mit den Leuten.»

Doch zentral für Fréger ist auch: «Satire funktioniert nur, wenn man selbst bereit ist, sich lächerlich zu machen.»

"Nünischlingler", Ziefen (Basel-Landschaft), 2024.
«Nünischlingler», Ziefen (Basel-Landschaft), 2024. ©️Charles Fréger

Besonders faszinierten ihn in der Schweiz deswegen die «Nünichlingler»: Männer in langen schwarzen Mänteln, Glocken um ihren Hals und sehr hohen Zylindern.  An Heiligabend, jedes Jahr um neun Uhr abends, gehen sie geistergleich durch das Dorf Ziefen in der Region Basel.

Ursprünglich waren die Figuren Kinderschrecke, die Brave belohnen und Ungehorsame bestrafen sollten. Seit dem 20. Jahrhundert prägen Disziplin und Schweigsamkeit den Brauch, der vor allem vom Wettbewerb um den höchsten Hut angetrieben ist.

«Diese Hüte haben etwas Grössenwahnsinniges, irgendwann haben sie sich in diesen Erhöhungswettkampf reingesteigert, bis sie aufhören mussten, weil die Hüte nicht mehr unter den Stromleitungen durch passten», so der Fotograf.

Das Verbindende in seiner Ausstellung «Charivari» besteht für Fréger auch darin, dass Menschen sich in ihrer Lächerlichkeit produzieren: Der Bürgermeister rennt als Schwein durch die Strassen, der Politiker sitzt auf einem Esel, Menschen geben sich groteske Körper. 

«Charivari ist nicht nur die Freiheit, zu viel zu trinken, zu viel zu essen, zu tun, was man will. Es ist auch der Moment, in dem man in den Spiegel schaut und lächerlich ist und über sich selbst lacht», sagt Fréger. An solchen Gelegenheiten fehle es im Moment.

Editiert von Mark Livingston und Benjamin von Wyl

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