The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

«Bad News» mit «Good News» austreiben?

Manch einer möchte einen Blick hinter die Kulisse der katholischen Kirche werfen. Reuters

Will die von Missbrauchsvorwürfen gebeutelte katholische Kirche mit ihrer Plakat- und Internet-Kampagne "Mehr Good News" von ihren Problemen ablenken? Die Meinungen darüber sind auch innerhalb der Kirche geteilt.

Die katholische Kirche der Schweiz riskiert mit ihrer Kampagne «More Good News» eine Bruchlandung. Dessen ist sich Norbert Brunner, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz und Bischof von Sitten, bewusst.

Die Doppeldeutigkeit komme nicht von ungefähr. «Es geht um die gute Nachricht im Sinne des Evangeliums, die für alle Christinnen und Christen zentral ist», sagen die Kampagnenmacher. Es geht der Kirche aber auch um mehr Platz für gute Nachrichten «in einer Medienwelt, die den Wert von News an Konflikten und Skandalen misst.»

Also suchen die Katholiken nach guten Nachrichten, wie etwa einer besonders gelungenen Veranstaltung oder einem besonderen Ereignis in einer Pfarrei. Auf der Kampagnenwebseite liest sich das dann etwa so: «Die Stiftung St. Martin baut Brunnen in Kamerun. Jetzt kann der 1255. Brunnen erstellt werden – dank des Lions Clubs Zugerland.»

Oder: «Die Pfarrei Niederhelfenschwil-Zuckenriet feierte am Weissen Sonntag mit 19 Mädchen und Knaben das Fest der Erstkommunion.»

Papst verzeiht Beatles

Als internationale «Good News» wird aufgeführt, dass der Vatikan den Beatles verzeiht. Denn John Lennon hatte 1966 gesagt, die Beatles seien «grösser als Jesus». Zudem war und ist Sex, Drugs und Rock’n Roll auch keine dem Vatikan genehme Lebensweise.

Beatles-Drummer Ringo Starr reagierte erstaunt. Er habe den Eindruck, der Vatikan habe anderes zu tun, als den Beatles zu verzeihen – angesichts der verschiedenen Missbrauchs- und Pädophilie-Skandale, in welche die Kirche verstrickt sei.

Ärgernis

Aber auch in den Online-Communities des Schweizer Fernsehens und Online-Ausgaben von Schweizer Zeitungen ärgern sich viele über solch gute Nachrichten:

«Ablenkung oder Täuschung? Etwas anderes wird die Plakat-Kampagne nicht sein. Was hat die kath. Kirche den Menschen von heute noch zu bieten ausser den alten verknorzten Strukturen? Erst wenn diese Strukturen gelockert würden, könnte man von Good News sprechen. Alles andere ist bloss Ablenkung von den echten Problemen dieser Kirche», ist da zu lesen

Xaver Pfister, Medienbeauftragter der römisch katholischen Kirche des Kantons Basel-Stadt, findet die Kampagne in der momentanen Situation unvernünftig.

«Liest man ‚Good News‘, denkt man an die Missbrauchsgeschichte. So kann man sagen, die reden von ‚Good News‘, aber es kommen nur ‚Bad News‘ raus.»

Werner De Schepper, Vizepräsident der Medienkommission der Schweizer Bischofskonferenz, äussert eine ganz andere Ansicht: «Der Zeitpunkt für diese Kampagne ist jetzt genau richtig! Es geht um die immer noch explosive, revolutionäre Botschaft, um die gute Nachricht vom Evangelium.»

Stachel

Diese Geschichten hätten auch immer einen Stachel. De Schepper sieht in der «More Good News»-Kampagne einerseits eine Medienkritik an den säkularen Medien, an der Gesellschaft.

«Sie ist aber auch eine Kirchenkritik. Das ist ein Stachel, der die Diskussion fördert. Ich setze mich für eine Kirche ein, die für die gute Nachricht Platz lässt und gegen eine Kirche, bei der offensichtlich jahrzehntelang unter dem Deckmantel der guten Nachricht Missbrauchsgeschichten stattgefunden haben.»

Saubere Aufarbeitung gefordert

«Es geschieht auch in der katholischen Kirche viel mehr Gutes, als man in der Öffentlichkeit erfährt. Darüber mehr zu berichten, halte ich für richtig. Doch der Zeitpunkt jetzt ist für eine solche Plakatkampagne sicher verfehlt. Es gilt jetzt, die problematischen Ereignisse sauber aufzuarbeiten», schreibt ein Online-Diskussionsteilnehmer.

Eine PR-Kampagne müsse auf den tatsächlichen Leistungen aufbauen. «Die sind sicher da, aber solange die Missbrauchsfälle nicht befriedigend aufgearbeitet sind, läuft eine Kampagne ins Leere.»

Das wäre auch in Xaver Pfisters Sinn. Er empfindet De Scheppers Ansicht, man solle stutzig werden, da es bei den Medien ja üblicherweise heisse, «Bad News are Good News», zu abstrakt. Zudem ist für Pfister der Bericht über eine Erstkommunionsfeier «noch keine Good News».

Der Basler fordert vor allem Transparenz. Noch vor kurzem hatte zum Beispiel der Abt des Klosters Einsiedeln am Fernsehen gesagt, die katholische Kirche gelange bei einem Missbrauchsfall erst dann an die Behörden, wenn das Opfer damit einverstanden sei. Diese Aussage wurde zwar inzwischen von der Schweizer Bischofskonferenz korrigiert. Künftig wolle man solche Fälle gleich den zuständigen Behörden melden.

Der Vatikan hat eine solche Regelung bereits 2003 publiziert. Die Öffentlichkeit hat aber erst vor kurzem davon erfahren.

Pfister möchte, dass sich die Kirche in der jetzigen Situation nach Innen orientiert. «Sie sollte die vielen verunsicherten Katholiken informieren, wie sie mit Missbrauch umgeht.»

Richtige Good News müssten erst mal geschaffen werden. Und dafür sei Transparenz nötig. Pfister bezieht sich auf Papst Paul VI., der propagierte, die Kirche müsse ein Glashaus sein, in das man rein sehen könne. Ein Ort, wo es nichts zu verbergen gebe. «Aber die Kirche ist eine uralte, sehr träge Institution.»

Etienne Strebel swissinfo.ch

«Es ist Aufgabe unserer Kirche, das Evangelium – eben die gute Nachricht – zu verkünden. Wir tun dies in vielfältiger Weise. Deshalb gehen die Schweizer Bischöfe in die Offensive: (…) Der Mediensonntag, den die katholische Kirche weltweit begeht, wird in der Schweiz am 15./16. Mai 2010 gefeiert und steht unter dem Slogan “mehr good news”. Er will dazu anregen, unsere Haltung gegenüber den Massenmedien zu reflektieren. Die Kollekte kommt Projekten in unserem Land zu gute, die dazu beitragen, mehr Platz für die gute Nachricht zu erhalten, christliche Werte zu verkünden und so zu einer menschlicheren und gerechteren Welt beitragen.

Auf vielerlei Weise sind wir als Kirche täglich für die Verbreitung der guten Nachricht in den modernen Medien im Einsatz: Im Radio oder Fernsehen mit der Übertragung von Gottesdiensten oder Produktion von religiösen Sendungen, im Internet mit der aktuellen Berichterstattung über kirchliche und religiöse Themen, in Zeitungen und Zeitschriften mit Hintergrundberichten und der Darlegung christlicher Werte und vieles mehr. Die Kollekte Ihrer Pfarrei ermöglicht die gute Weiterführung dieser Arbeit und die Entwicklung neuer Ideen.»

Abt Martin Wehrlen, Medienverantwortlicher der Schweizer Bischofskonferenz

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft